Es war die Rede von einer Wiederbelebung der einstigen Textilstadt Dietenheim. Von einer Trendwende für diesen Ort. Und: von einer nachhaltigen Transformation der textilen Wertschöpfungskette. Große Worte für ein wissenschaftliches Projekt, begrenzt auf einen Zeitraum von lediglich drei Jahren. „Das war ein bisschen ambitioniert und hochgegriffen, aber man muss mit einer Vision starten“, sagt Nachhaltigkeitsprofessor Martin Müller von der Universität Ulm. Er war federführend tätig in dem so genannten Reallabor: ein Forschungsprojekt in einem experimentellen Feld zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft, in dem gegenseitiges Lernen im Vordergrund stand. Was wurde erreicht mit dem fast eine Million Euro teuren Vorhaben? Um welche Erkenntnisse reicher sind die Wissenschaftler? Wie geht es weiter in Dietenheim, nachdem das Reallabor beendet ist und die wissenschaftlichen Treiber des Wandlungsprozesses sich zurückzogen?

Befragungen zu Verhalten

Eine Erkenntnis, wenn auch eine negative, ist die: Einmal im Jahr eine große Nachhaltigkeitsmesse zu veranstalten, „bewirkt nicht viel in die Breite“, sagt der Professor. Er kann keinen messbaren Effekt feststellen, derart, dass sich das Bewusstsein oder das Verhalten der Bürger geändert hätte. Die Dietenheimer wurden zu Beginn des Reallabors befragt und drei Jahre später nocheinmal: ob sie mehr Wert legen auf Nachhaltigkeit der Kleidung, ob sie mehr wissen über die Produktionsbedingungen.

Eine andere, positive Erkenntnis lautet: „Man muss so etwas Intensives machen wie das Nähcafé.“ Dort wird vordergründig einfach genäht, aber zugleich geschieht, was Psychologen Selbstwirksamkeit nennen. Das Konzept meint vereinfacht ausgedrückt die Überzeugung, Handlungen tatsächlich erfolgreich ausführen zu können. Das zeigt Wirkung – und zwar über das eigentliche Nähen hinaus (siehe nebenstehender Bericht). Wer merkt, wie schwierig es ist, nur einen Knopf anzunähen, sieht Kleidungsstücke fortan als etwas Wertiges an.

Was mit Erwachsenen schon so gut funktioniert, dass sie sich inzwischen selber organisieren, soll mithilfe eines weiteren Forschungsvorhabens auf Schüler übertragen werden. Professor Müller stellte einen weiteren Forschungsantrag, in dem es darum geht, wie man Schüler für Nachhaltigkeit sensibilisiert. Denn auch das war eine Erkenntnis aus dem Feldexperiment: Jugendliche geben den Großteil ihres Taschengeldes nicht für Handynutzung oder Computerspiele aus, sondern für Kleidung. Müller: „Sie kaufen sieben Teile im Monat.“ Hintergrund ist der Trend, sich mit Hilfe von Kleidung zu individualisieren, wenn auch mit billigen T-Shirts, die nur einmal getragen und dann weggeworfen werden. Gelänge es, Jugendliche fürs das Schickmachen und Umnutzen gebrauchter Textilien (neudeutsch Upcycling) zu begeistern, bestünde die Hoffnung, dass der Konsum von Neuware zurückgeht.

Im Sommer rechnet der Nachhaltigkeitsprofessor mit einer Entscheidung über den aktuellen Forschungsantrag. Im Falle eines positiven Bescheides kann er einen wissenschaftlichen Mitarbeiter für zwei Jahre beschäftigen. Das Projekt soll auch einen Vergleich mit einer Schule in Berlin anstellen. Ziel ist es, ein Handbuch zu erstellen als Anleitung, wie man ein solches Nähcafé installiert, so dass andere Orte eine Art Blaupause erhalten.

Ob die großen Nachhaltigkeitsmessen eine Zukunft haben, wird sich zeigen: Sie waren mit einem sehr großen Aufwand verbunden, sagt der Universitätsprofessor. Wird die Zivilgesellschaft sie alleine fortführten? Ein Organisator sei gefunden: der Handwerker- und Gewerbeverein Dietenheim. Ein Termin auch: 2020. „Das wird der Lackmustest, ob die das stemmen können.“

Die Laden-Leerstände in dem Ort ließen sich indes nicht wie erhofft mit der Ansiedlung nachhaltig produzierender Textilhersteller beheben. Trotz vieler Gespräche mit Unternehmern fand Professor Müller keinen, der das Experiment gewagt hätte: „Das war ihnen noch zu riskant und zu teuer.“ Stattdessen entwickelte sich etwas anderes: ein neues Business-Modell. Und das geht so: Der Geschäftsführer des ortsansässigen Garn-Herstellers Otto, Andreas Merkel, eröffnete auf eigenes Risiko einen Laden, in dem Kleidung verkauft wird, die mit nachhaltigen Otto-Garnen hergestellt sind. Verkauft werden sie (gegen eine kleine Provision) von einer Schneiderin, die im Gegenzug einen Teil der Ladenfläche (für eine ganz kleine Miete) als Atelier nutzt. Denn: „So ein Laden würde sich niemals tragen, wenn man eine Verkäuferin anstellt“, sagt Merkel, der so etwas wie ein örtlicher Nachhaltigkeits-Treiber ist. Er war es auch, der das Reallabors anstieß.

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Kleidungsstücke kaufen Jugendliche jeden Monat. Das fanden die Wissenschaftler im Reallabor Dietenheim heraus. Für Kleidung geht der größte Teil des Taschengelds drauf.