Neenstetten Pomologe bestimmt alte Apfel- und Birnensorten in der Region

Neenstetten / FRANZ GLOGGER 10.10.2013
Alte Apfel- und Birnensorten waren an ihren Standort angepasst. Um diese zu erhalten, werden sie nun kartiert. Dazu war dieser Tage ein Pomologe, ein Apfel-Experte, auf Neenstetter Obstwiesen unterwegs.

Hans-Thomas Bosch und Rudolf Siehler stehen unter einem alten Apfelbaum im Neenstetter Pfarrgarten, in den Händen ein paar Äpfel. Bosch beißt hinein, er schmeckt mit Kennermiene die Geschmacksnuancen und schaut sich nebenbei den Apfel an: "Weißfleischig, rund, ähnlich einer Luike und doch nicht ganz", sagt Bosch. Auch ein genauer Blick auf die Kerne gibt keinen Aufschluss. Bosch entscheidet sich für "unbekannte Sorte": Der Standort des Baums wird unter der Nummer 5044 mithilfe eines tragbaren GPS gespeichert, samt einiger Stichworte: Typ Luike, weißfleischig, schmackhaft, alter Baum, Zustand vergreist. Dann fotografiert Bosch den Baum, einige Früchte und tütet eine Handvoll ein.

Bosch ist Pomologe - ein Obst- und Sortenkundler -, angestellt bei der zur Hochschule Weihenstephan gehörenden "Versuchsstation für Obstbau Schlachters" bei Lindau. Er war dieser Tage im Auftrag eines überregionalen "Leader"-Projekts in Neenstettens Obstgärten unterwegs, an dem unter anderem der Verein "Donautal-Aktiv" und der Verwaltungsverband Langenau beteiligt sind. Rudolf Siehler unterstützte den Fachmann als Ortskundiger und Hobby-Pomologe.

Ziel der Aktion ist der Erhalt alter Apfel- und Birnensorten, in diesem Fall vom westlichen Landkreis Augsburg übers Donautal bis an die angrenzende Alb. 5000 Obstsorten habe es im 19. Jahrhundert gegeben, dem Höhepunkt der bäuerlichen Selbstversorgung, erklärt Bosch. Inzwischen seien viele verschwunden, gefährdet, ihre Namen vergessen. Die Versuchsanstalt in Schlachters wolle diese alten Sorten finden und erhalten. Grundlage dafür sei eine wissenschaftlich-professionelle Dokumentation, angefangen von den GPS-Koordinaten bis zur Archivierung von Kernen und Bildern. Von besonders wertvollen Funden werden Edelreiser genommen: Diese speziellen Zweige werden auf geeignete junge Bäume, in der Fachsprache Stammbildner genannt, aufgepfropft, wachsen dort an und tragen im Idealfall später Äpfel der alten Sorte. In Schlachters stehen inzwischen mehr als 160 alte Apfel- und Birnensorten. Neben Kriterien wie die regionaltypische Bedeutung sei der Erhalt wichtig als "genetische Ressource". Dieser Genpool könne beim Bekämpfen von Krankheiten wie dem Feuerbrand helfen. Denn die früher verwendeten Sorten seien nicht ohne Grund gepflanzt worden. "Sie haben sich speziell an diesem oder jenem Standort bewährt, waren dem Klima angepasst und resistent gegen äußere Einflüsse. Das kann eine moderne, auf industrielle Produktion ausgerichtete Sorte gar nicht leisten", sagt der Pomologe. Er verleugnet nicht, dass etliche zu Recht nicht mehr angepflanzt worden sind, etwa wegen Krankheiten oder schwachem Ertrag. Dennoch gebe es genügend Sorten, deren Vermehrung sich lohne.

Nachdem bereits der erste Baum in Neenstetten für Bosch ein Treffer war, warteten auf der nächsten Obstwiese weitere Überraschungen: ein "Frequin Rouge" und kurz danach ein "Geflammter Cousinot", laut dem Pomologen ein "echter Fund". Andere Sorten wiederum waren Bosch bestens bekannt: James Grieve, Maunzen, Berlepsch, Gewürzluike, Boskop, Brettacher. Eine "würzige Birne" und ein der "Heslacher Luike" ähnelnder Apfel wurden dagegen eingetütet. Was Bosch nicht mit Hilfe seines Archivs oder von Kollegen herausfindet, wird dem Bundesverband der Pomologen vorgelegt, einem hochkarätigen Kreis von Sortenkennern. Laut Bosch kann man nach diesem Schema heute 80 Prozent aller Apfelsorten bestimmen.

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