Soziales Projekte in Neswisch überdenken

Die Laichinger Delegation beim Besuch in einem von der WOG unterstützten Behindertenheim.
Die Laichinger Delegation beim Besuch in einem von der WOG unterstützten Behindertenheim. © Foto: WOG
Laichingen / Sabine Graser-Kühnle 11.07.2018
Vertreter der Stadt und West-Ost-Gesellschaft Laichingen kehren mit zwiespältigen Eindrücken aus Weißrussland zurück.

Sechs Mitglieder der West-Ost-Gesellschaft (WOG), der Laichinger Bürgermeister Klaus Kaufmann und die Stadträte Ulrich Rößler, Alvera Schmid und Günter Schmid waren über die Monatswende in Neswisch (Weißrussland). Die Reise der Laichinger hatte zwei Gründe: Alle zwei Jahre kontrolliert der Verein vor Ort, ob die Spenden im Sinne der WOG verwendet worden sind. Zudem waren an diesem letzten Juniwochenende die großen Feierlichkeiten zum Jubiläum 975 Jahre Neswisch, zu denen Vertreter der Stadt Laichingen eingeladen worden waren. Zurück gekommen sind die Laichinger mit Eindrücken von einer  Jubiläumsfeier mit weißrussischer Kultur, Musik, Tanz und Essen. Das Fazit von Joachim Claus, Vorsitzender der WOG-Regionalgruppe Laichingen: „Es war ein sehr schönes Fest, bei dem wir mitten unter den Leuten waren. Vielfach sind wir wiedererkannt worden.“

Dieser Teil des Vereinszwecks, nämlich die Völkerverständigung, sei bei dieser Reise besonders gut gelebt worden. Sehr unzufrieden waren die WOG-Delegierten allerdings damit, dass die Neswischer bei der Kontrolle über die Verwendung der Spenden trotz mehrfacher Bitten nicht alles offenlegten. So erhielten die Besucher keinen Zutritt zu einem Gebäudetrakt in einem Altersheim, das die WOG-Gruppe unterstützt. „Ich bin mir nicht sicher, ob die von uns finanzierten Betten tatsächlich angeschafft worden sind“, bemängelte Kassiererin Rosel Gebhardt.

Heim für Privilegierte?

Verärgert zeigte sich nicht nur die stellvertretende Vorsitzende Christine Fasolin über den „Prunkbau“, zu dem das einstige KGB-Gebäude derzeit umgebaut wird.  Einziehen sollen neben anderen sozialen Einrichtungen der Stadt auch die Sozialstation, die von der WOG seit einem Jahr unterstützt wird. „Zum Protzen hat man Geld, aber für Betten nicht“, ärgerte sie sich. Joachim Claus mutmaßte: „Da stellt sich mir schon die Frage, ob in dieses Pflegeheim einmal nur Privilegierte einziehen, die unsere Hilfe nicht brauchen.“

Nicht nachvollziehen konnte die WOG auf ihrem Kontrollbesuch außerdem, was es mit ihrem Zuschuss für einen Aufzug auf sich hat. Bei der Baustellenbesichtigung fanden die Vereinsvertreter keinen Aufzug vor, sondern lediglich einen einklappbaren Treppenlift für Rollstühle. Das mag ein Verständigungsproblem gewesen sein, überlegte Claus. Die Verständigung sei überhaupt ein großes Problem, räumte er auf Nachfrage ein.  So hegt er den Verdacht,  dass manche Neswischer Dolmetscher nicht immer korrekt übersetzten. Mangelnde Sprachkenntnisse führten außerdem oftmals zu Problemen bei der Überprüfung der Rechnungen, die der WOG von Neswisch vorgelegt werden. „Die Zahlen stimmen, nur wofür das Geld ausgegeben wurde, ist manchmal schwierig herauszufinden.“

Obendrein hat sich mittlerweile einiges geändert in Neswisch. Wenige Tage vor dem Besuch der Laichinger Ende Juni hatte der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko den Neswischer  Exekutivkomiteevorsitzenden Ivan Krupko, mit dem die WOG ein vertrauensvolles Verhältnis pflegte, nach Minsk abberufen. Die Laichinger Delegierten lernten den neuen „Bürgermeister“  Genadij Salawei  nur ganz kurz kennen. „Es ist ungewiss, ob und wie er unsere humanitäre Hilfe in Weißrussland unterstützen wird“, meinte Claus. Da stimmt es die WOG-Mitglieder nicht gerade positiv, dass Salawei nicht auf der Teilnehmerliste derer steht, die heuer nach Laichingen zum 25. Geburtstag der Städtefreundschaft reisen.

Auch Bürgermeister Klaus Kaufmann hat bei seinem zweiten Neswisch-Besuch Veränderungen festgestellt. „Ein neues Pflegeangebot, neue Gebäude – es ist schon eindrucksvoll, wie die Stadt sich anstrengt, etwas für ihre Bevölkerung zu tun und ich denke, das Engagement der WOG hatte hier Signalwirkung.“ Diese Entwicklung bewog die WOG-Mitglieder nach diesem Besuch dazu, ihre humanitäre Hilfe in Neswisch in mancher Hinsicht zu hinterfragen. „Ist eine Unterstützung sozialer Einrichtungen noch nötig, wo der Staat ein Sozialsystem einrichtet und unsere Almosen offensichtlich unerwünscht sind“, meinte WOG-Mitglied Fritz Bauer.

Folgen der Katastrophe

Unumstritten unter den Mitgliedern ist dagegen das Projekt „Nadeshda“. Die WOG-Gruppe schickt jährlich Kinder, die unter den Folgen von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl leiden, zu einem Ferienaufenthalt nach Nadeshda, wo sie medizinisch und therapeutisch betreut werden. Überhaupt, so führte Bauer aus, lebten mittlerweile auffallend viele behinderte Menschen dort: „Die Folgen der Reaktorkatastrophe werden in dieser Generation erst deutlich sichtbar.“

Die WOG beschloss am Montag, im nächsten Jahr nur noch das Projekt Nadeshda, bei dem die Hilfe ganz direkt ankommt, zu finanzieren. Die anderen Projekte sollen erst einmal auf Eis gelegt werden. Obendrein will die WOG in Neswisch auf Beantwortung aller ihrer Fragen und Kritikpunkte bestehen. „Unter Umständen müssen wir das eine oder andere Projekt fallen lassen“, sagte Claus.

15 Delegierte kommen im August zum Stadtfest nach Laichingen

Kontakte Ziel der WOG-Regionalgruppe Laichingen ist, Betroffenen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu helfen sowie eine Beziehung zwischen den Menschen Weißrusslands und Deutschlands aufzubauen. Kontakte werden geknüpft und gepflegt. Der Verein unterstützt die gegenseitigen Besuche im Rahmen der Städtefreundschaft Laichingen-Neswisch. Der Rehaaufenthalt für Kinder in Nadeshda war eines der ersten Projekte. Dieses Projekt hat die WOG ausgedehnt auf Eltern der betroffenen Kinder und will nächstes Jahr auch behinderten Kindern und deren Eltern den Aufenthalt in Nadeshda finanzieren. Weiter unterstützt sie das einstige Waisenhaus Gorodeja, das zum Internat umstrukturiert wurde, sowie zwei Altersheime und eine Sozialstation.

Städtefreundschaft 15 Delegierte aus  Neswisch haben sich für die Feierlichkeiten in Laichingen zum 25-jährigen Bestehen der Städtefreundschaft angekündigt. Eingeladen hatte Bürgermeister Klaus Kaufmann. Die weißrussischen Gäste werden am Samstag, 18. August, festlich empfangen, gemeinsam geht es im Anschluss auf das Laichinger Stadtfest. Alle Neswischer Gäste werden in Laichingen bei WOG-Mitglieder untergebracht.

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