Blaustein Inklusion: Rettungsschwimmer mit Down-Syndrom

In Kleidern schwimmen, jemanden zum Beckenrand schleppen: Rettungsschwimmer Markus Speidel demonstriert im Ulmer Westbad mit seinem Ausbilder Hubertus Stuch, was er gelernt hat.
In Kleidern schwimmen, jemanden zum Beckenrand schleppen: Rettungsschwimmer Markus Speidel demonstriert im Ulmer Westbad mit seinem Ausbilder Hubertus Stuch, was er gelernt hat. © Foto: Patrick Fauß
Blaustein / Teresa Lorenz 04.10.2018
Markus Speidel aus Blaustein ist Rettungsschwimmer trotz Handicap – Hubertus Stuch trainiert ihn.

Markus Speidel springt mit einem Kopfsprung ins Schwimmerbecken des Westbads in Ulm. Mit den energischen Zügen eines geübten Schwimmers zieht der junge Mann durchs Wasser, kommt zügig voran. „Markus, schwimm’ mal Rücken!“, ruft ein älterer Mann dem Schwimmer vom Beckenrand aus zu. Es scheint, als hätte Markus den Ruf seines Trainers nicht gehört; er schwimmt weiter in Brustlage. Doch anstatt nochmal zu rufen, wartet Hubertus Stuch, genannt „Hubi“, ab. Nach einer halben Bahn dreht sich Markus – und Stuch grinst. Am flachen Ende der Bahn steigt Markus aus dem Wasser. „Hubi, krieg’ ich jetzt einen Smiley?“, fragt er. „Wie viel bist du denn geschwommen?“, fragt der Trainer zurück. „Vier“, sagt Markus und hält eine entsprechende Anzahl an Fingern hoch. „Da musst du schon ein bisschen mehr schwimmen“, sagt Hubi. Die beiden kennen sich schon seit mehr als zehn Jahren: aus dem Schwimmtraining, das Stuch in Markus’ damaliger Schule, der Gustav-Werner-Schule in Böfingen, gegeben hat. Nun hat er den mittlerweile 26-Jährigen zum Rettungsschwimmer ausgebildet.

Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung

Das Schwimmbecken der Schule, die auf die Förderung von Jugendlichen mit geistiger Behinderung spezialisiert ist,  wird von der Ulmer Ortsgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schon lange für Schwimmkurse genutzt. So kam Hubi, der in Senden wohnt, in Kontakt mit Behindertensport. Eine Lehrerin fragte ihn damals, ob er nicht eine Frühförderung für die Schüler anbieten könne.

Das tat er, sammelte über die Jahre viel Erfahrung mit dem Training und der Ausbildung von Menschen mit Behinderung. Von 2005 an bot er ein zusätzliches Schwimmtraining für die geübteren Schüler der Gustav-Werner-Schule an. Mit dabei: Markus Speidel. „Das hat er gerne gemacht“, sagt Markus’ Mutter, die ihren Sohn, der das Down-Syndrom hat, zusammen mit seiner Großmutter jede Woche ins Westbad begleitet: „Markus und Wasser, das passt einfach.“

Nach der Schule begann Markus, der in Blaustein lebt, im Ulmer Tannenhof zu arbeiten. „Ich bin in der Metallgruppe“, sagt er über seine Arbeit in der Einrichtung der LWV-Eingliederungshilfe. Sein Meister dort hatte die Idee mit den Smileys. „Ich habe da mein Buch, und da kommen die Smileys rein“, erklärt Markus.

Statt in der Schule schwimmt Markus nun bei der DLRG Ulm. Auch dort trainierte Hubi beim Trainingsabend eine Gruppe, zu der Markus lange gehörte. Schwierig wurde es, als Markus in eine andere Gruppe wechselte. „Es ist manchmal nicht ganz einfach, ihn zu motivieren“, sagt Stuch. Für die jüngeren Trainer, durch die großen Gruppengrößen beim Trainingsabend sowieso schon stark gefordert, war das zu viel. Dazu kam der wachsende Altersunterschied zwischen Markus und den Kindern in der Schwimmgruppe. Schließlich bot Hubertus Stuch Markus an, stattdessen an einem seiner Rettungsschwimmkurse teilzunehmen.

Die Rettungsschwimmkurse der DLRG Ulm finden außerhalb der regulären Trainingszeiten der Ortsgruppe während des normalen Schwimmbetriebs im Westbad statt. Auf die beiden  Ausbilder Hubertus Stuch und Corinna Schmidt kommen etwa zehn Teilnehmer – viel ruhigere Bedingungen also. Hier trainiert Markus jetzt wieder jede Woche, auch wenn er bereits im Winter sein Deutsches Rettungsschwimmer-Abzeichen (DRSA) in Bronze geschafft hat. „Er hat ein bisschen länger dafür gebraucht, eineinhalb Kurse etwa“, sagt Schmidt. Aber er habe alle vorgeschriebenen Übungen regelgerecht absolviert. In Kleidern schwimmen, sich aus Umklammerungen befreien, einen Patienten zum Beckenrand schleppen – gerne demonstriert Markus, was er kann. Nächstes Ziel: das Abzeichen in Silber.

15 Meter tauchen – durch Tore

Seine Ausbilder hatten sich allerhand Tricks und spezielle Übungen für Markus ausgedacht – zum Beispiel beim Streckentauchen. 15 Meter muss ein angehender Rettungsschwimmer für das DRSA Bronze schaffen. Am Anfang eine große Herausforderung für Markus. „Wie wir alle braucht Markus immer ein Ziel, auf das er hinarbeitet“, sagt Stuch. Deswegen ließ er Markus durch Tore aus Gummischläuchen am Grund des Beckens tauchen. Immer weiter wurde der Abstand zwischen den Toren, bis es 15 Meter waren.

Am Ende des Trainings fragt Markus nochmal nach: „Bekomme ich jetzt einen Smiley?“ Und er bekommt ihn.

Das könnte dich auch interessieren:

Praktische Fähigkeiten und Erste Hilfe

Abstufungen Die Deutschen Rettungsschwimm-Abzeichen (DRSA) gibt es wie die Schwimmabzeichen in den Stufen Bronze, Silber und Gold. Um sie zu erhalten, müssen angehende Rettungsschwimmer praktische Fähigkeiten und Wissen über Gefahren und Erste Hilfe beweisen. Das international anerkannte DRSA Silber qualifiziert für die Tätigkeit als Rettungsschwimmer in Schwimmbädern und an Badeseen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel