Tierquälerei Qualvoller Tod im Kuhstall

Rottenacker / Petra Laible, Ingeborg Burkhardt 23.02.2015
Erschöpft, verhungert, verdurstet – 20 Kühe und Kälber sind in einem verwahrlosten Stall in Rottenacker verendet. Der Betrieb wurde aufgelöst, der Landwirt angezeigt. Dahinter steckt eine menschliche Tragödie.

Katastrophale Zustände haben Polizisten und Veterinäre des Landratsamtes Alb-Donau in einem Milchviehbetrieb der Gemeinde Rottenacker vorgefunden. Die Verstöße gegen den Tierschutz wiegen so schwer, dass der Hof innerhalb von ein paar Tagen komplett aufgelöst wurde, teilte Bernd Weltin, Sprecher des Landratsamtes Alb-Donau am Montag mit. „Die Zustände waren auf jeden Fall so, dass der Betrieb nicht weitergeführt werden konnte.“

Die Behörden waren auf die Missstände vergangenen Freitag durch einen Hinweis beim Polizeirevier Ehingen aufmerksam geworden. Daraufhin eilten Polizeibeamte, Amtsveterinäre und der den Betrieb betreuende Tierarzt zu dem abgelegenen Hof, der in einem kleinen Teilort von Rottenacker oberhalb der Donau zwischen Ehingen und Munderkingen liegt.

Dort entdeckten sie 20 bereits verendete Kühe und Kälber. Einige waren schon längere Zeit tot, einige seien erst vor Kurzem gestorben, erklärte Weltin. Der Stall war verwahrlost, „sehr stark verkotet“. Vier weitere Tiere waren so stark geschwächt, dass sie nicht mehr gerettet werden konnten und die Veterinäre sie noch unmittelbar vor Ort töten mussten. Ein Bulle verendete am folgenden Tag. Die toten Tiere wurden noch am Samstag zur Tierkörperbeseitigungsanlage nach Warthausen gebracht. Die Kühe, die Kälber und der Bulle seien an Erschöpfung gestorben: „Sie waren ausgezehrt, mangelernährt oder waren verdurstet.“

Zur Überbrückung wurden die restlichen 28 Tiere in einem leeren Stall auf dem Gelände untergebracht. Ein benachbarter Landwirt kümmert sich um sie. Er wird auch ungefähr die Hälfte des Bestandes auf seinen Hof in einer Nachbargemeinde übernehmen. „Es war wichtig, dass die Tiere nicht mehr in der Obhut des jetzigen Besitzes bleiben“, sagte Weltin. „Wir mussten ganz schnell reagieren.“

Die anderen, rund 15 Tiere wurden am Montag von einem Viehhändler zum Schlachthof nach Ulm gebracht. Das habe nicht zwingend mit ihrem schlechten körperlichen Zustand zu tun, sondern damit, dass es keine Möglichkeit gab, sie anderswo unterzubringen, erklärte Weltin.

Stellt sich die Frage, ob die furchtbaren Verhältnisse so lange unbemerkt blieben? Im Herbst 2014 seien zuletzt Kontrolleure des Veterinäramtes vor Ort gewesen, sagte Weltin. Damals seien die Zustände nicht optimal gewesen. Die Veterinäre hätten beim Landwirt schon Anzeichen von Überforderung gesehen – dieser hatte den alteingesessenen Hof von seinem Vater übernommen.

Allerdings sei es nicht so gewesen, dass sofort hätte gehandelt werden müssen. Zumal der Besitzer bei diesem Termin erklärt habe, dass er den Betrieb aufgeben und die Tiere verkaufen wolle. Der Landwirt sei sich also seiner Probleme bewusst gewesen. „Die Kontrolleure gingen davon aus, dass der Betrieb in absehbarer Zeit nicht mehr besteht“, erklärt der Sprecher.

Allem Anschein nach ist dem jungen Landwirt dann in den vergangenen Monaten die Sache über den Kopf gewachsen. Er war seit dem Wegzug seines Vaters allein auf dem Hof und vermutlich mit der Situation völlig überfordert. Menschen, die ihn seit langem kennen, beschreiben ihn als tierlieb und auch als qualifiziert. Sie verweisen darauf, dass er seit dem Neubau eines modernen Betten-Stalls erhebliche finanzielle Belastungen hat. Bekannt ist auch, dass der Mann alkoholkrank ist und sich schon selbst um ärztliche Hilfe bemüht habe.

Die Verstöße haben eine strafrechtliche Dimension, betont Weltin. Insofern könne die Behörde über Umstände und zur Person des Besitzers keine weiteren Aussagen machen. Im Allgemeinen könne man jedoch sagen, dass nur in seltenen Fällen hinter einer solchen Vernachlässigung von Tieren Böswilligkeit stecke, sagte Weltin. Häufig seien soziale, psychische oder finanzielle Probleme die Ursache. Von einem „außergewöhnlichen Fall“, spricht Weltin. Dieser sei so drastisch, dass man nicht einmal sagen könne, dass hier so etwas ein Mal im Jahr geschieht, „ganz gewiss nicht“.

Die Polizei ermittelt mit Unterstützung der Veterinäre wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Nach Abschluss der Ermittlungen wird der Fall an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Diese und, falls Anklage erhoben wird, ein Gericht werden die Straftat rechtlich bewerten. Ob dann am Ende eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe steht, sei völlig offen, sagt Polizeisprecher Wolfgang Jürgens.

Unvereinbar mit Berufsethos

Reaktion Für den Vorsitzenden des Kreisbauernverbands Ulm-Ehingen, Hans Götz aus Ehingen, ist der Fall ein Drama, das er sich nicht erklären kann. Die geschilderte Verwahrlosung der Tiere sei unvereinbar mit dem Berufsethos des Landwirts. Dieser stehe für artgerechte Tierhaltung – vom Futter bis zur Unterbringung. „Das Ganze um das Tier herum muss stimmen“, betont Götz.

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