Binnen weniger Sekunden schießen 15 Projektile aus dem Lauf der Ceska. Die meisten durchdringen den 44-Jährigen ungebremst. Der Schütze habe ein ganzes Magazin auf den Unterleib des Mannes gefeuert, sagt Alexander Dürr, Chef der einstigen Sonderkommission „Blume“, sechs Jahre nach dem Mord an einem Laichinger Blumenhändler. Ein Täter ist bis heute nicht gefunden. Nun kommt aber wieder Bewegung in die Ermittlungen. Der NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags prüft Mordfälle auf mögliche Bezüge zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Und: Dürr lieferte am Montag im Plenarsaal des Stuttgarter Landtags prompt einen neuen Ansatz.

„Wir haben damals überlegt, welche Täterschaft in Betracht kommen könnte“, sagte Dürr. Bereits am ersten Tag der Ermittlungen seien Parallelen zur damals noch als „Döner-Morde“ bekannten Serie aufgefallen, was die Opferauswahl mit acht türkischen und einem griechischen Geschäftsmann und der Ceska als Tatwaffe betreffe.

Es gab Unterschiede: Die NSU-Opfer hätten nichts geahnt, seien tagsüber überfallen und mit gezielten Kopfschüssen getötet worden. Patronenhülsen wurden nicht hinterlassen. Der Laichinger Blumenhändler dagegen hatte im Vorfeld von Racheakten und Morddrohungen berichtet. Er wurde um 4 Uhr morgens getötet. Statt Kaliber 7,65 kam eine 9-Millimeter-Waffe zum Einsatz. Die Hülsen wurden nicht beseitigt. In Laichingen habe „die Professionalität“ gefehlt, berichtete Dürr. Er vermutet daher eine emotionale Tat aus dem Umfeld, worauf die Fokussierung auf den Unterleib deute. Dürr beschrieb das Opfer als intelligent, charmant, dem „anderen Geschlecht äußerst zugeneigt“. Es habe daher in seinem Umfeld Neid, Eifersucht und Missgunst gegeben.

Die Ermittler seien auf eine „eindrucksvolle Indizienkette“ gestoßen, was einen Mann aus dem familiären Umfeld des Mord­opfers betreffe. Dieser hatte den Hinweis „schießen und abhauen“ auf Facebook gepostet und sei nach Frankreich geflüchtet. Die Polizei sicherte in seiner Wohnung eine Jacke und Handschuhe, die Schmauchspuren enthielten. Diese, so Dürr, könnten von ihrer Zusammensetzung her zur gesuchten Waffe passen. Die Beweislage habe aber nicht für eine Festnahme ausgereicht.

Die Ermittler ließen auch Funkzellendaten von der Tatnacht in Laichingen auswerten und stießen auf 99 Nummern, die in anderen NSU-Ermittlungen eine Rolle spielten. So gab es Verbindungen zwischen Kontaktleuten des Laichinger Opfers und dem Blumenhändler Enver Simsek, der 2000 in Nürnberg das wohl erste Mordopfer des NSU wurde.

Jürgen Filius, Grünen-Obmann aus Ulm, hakte am Montag insbesondere zur Spur 044 nach. Demnach hat ein Beteiligter aus dem Umfeld des Opfers, der drei Tage vor der Tat bei einer Familienkonferenz dabei war, wenige Tage nach dem Mord einen Anruf von einer Kontaktperson aus der Frühlingsstraße in Zwickau erhalten – jener Straße, wo der NSU bis zum Auffliegen am 4. November 2011 seinen Unterschlupf hatte. Damit nicht genug: Die Nummer fiel 2004 auch bei Ermittlungen zum Bombenanschlag des NSU in Köln auf. Grund genug, meint Filius, an diesem Komplex dranzubleiben, auch wenn ein Bezug zu den Rechtsterroristen des NSU wenig wahrscheinlich sei. Die Ulmer Kripo hat nun den Auftrag, die bisher nicht verfolgten Spuren zu ermitteln.

Morgens um 4 Uhr vor dem Auto abgepasst


Die Tat Der 44-Jährige besorgte im Oktober 2011, wie so oft, zusammen mit Mitarbeitern in Amsterdam Blumen, die er später an Märkte und Händler in der Region verkaufen wollte. Nachdem die Importware an jenem Dienstag, 4. Oktober, gegen 4 Uhr vor dem Geschäft ausgeladen war, verabschiedete sich der 44-Jährige von seinen Mitarbeitern. Er wollte zu seinem Wagen, der in der erst kurz zuvor angemieteten, 200 Meter entfernten Garage stand. Dort wurde der Blumenhändler abgepasst und getötet. Noch heute ist kein Schuldiger gefunden, die Tatwaffe verschwunden. Neben möglichen Tätern im Umfeld seien Rechtsextreme und Ausländer in Frage gekommen, sagte Ermittler Alexander Dürr. Da das Opfer Kurde war, sei auch über Beziehungen zur PKK, zum türkischen Geheimdienst und zur Hisbollah diskutiert worden.