Wenn Rickmer Stohp von Baumpflege spricht, versteht der Laie im ersten Moment nur Bahnhof. Der Tübinger Baumwart erzählt von Leitästen und Fruchtholz, von Augen, von Konkurrenten und von Wunden, von charmanten Trieben und mehrjährigem Holz. Bald aber wird Stück für Stück klar, was der Experte meint - die Leitäste sind zusammen mit der Mitte das statische Gerüst des Baumes, das Fruchtholz bildet Blüten und Früchte, der Begriff Augen ist gleichbedeutend mit Knospen.

Stohp veranschaulicht seine Ausführungen an einer Tafel, zeichnet mit wenigen Strichen stilisierte Bäume. Im alten Weidacher Schulhaus fliegen die Stifte über das Papier. 15 Männer und Frauen machen sich Notizen, stellen Fragen. An diesem Morgen steht der Obstbaumschnitt nach der Oeschberg-Palmer-Methode auf dem Stundenplan, der Landfrauenverein hat zum Kurs geladen. "Eine gute Tradition", sagt Anneliese Haas, Vorsitzende der Weidacher Landfrauen.

1993 pflanzte der Landfrauenverein südlich von Weidach eine kleine Streuobstwiese mit 25 Bäumen alter Obstsorten, "unser Beitrag zum Erhalt des Landschaftsbilds der Schwäbischen Alb", wie Haas erklärt. Seither werde die Fläche durch den Verein gepflegt, alle Jahre wieder bilden namhafte Referenten Vereinsmitglieder und Externe aus der Region in Sachen Baumschnitt weiter. Bislang wurde in diesen Kursen der klassische Württembergische Schnitt gelehrt, der auf mehrere, stockweise aufgebaute Leitastserien setzt.

Profi Stoph, ehemals Schüler des schwäbischen Obstbaumexperten Helmut Palmer, kann dieser Methode wenig abgewinnen. "Im Württembergischen System werden die unteren Leitäste durch obere Serien beschattet", sagt er. In der Folge bildeten sich dort kaum mehr junge Triebe und Früchte wüchsen nur mehr in der Peripherie. Rickmer Stohp setzt daher auf den leicht erlernbaren Oeschberg-Palmer-Schnitt, eine "einfache Methode, um schnell und kostengünstig Halb- und Hochstämme zu erziehen". In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Schweiz entwickelt, sei der Oeschbergschnitt ursprünglich ein Kind der Not gewesen. "Damals war die Schweiz vom Ziel der Selbstversorgung mit Obst weit entfernt", sagt Stohp. Die bäuerlichen Streuobstanlagen waren zu ungepflegt, es fehlte am nötigen Wissen und an einer einfachen Schnittmethode. Hans Spreng von der Kantonalen Obstbaumschule in Oeschberg entwickelte eben diese: Sein "Oeschbergschnitt" ist auf jede Baumart und in jedem Baumalter anwendbar, von geringem Aufwand, zeitsparend und dennoch naturgemäß.

Für Rickmer Stohp ist er "nach wie vor die beste Methode, mit Obstbäumen umzugehen". Während das alte Württembergische System mit mehreren Leitastserien möglichst viele flache Äste zu erreichen sucht, baut der Oeschbergschnitt auf eine Mitte - entstanden aus der Stammverlängerung - und drei, maximal vier Leitäste in nur einer Serie. "Wenig Äste, viel Licht, gute Qualität" lautet das Oeschberg-Credo. Was Hans Spreng in den 1930er Jahren propagierte, brachte Helmut Palmer nach Baden-Württemberg. Der Obstbaumexperte entwickelte den Oeschbergschnitt weiter und warb im Ländle intensiv für die neue Methode. Vergebens. "Palmer war ein schwieriger Zeitgenosse", sagt Stohp.

Der als "Remstal-Rebell" verschriene Bürgerrechtler und politische Einzelkämpfer Palmer sei auf gut schwäbisch eine "Schwertgosch" gewesen, wenig diplomatisch und sehr direkt. Seine Ideen zur Baumpflege aber seien "so genial gewesen, dass sie über 40 Jahre niemand umsetzen wollte".

Zentrales Element von Palmers Oeschberg-Weiterentwicklung ist das Schneiden auf ein Gegenauge, eine Technik, mit der sich die Wuchsrichtung der Leit- und Fruchtäste beeinflussen lässt: Hierbei wird die Astspitze kurz oberhalb einer nach innen weisenden Knospe abgeschnitten. Das darunterliegende Außenauge treibt in der Folge aus und der Ast wird so in die gewünschte Richtung gelenkt.

Was Rickmer Stohp zunächst in der Theorie erklärte, konnten die Kursteilnehmer in Weidach dann gleich im Anschluss auch in der Praxis erleben. Auf der Streuobstwiese des Landfrauenvereins legte Stohp Säge und Rosenschere an und ging den Oeschberg-Palmer-Schnitt Schritt für Schritt mit seinen Schülern durch.