Soziales Rotarier wandern 80 Kilometer in 24 Stunden

Franz Glogger 07.07.2018

So merkwürdige Reisende hat die Schwäbische Alb-Bahn in ihren 125 Jahren wohl nicht oft gesehen. 118 Menschen stehen am Lokschuppen in Münsingen – und keiner will gefahren werden. Ausgestattet mit Rucksack, Stöcken und Wanderschuhen ist Ulm das Ziel –  aber zu Fuß. Nicht etwa auf dem kürzesten Weg, sondern in Schlangenlinien, auf und ab durch Täler, über die Alb und das Hochsträß. Es sind die Teilnehmer der elften 24-Stunden-Wanderung des Rotary-Clubs Münsingen. Motto: weit wandern für einen guten Zweck.

Für einen Neuling ist es erstaunlich: Wie können Menschen mit einem solch sportlichen Ziel nur so viel reden? Gefühlt ohne Punkt und Komma gedenkt man gemeinsamer Erlebnisse, spricht darüber, wie es der Familie so geht, welche Höhen man schon erklommen hat, welche Strecken per pedes zurückgelegt wurden. So geht es am vergangenen Wochenende bei schönstem Wetter und in bester Laune das Schandental hinunter der ersten Rast entgegen: Sondernach. 15 Kilometer mit viel Asphalt beanspruchen die Fußsohlen, die so mancher im gleichnamigen Bach abkühlt.

Massage und Medizin

Was sich auf der Wiese unterm Schulhaus tut, ist beeindruckend. Dort haben die Rotarier Klappgarnituren und Sonnenschirme aufgebaut, die in Obhut genommenen Kleidertaschen in Reih und Glied ausgelegt, Helfer warten mit Pasta, Getränken und Nachtisch. Außerdem stehen ein Massagedienst sowie eine medizinische Abteilung mit Blasenpflaster bereit. Noch vier Zwischenstationen wird es geben. Ein solcher Aufwand für das Wohlergehen der Wanderer! Kein Wunder, dass so gute Laune herrscht. Die wird auch noch gebraucht. Kurz nach dem Start zur zweiten Etappe geht es stramm einen Trampelpfad die Alb wieder hinauf. Die Hüttener „Eichhalde“ – ein Bannwald, der sich seit 2009 zu einem Urwald entwickeln darf – belohnt mit dem abenteuerlichen Bärental und Ausblicken über das malerische Schmiechtal für den schweißtreibenden Aufstieg. Den Kirchturm von „St. Oswald“ in Justingen im Blick, muss der Führer einräumen, dass er links mit rechts verwechselt hat, denn der Nachbarort Hausen ob Urspring ist das Ziel. Alles bleibt stehen, bis der Rotarier am anderen Ende der Gruppe angekommen ist. Fortsetzung in umgekehrter Reihenfolge: „So schnell geht es, und man ist hinten“, scherzt ein Teilnehmer.

Allein der Gruppenführer beziehungsweise die -führerin bestimmen den Takt. Ein so genannter „Besen“, Mann oder Frau, sorgt am Ende dafür, dass keiner verloren geht. Kuchen und Kaffee, so viel der Kreislauf verträgt, muntern in Hausen die Kräfte auf. Koffein ist auch angeraten, denn nun geht es in den Abend hinein. Im letzten Schummerlicht wird der Hohle Fels bei Schelklingen erreicht, fast 3 Uhr ist es, als die Wanderer an der Kalthalle des SV Ringingen ankommen. Der Verein mit seinem Vorstandsmitglied Reiner Bertsch und die Feuerwehr in Hausen sind Beispiele, wie die Rotarier auf ein Netzwerk von Helfern zurückgreifen können. „Unser kleiner Club könnte das logistisch ohne Unterstützung gar nicht schaffen“, sagt Präsident Karl Traub.

Die Nacht über wird es deutlich ruhiger. Gelegentlich sind die tanzenden Lichter der Stirnlampen das einzige Signal. „Übel lang“, empfindet Sabine Biedermann aus Erbach im nachhinein die beiden Etappen. Die aufgehende Sonne mobilisiert aber wieder die Lebensgeister. Am Flugplatz Erbach vorbei geht es in einem letzten Kraftakt in den Biergarten „Teutonia“ in der Ulmer Friedrichsau zum abschließenden Weißwurstfrühstück.

Nicht alle haben es geschafft, aber alle, die ans Ziel kommen, sind geschafft – inklusive Blasen und Fußschmerzen, wie Sabine Biedermann einräumt. Nie wieder? Die nächsten Tage würden wohl hart, meint sie: „Aber wenn es reinpasst: nochmal.“ Eine Urkunde für die Teilnahme haben übrigens alle erhalten. „Die hat sich jeder verdient, schon allein, weil es für einen guten Zweck ist“, sagt Karl Traub.

Startgeld kommt zwei Projekten zugute

Idee Mit den Worten „Man könnte doch …“ eines früheren Rotariers wurde 2007 die Idee einer 24-Stunden-Wanderung geboren. Ein Jahr später fand die Wanderung zum ersten Mal statt. Jedes Jahr geht es in eine andere Richtung. Die Planung für die zwölfte Auflage beginnt umgehend. Etwa 100 Wanderer sollen das Maß bleiben.

Sponsoren Das Startgeld von 80 Euro pro Teilnehmer geht samt und sonders an Hilfsprojekte. Dass dies trotz des enormen Aufwands möglich ist, dafür sorgen Sponsoren und Unterstützer wie der SV Ringingen oder die Feuerwehr Hausen.

Projekte: Präsident Karl Traub rechnet mit Einnahmen von rund 12 000 Euro. Unterstützt wird wie immer ein einheimisches Projekt und eines im Ausland. In diesem Jahr sind es Erhalt und Pflege der hinterlassenen Werke von Gustav Mesmer, dem „Ikarus vom Lautertal“, und das Kinderheim „Springs of Hope“ in Maralal/ Kenia. Weitere Informationen gibt es unter www.muensingen.rotary.de.

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