Dietenheim Präzisionsteile-Hersteller Räuchle meldet Insolvenz an

Dietenheim / Beate Reuter-Manz 07.12.2018
Der Dietenheimer Präzisionsteile-Hersteller Räuchle ist seit längerem in Schieflage. Jetzt wurde Insolvenz angemeldet.

Schock in der Adventszeit: Die Firma Räuchle in Dietenheim hat am Nikolaustag beim Amtsgericht Ulm Insolvenzantrag gestellt. Darüber informierte Willi Gaule am Donnerstagnachmittag die Belegschaft in einer außerordentlichen Mitarbeiterversammlung, der dritten binnen Wochenfrist. Bereits am vergangenen Freitag hatte der Geschäftsführer die rund 350 Beschäftigten mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert: der Tatsache nämlich, dass der Hersteller von Präzisionsdrehteilen sich nicht in der Lage sieht, November-Löhne und -Gehälter fristgerecht auszubezahlen.

Dem Vernehmen nach befindet sich das Unternehmen, das mit seinen Produkten zu 80 Prozent die Automobilindustrie beliefert, seit längerem in Schieflage. Vor zwei Jahren kam es zu einer Entlassungswelle. 30 Mitarbeiter mussten gehen. „Aktuell kämpfen wir mit einer abgeschwächten Kundennachfrage aus dem automotiven Bereich und sinkenden Absatzmengen“, teilte Gaule am Donnerstag auf Anfrage mit. Während im ersten halben Jahr noch mit Sonderschichten produziert worden sei, habe sich die Lage in den vergangenen vier Monaten dramatisch zugespitzt. „Wir haben zwar keinen einzigen Auftrag verloren, müssen aber fast jeden Tag Kürzungen bei den Mengen hinnehmen“, sagte Gaule. Gleichzeitig seien die Preise für Rohmaterialien um zehn Prozent gestiegen. Gaule spricht von „gnadenlosen Bandagen“.

Unternehmen soll erhalten bleiben

Nach einer „Neubewertung der Unternehmenssituation“ habe sich die Geschäftsführung deshalb dazu entschlossen, Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung zu stellen. Das bedeutet, dass Gaule weiterhin Geschäftsführer bleiben kann und bei den anstehenden Aufgaben von Sanierungsexperten beraten wird – in diesem Fall der Neu-Ulmer Kanzlei SGP Schneider Geiwitz unter Führung von Rechtsanwalt Christian Plail. Zum vorläufigen Sachwalter wurde Dr. Matthias Hofmann bestimmt. Die Lohnzahlungen sind durch das Insolvenzgeld vorerst gesichert.

Gemeinsames Ziel sei es, das Unternehmen auf Dauer zu erhalten und möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern, bekräftigte Gaule, der im 28. Jahr die Geschäfte bei Räuchle führt und von einer seiner bittersten Stunden spricht. „Das ist dramatisch für alle und kommt zur unmöglichsten Zeit.“ Positiv verlaufen seien in den vergangenen Tagen indes Gespräche mit potenziellen Interessenten. Ein Investor, der mit frischem Geld die Weichen neu stellt, wäre für Gaule die „beste aller Lösungen“.

Fassungslosigkeit bei den Angestellten

„Absolut miserabel“, kommentierte Christian Velsink von der IG-Metall die Stimmung in dem Betrieb im Norden der Stadt. Sehr spät, wenn nicht zu spät habe der Arbeitgeber die Beschäftigten von der misslichen Lage in Kenntnis gesetzt, kritisierte der Gewerkschaftssekretär. „Die Menschen sind fassungslos und traurig. Sie haben Angst, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht.“ Der Betriebsrat habe unterdessen beschlossen, einen Rechtsanwalt einzuschalten.

Velsink schließt nicht aus, dass auch Managementfehler die aktuelle Schieflage befeuert haben könnten. Jetzt werde zu klären sein, zu welchen Bedingungen ein Investor einsteige. „Nimmt er den ganzen Betrieb oder nur Teile mit womöglich eingeschränktem Personal?“

Von einem „harten Schlag für die Stadt Dietenheim“ sprach Bürgermeister Christopher Eh. „Wir alle fühlen mit den Beschäftigten, die sich einer ungewissen Zeit gegenüber sehen und sich um die Existenz ihrer Familien sorgen.“ Er sei sicher, dass die Unternehmensleitung alle Ressourcen ausschöpfen werde, um die Firma zu retten. „Wir brauchen die Arbeitsplätze, die Steuereinnahmen und die Standortqualität einer so renommierten Firma.“

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Drehteile für Motoren, Getriebe und Lenkungen

Unternehmen Friedrich Räuchle gründete den Betrieb im Jahr 1910. Zu Bestzeiten produzierten fast 450 Mitarbeiter im Jahr bis zu 150 Millionen Dreh- und Kaltpressteile aus Stahl: von der Hülse bis zur Verschlussschraube. Die Automobilindustrie verwendet die einbaufertigen Produkte für Motoren, Getriebe, Lenkungen, Einspritzpumpen und Karosserien. Vor sechs Jahren wurde eine moderne Halle angebaut, vor fünf Jahren machte Räuchle mit der Anschaffung einer 120 Tonnen schweren Kaltpresse für vier Millionen Euro von sich reden.

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