Simulation Planung: Von Neigetechnik hängt künftiger Nahverkehr ab

Mit einem Spatenstich begann am 23. März 2018 die Hauptarbeiten für die Elektrifizierung der Südbahn.
Mit einem Spatenstich begann am 23. März 2018 die Hauptarbeiten für die Elektrifizierung der Südbahn. © Foto: Felix Kästle/dpa
Region / Thomas Steibadler 26.03.2018
Von der Zukunft der Neigetechnik hängt auch die Planung des künftigen Nahverkehrs auf der Schiene ab.

Stärkere Beschleunigung, höheres Tempo. „Elektrische Fahrzeuge sind nun mal leistungsfähiger als Diesel betriebene“, sagt Oliver Dümmler. Mit elektrifizierten Bahnstrecken lasse sich deshalb „ein besseres Angebot auf die Schiene bringen“. Für den Geschäftsführer des Vereins Regio-S-Bahn Donau-Iller war der vergangene Freitag daher ein guter Tag. Mit dem Spatenstich für ein Umspannwerk bei Baienfurt im Kreis Ravensburg hat die Elektrifizierung der Südbahn begonnen. Ende 2021 soll dann auch zwischen Ulm und Lindau die Diesel-Ära abgeschlossen sein.

Auf der Südbahn-Strecke sollen laut dem regionalen Zielkonzept gleich mehrere S-Bahn-Linien fahren: eine bis Ummendorf mit dem Abstecher von Laup­heim-West zum Stadtbahnhof Laupheim und eine bis Aulendorf sowie, zu den Hauptverkehrszeiten, eine so genannte Verstärkerlinie. Doch die Umsetzung des Konzepts mit insgesamt acht Linien erfordert einen langen Atem.

Um die Zuschüsse und damit die Finanzierung sicherzustellen, muss zunächst die Wirtschaftlichkeit anhand einer Nutzen-Kosten-Analyse nachgewiesen werden, erläutert Dümmler. Voraussetzung dafür, dass der Verein diese standardisierte Bewertung in Auftrag geben kann, sind Fahrplan-Simulationen der einzelnen Linien. Diese Simulationen hängen allerdings von Faktoren ab, auf die der S-Bahn-Verein keinen Einfluss hat. Zum Beispiel davon, welche anderen Züge auf der jeweiligen Strecke unterwegs sind.

Entscheidung steht aus

Ein größeres Problem stellt dabei die Donaubahn dar, auf der die Regio-S-Bahn bis Riedlingen fahren soll. Offen ist, ob auf der Strecke Ulm–Sigmaringen–Tuttlingen auch künftig Neigetechnik-Züge eingesetzt werden. Von dieser Entscheidung über die Fernverkehrszüge hängt Dümmler zufolge der S-Bahn­-Fahrplan ab. „Wir wissen, wie wir fahren wollen, aber es muss mit den langlaufenden Zügen zusammenpassen.“

Ob auch von 2026 an – bis dahin läuft der aktuelle Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn – Neigetechnik-Züge bestellt werden, ist Sache des Verkehrsministeriums in Stuttgart. Die Entscheidung müsse „so früh getroffen werden, dass bis zur Außerdienststellung der aktuellen Neigetechnikfahrzeuge der Baureihe 612 eine Nachfolgegeneration entwickelt und gebaut werden kann“, teilt Julia Pieper, Pressesprecherin des Ministeriums, mit. Grundsätzlich müsse streckenbezogen abgewogen werden, ob sich die Mehrkosten für Neigetechnik lohnen. Außer für die Donaubahn stehe diese Entscheidung für die Brenzbahn (Ulm–Aalen), die Zollernbahn (Tübingen–Sigmaringen) und die Bodensee-Gürtelbahn (Friedrichshafen–Radolfzell) an.

Das Ministerium scheint aber von der Neigetechnik abzurücken. Andere Bundesländer hätten sich wegen der hohen Anschaffungs- und Betriebskosten bereits von der Neigetechnik verabschiedet, teilt die Pressesprecherin mit. Denn: Die komplexe Technik neige „zu einer größeren Störanfälligkeit, was gegebenenfalls auch für die Zukunft nicht auszuschließen ist“.

Oliver Dümmler hofft, dass diese „für die Region unheimlich wichtige Frage“ rasch geklärt wird. Kürzlich hat er die beiden Landtagsabgeordneten Jürgen Filius (Ulm) und Daniel Renkonen (Bietigheim-Bissingen) auf das Problem hingewiesen und eine Zusage für deren politische Unterstützung bekommen. „Wir finden das S-Bahn-Konzept hervorragend“, sagt Renkonen, verkehrs­politischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Filius ist überzeugt, dass auch Verkehrsminister Winfried Hermann die Umsetzung „mit all seinen Möglichkeiten“ unterstützen werde. Wenn auch die anderen Beteiligten in der Region und in Berlin „alle an einem Strang ziehen“, könnten „in weniger als zehn Jahren“ S-Bahn-Züge auf allen Linien rollen.

Verkehrsminister: Hohe Bedeutung

Kooperation Der Verein Regio-S-Bahn Donau-Iller ist Ende 2015 gegründet worden. Zu den mehr als 90 Mitgliedern gehören Städte, Landkreise und Gemeinden. Vorstandsvorsitzender ist der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch. Seit Mitte 2016 verfügt der Verein über eine Geschäftsstelle in Ulm, Geschäftsführer ist Oliver Dümmler, von einer Assistentin unterstützt. Ende vergangenen Jahres haben der Verein und der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) eine Kooperationsvereinbarung getroffen: als Grundlage für die weitere Zusammenarbeit. Hermann: „Das Land misst dem Projekt eine hohe verkehrspolitische Bedeutung bei.“

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