2014 Rückblick: Was ereignete sich 2014 in der Region?

Anfang Juli ist der Vogel im Blautal bei Blaubeuren-Gerhausen dem Hobbyfotografen Jonas Autenrieth vor die Linse geflogen - mit einer Bisamratte im Schnabel.
Anfang Juli ist der Vogel im Blautal bei Blaubeuren-Gerhausen dem Hobbyfotografen Jonas Autenrieth vor die Linse geflogen - mit einer Bisamratte im Schnabel. © Foto: Jonas Autenrieth
Region / THOMAS STEIBADLER 31.12.2014
Was ist im Jahr 2014 in der Region passiert? Unser Redakteur Thomas Steibadler blickt zurück - mit Ironie und von A bis Z.
Altlandrat des Jahres ist Erich Josef Geßner. Das ist nicht selbstverständlich, denn Altlandrat ist in Bayern ein Ehrentitel. Geßner war 18 Jahre lang Landrat des Kreises Neu-Ulm, ehe er am 1. Mai den Büroschlüssel an seinen Nachfolger Thorsten Freudenberger übergab. Bereits ein paar Tage zuvor war er offiziell verabschiedet worden. Zur Feier in Roggenburg kamen 200 geladene Gäste und spielten 110 Musikerinnen und Musiker in Dirndln und Lederhosen. Es folgten weitere Empfänge und Laudationes, zumal Geßner am 14. August seinen 70. Geburtstag feierte.

Botschafterin des Jahres ist Annette Schavan. Nach dem plagiatsbedingten Verlust ihres Ministeramts und Doktortitels legte sie zum 30. Juni auch das Bundestagsmandat nieder, um tags darauf den Posten der deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl anzutreten. Am 8. September überreichte die Neu-Diplomatin – schwarzes Kostüm, schwarzer Hut – ihr Beglaubigungsschreiben an Papst Franziskus. Dass sie in Rom den schönen Alb-Donau-Kreis nicht vergessen hat, bewies Annette Schavan Ende November: In Emerkingen bestellte sie 40 Weihnachtsbäume.

CSU-Gipfel des Jahres war die Feier zum 75. Geburtstag von Theo Waigel in Roggenburg. Am 26. April, vier Tage nach dem eigentlichen Jubeltag des früheren Parteivorsitzenden und Finanzministers, gaben sich ehemalige und aktive Poltiker mit christlichsozialem Hintergrund im Kloster Roggenburg ein Stelldichein: Alois Glück, Ex-Präsident des bayerischen Landtags, Alfred Sauter, Ex-Justizminister im Freistaat, Entwicklungsminister Gerd Müller . . . Auch ein Träger des „Memminger Freiheitspreises 1525“ (den gibt’s wirklich) war da: der Dichter Reiner Kunze.

Duellanten des Jahres sind Guido Wolf und Thomas Strobl. Vor dem CDU-Mitgliederentscheid über den Herausforderer von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) glänzten beide mehrmals mit Auftritten in der Region. „Ein Politiker ist kein Unmensch“, sagte Wolf in Blaubeuren. Ob das auch für Strobl gilt, der bei seinem Besuch in Temmenhausen als „Vollblutpolitiker“ bezeichnet wurde? Jedenfalls sind Politiker Sprücheklopfer, allen voran Wolf selbst: In Allmendingen bezeichnete er Ministerpräsident Kretschmann sinngemäß als blöd für zwei.

Einfall des Jahres ist der Name „Fuggerhalle“ für die neue Mehrzweckhalle in Weißenhorn. Darauf muss man erst mal kommen: in der Stadt, die der habsburgische König Maximilian im Jahr 1507 an Jakob Fugger, genannt „der Reiche“, verkauft hatte, die ein Fugger Schloss beherbergt und sich „Fuggerstadt“ nennt. Die Stadträte waren denn auch recht zufrieden mit ihrer Idee: „Fuggerhalle würde doch Sinn machen“, sagte einer. Vielleicht auch deswegen, weil Geld beim Bau kaum eine Rolle gespielt hatte. 10,1 Millionen Euro sind wirklich Fugger-würdig.

Furcht des Jahres ist die Angst der Steinmetzen vor der Naturbestattung. Gestorben wird zwar immer, aber immer mehr Verstorbene haben zu Lebzeiten eine Bestattungsform gewählt, die ohne Grabstein auskommt. So sind Bestattungen außerhalb des Friedhofs mächtig im Kommen: Ein nettes Plätzchen im Grünen, vielleicht noch ein Namenstäfelchen – das wars. Im „Ruheforst“ bei Weidenstetten kann man sich so beerdigen lassen. Der Gemeinde hatte sich sogar noch ein zweites Unternehmen mit diesem Geschäftsmodell angedient: „Oase der Ewigkeit.“ Amen.

Gedenktafeln des Jahres sind die Ortsschilder mit der Aufschrift „Gemeinde Blaustein“. Offiziell wurden die gelben Tafeln mit der schwarzen Schrift am 30. September außer Dienst gestellt, denn seit 1. Oktober ist Blaustein eine Stadt. Bereits Tage zuvor hatten Souvenirjäger einige der alten Schilder abgeschraubt. Was nicht geklaut wurde, hat der Bauhof dann während des „Blausteiner Herbstes“ verkauft. So lebt in der jüngsten Stadt Baden-Württembergs die Erinnerung an 46 Jahre Gemeinde Blaustein weiter – zumindest in manchen Hobbykellern.

Heimwerker des Jahres ist ein Hausbesitzer in Nersingen Unterfahlheim, der mit Hilfe eines Minibaggers den Keller ausbauen wollte. Eines frühen Septembermorgens startete er die Maschine und ließ sie am Fundament des Hauses aus den 1930er Jahren knabbern – so dass die Südwand absackte und einstürzte. Immerhin ist bei dem Unglück niemand zu Schaden gekommen und selbst der Wellensittich des einzigen Mieters wurde gerettet. Auch das Ermittlungsverfahren gegen den Heimwerker wegen fahrlässiger Baugefährdung wurde eingestellt.

Individualreisender des Jahres ist Hartmut Bögel. Der Altenpfleger aus Wippingen hat sich Ende Mai aufgemacht, die Fußball-Nationalmannschaft nach Brasilien zu begleiten und nach der WM noch eine Runde durch Südamerika zu drehen. Mit dem Fahrrad wohlgemerkt. Mehr als 16.000 Kilometer hat er bei diesem Trip abgestrampelt. Unvergessen die Szene, wie er am Trainigscamp der Bundes-Kicker ankommt, und alle sind weg: Auswärtsspiel. Und seine Prognose für das Finale am 13. Juli in Rio: „Ich bin bereit wie nie, und ich denk’ unsere Jungs auch.“

Jargon des Jahres ist die Sprache der Tunnelbauer, auch Mineure genannt. Seit die sich für die Schnellbahntrasse Ulm–Wendlingen durch die Alb bohren und sprengen sind Vokabeln wie Kalotte und Strosse aus unserem Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Das Wort Zwischenangriff hat jeglichen Schrecken verloren, wird ebenso selbstverständlich ausgeplaudert wie Spritzbetonbauweise, Schalwagen und Fräskopf. Darüber hinaus sind wir regelrechte Verehrer der Heiligen Barbara geworden und finden Gerlinde Kretschmann als Tunnelpatin zum Busserln.

Kruste des Jahres ist die schmierige Masse, die sich vor etwa zwölf Monaten über Schelklingen gelegt hat. Ebenso wie der genaue Zeitpunkt der mysteriösen Verschmutzung bleibt deren Ursache offiziell ungeklärt. Zwar fand das Landeskriminalamt heraus, dass es sich bei der Kruste um Calciumcarbonat handelte, doch ansonsten blieben die Nachforschungen des Regierungspräsidiums Tübingen und der Staatsanwaltschaft Ulm ergebnislos. Eines aber stellten die Behörden schon Mitte Mai, fünf Monate nach dem Niederschlag, fest: keine Gesundheitsgefahr.

Leier des Jahres ist das quälende Gezerre um die Elektrifizierung der Südbahn. Die einen – vorzugsweise Landtagsabgeordnete von Grünen und SPD – sagen, der Bundesverkehrsminister von der CSU schiebe das Projekt auf die lange Bank, gefährde es sogar. Die anderen, vorzugsweise Unionspolitiker, sagen: Dobrindt steht zur Südbahn. Kürzlich hat auch Bahn-Chef Rüdiger Grube was zur Südbahn ausrichten lassen: Die erste E-Lok von Ulm nach Friedrichshafen werde noch vor dem ICE auf der Neubaustrecke über die Alb fahren. Schon in sechs Jahren also.

Monomanie des Jahres ist der Bahnhalt bei Merklingen. Schnelle Regionalzüge werden die Welt auf die bislang fast menschenleere Alb-Hochfläche bringen, Investoren werden sich die Klinken der Rathaustüren aus der Hand reißen, zigtausende Touristen werden Attraktionen wie das Nellinger Heimatmuseum, die Laichinger Tiefenhöhle und das Alb-Bad in Westerheim stürmen. Es gibt also keinen Grund, von dieser Idee nicht besessen zu sein. Höchstens das Geld. Aber was sind schon ein paar Millionen für eine Jahrhundert-, ach was, Jahrtausendchance.

Neuland des Jahres ist das ehemalige Fort von Steuben im Wald zwischen Buch (Kreis Neu-Ulm) und Kettershausen (Unterallgäu). Auf dem Gelände hatte die US-Army während des Kalten Kriegs einst Atomraketen stationiert, seit dem Rückzug der Amis wurde es vom Landkreis Neu-Ulm verwaltet. Bis der Eingemeindungsantrag der Marktgemeinde Buch bewilligt wurde. Nun verfügt die Kommune nicht nur über 17 zusätzliche Hektar, sondern auch über einen weiteren Gewerbesteuerzahler, das Autokontor Bayern. Dessen Motto könnte lauten: A 6 statt Pershing II.

Opus des Jahres ist ein Werk des Künstlers Jürgen Knubben, das seit Oktober auf dem Marktplatz in Erbach steht. Völlig nutzwertfrei, denn wer kann sich schon auf einen sechs Meter hohen Stuhl setzen? Und: Wer sollte sich überhaupt auf einen sechs Meter hohen Stuhl setzen wollen? Und warum? So kann natürlich nur jemand fragen, der von Kunst keine Ahnung hat. Oder von der Erbacher Kommunalpolitik. Denn der Stuhl ist nicht nur Kunst, sondern auch Anstoß zum Nachdenken über die Stadtgestaltung. Und Achtung: 15 weitere Knubben-Opi sind angekündigt.

Putin-Versteher des Jahres ist Alexey Repik. Der Vorstandsvorsitzende von R-Pharm besuchte am 1. Oktober das bisherige Pfizer-Werk in Illertissen, um es offiziell in seinen Konzern aufzunehmen. Drei Wochen später wurde Repik in seiner Eigenschaft als Co-Vorsitzender des Wirtschaftsverbands „Business Russia“ zum Präsidenten einbestellt. Repik durfte Putin erläutern, wie die russische Wirtschaft aus der Krise geführt werden könnte, und er scheint den richtigen Ton getroffen zu haben. Putin: „Ihre Ideen sind wirklich interessant und bieten gute Aussichten.“

Quoten-Frau des Jahres ist Simone Vogt-Keller. Bei den bayerischen Kommunalwahlen am 16. März ist die Bürgermeisterin von Bellenberg mit etwa 95 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Die Wahlbeteiligung betrug 53,2 Prozent – beides keine schlechten Quoten. Außer Simone Vogt-Keller gibt es im Landkreis Neu-Ulm nur noch eine Bürgermeisterin: Ursula Brauchle in Holzheim, die sich im März aufgrund der Kürze ihrer bisherigen Amtszeit nicht zur Wahl stellen musste. In Illertissen verlor Marita Kaiser das Amt an CSU-Mann Jürgen Eisen.

Rattenfänger – im wörtlichen Sinne – des Jahres ist ein Graureiher. Anfang Juli ist der Vogel im Blautal bei Blaubeuren-Gerhausen dem Hobbyfotografen Jonas Autenrieth vor die Linse geflogen – mit einer Bisamratte im Schnabel. Als Laie könnte man jetzt vermuten, der auch gern als „Fischreiher“ bezeichnete Vogel hätte bei der Menüwahl daneben gepickt. Doch weit gefehlt: Die Bisamratte, die eigentlich Bisam heißt und grammatikalisch männlich ist, gehört zoologisch zur Familie der Wühlmäuse – und die stehen durchaus auf dem Speiseplan des Reihers.

Schule des Jahres ist die Grundschule in Senden-Ay. Als erste Grundschule überhaupt ist sie im Juli als „Weltethos-Schule“ ausgezeichnet worden. Den Titel vergibt die in Tübingen ansässige Stiftung an Schulen, die Weltethos-Werte lehren und leben. Einer dieser Werte ist „der menschliche und respektvolle Umgang“ miteinander, hieß es bei der Übergabe der Auszeichnung. Ausgerechnet in Senden, könnte man sagen, wo sich der neue Bürgermeister Raphael Bögge und sein Vorgänger Kurt Baiker nicht nur im Wahlkampf gegenseitig der Inkompetenz bezichtigten.

Testobjekt des Jahres ist die Bahnbrücke bei Beimerstetten. Die ist mit einem derart leistungsfähigen Hochleistungsbeton saniert worden, dass die Arbeiten fast ein halbes Jahr in Anspruch nahmen. Davor war die Brücke viereinhalb Monate gesperrt, erst seit wenigen Wochen ist sie wieder ungehindert befahrbar. Rekordverdächtig auch die Kosten von ungefähr 800.000 Euro. Nicht schlecht für eine gerade mal 41 Meter lange Brücke. Und wieso das alles? Als Test für die Rheinbrücke in Karlsruhe-Maxau, die in ein paar Jahren saniert werden soll.

Urgeschichtliches Museum des Jahres ist – wer könnte daran zweifeln? – das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren. Für insgesamt 7,8 Millionen Euro saniert und erweitert, ist es im Mai wiedereröffnet worden und wartet mit mächtig Prominenz aus der Steinzeit auf: Die Venus vom Hohle Fels. Dank ihrer ausgeprägten Geschlechtsmerkmale zeichnet die älteste figürliche Menschendarstellung auch für den Titel der Blaubeurer Dauerausstellung verantwortlich: „Komm zu Mamma“. Dass die Venus eigentlich eine Schelklingerin ist – geschenkt.

Vogelkundler des Jahres ist Dr. Ulrich Mäck. Der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Schwäbisches Donaumoos ist mit dem Emmy-und-Karl-Kaus-Preis ausgezeichnet worden, weil er sich sich sozusagen mit Hirn und Herz für den Schutz von Rabenvögeln einsetzt. Ein bisschen Sympathie haben Krähe, Elster und Rabe ja auch bitternötig, werden ihnen doch schlimme Dinge nachgesagt: unschuldige Singvögel und süße Hasenbabys sollen sie verspeisen. Mag sein, sagt Mäck, aber „nicht der Rabe ist das Problem, sondern der Mensch“. Wie immer.

Wiederauferstehung des Jahres haben die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) in Senden gefeiert. Ihr dortiges Holzgas-Kraftwerk drohte bereits zum Technik-Denkmal zu werden, da ist es den Technikern doch noch gelungen, das Ding zum Laufen zu bringen. Seit einigen Wochen funktioniert die Anlage für mehr als 33 Milionen Euro im Normalbetrieb. Das ist angesichts der langen Bau- und Leidenszeit, die im März 2010 begann, alles andere als normal. Zumal die Inbetriebnahme für Ende 2011 angekündigt war. Wir seufzen mit den SWU: besser spät als nie.

Xystos des Jahres ist die geplante Kalthalle des SV Ringingen. Mit dem Projekt will der Verein die sportlichen Aktivitäten seiner Kicker von den Witterungsverhältnissen abkoppeln: Wie im alten Griechenland sollen die Athleten sich auch dann flink, ausdauernd und geschmeidig halten, wenn draußen der Meltemi beziehungsweise der Albwind pfeift. Und wie im antiken Vorbild kann auf eine Heizung verzichtet werden. Für geschätzte 370.000 Euro ist auf dem Hochsträß aber keine steinerne Säulenhalle machbar, sondern nur ein nüchterner Zweckbau.

Yuan-Verbrenner des Jahres ist der Konzern China International Marine Containers (CIMC). Für etwa 30 Millionen Euro, umgerechnet 225 Millionen Yuan, haben die Chinesen an der A 8 bei Günzburg ein Werk für ihren Lkw-Anhänger-Hersteller Silvergreen gebaut und erst gar nicht eröffnet. Was das Ganze soll, darüber hat zum Beispiel die IG Metall spekuliert: eine deutsche Adresse als Qualitätssiegel für andernorts zusammengeschweißte Anhänger. Sozusagen ein Briefkasten, der einen Haufen Geld und 90 Mitarbeitern den Job gekostet hat.

Zündstoff des Jahres ist Wasser. Wer’s nicht glaubt, kann bei der Blausteiner Feuerwehr nachfragen, die am 6. September einen Brand im ehemaligen Kalkwerk in Herrlingen bekämpfen musste und zunächst mit Wasser löschen wollte. Das konnte deswegen nicht klappen, weil auf dem Abbruchgelände Branntkalk herumlag, der sich bei Kontakt mit Wasser entzündet. So erklärt sich auch, dass das Feuer wegen eines Gewitterregens ausgebrochen war. Mit Hilfe von Löschschaum konnte das Feuer schließlich erstickt und der Branntkalk entschärft werden.
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