Bahnhalt Neubaustrecke: Landtagsabgeordnete Rivoir und Binder uneins

Martin Rivoir (links) und Sascha Binder blickten gestern auch in den weitgehend fertiggestellten Tunnel Widderstall.
Martin Rivoir (links) und Sascha Binder blickten gestern auch in den weitgehend fertiggestellten Tunnel Widderstall. © Foto: Joachim Striebel
Dornstadt/Merklingen / THOMAS STEIBADLER JOACHIM STRIEBEL 12.08.2016
Alles im Lot bei der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm, erfuhren die SPD-Landtagsabgeordneten Sascha Binder und Martin Rivoir bei einer Baustellentour.

Dieses Angebot kann Busfahrer Herbert Kugler nicht ausschlagen: Einmal mit dem Reisebus durch die Lkw-Reifenwaschanlage fahren. Auf der Baustelle am Tunnelportal Dornstadt ergab sich am Donnerstag die Gelegenheit. Die SPD-Landtagsabgeordneten Martin Rivoir (Ulm) und Sascha Binder (Geislingen) hatten eine Tour zu einigen Baustellen der Neubaustrecke über die Alb mit Bahn-Projektleiter Stefan Kielbassa organisiert, und der Bau-Ingenieur weiß offenbar, was Busfahrern Spaß macht.

Ob sie Spaß daran haben oder nicht: Die Lastwagenfahrer müssen jedesmal, ehe sie die Baustelle verlassen, die Waschanlage passieren. Darauf werde auf allen Baustellen an der Trasse genau geachtet, sagte Kielbassa. Zudem sind auf den Baustellenstraßen selbst ständig Kehrmaschinen unterwegs. Aus dem Ärger mit verdreckten Landstraßen und Ortsdurchfahrten – in Dornstadt ebenso wie in Merklingen – haben die Bahn als Auftraggeber und die beteiligten Firmen gelernt.

Gerade mal gut zwei Jahre ist es her, dass Gerlinde Kretschmann, die Frau von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, im Juni 2014 zur Tunneltaufe in Dornstadt war. Seither haben die Tunnelbauer ganze Arbeit geleistet. Der Albabstiegstunnel zwischen Dornstadt und Ulm besteht aus zwei jeweils 5,9 Kilometer langen Röhren, die alle 500 Meter miteinander verbunden sind. Die westliche Röhre, durch die von Ende 2021 an die Züge in Richtung Ulm rauschen sollen, ist auf etwa 1,8 Kilometern bereits fertig betoniert. An der Ost-Röhre laufen die Betonarbeiten gerade an. Pro Tag schaffen die Arbeiter etwa 12,50 Meter.

Weiter unten in Richtung Ulm wird – ausgehend vom so genannten Zwischenangriff bei Ulm-Lehr – noch gesprengt, gebohrt und gebaggert. Allerdings mit angezogener Handbremse, wie Kielbassa sagte. Aus Rücksicht auf die Anwohner von Michels- und Kienlesberg in Ulm werde nachts nicht gesprengt. Doch auch die Bagger und Lastwagen zum Abtransport des Gesteins seien laut genug, um manchem den Schlaf zu rauben – auch wenn die Einhaltung der Lärm- und Erschütterungsgrenzwerte penibel kontrolliert werde. Bald aber sei der Tunneldurchschlag geschafft, sagte Kielbassa. Nur noch etwa 200 Meter Kalkgestein trennen die Mineure vom bereits fertiggestellten Tunnelportal im Norden des Ulmer Hauptbahnhofs. Der Durchbruch – „ein ganz großer Meilenstein“ – werde dann gebührend gefeiert, kündigte Kielbassa an.

Oben auf der Albhochfläche ist ein Tunnel bereits fertig, der 963 Meter lange Tunnel Widderstall. Der besteht aus nur einer Röhre – erst bei einer Länge von mehr als 1000 Metern sind zwei Röhren vorgeschrieben. Anders als der Albabstiegstunnel wurde er nicht bergmännisch, sondern in offener Bauweise erstellt. Eine Baugrube wurde bis zur Tunnel-Sohle ausgehoben, das Bauwerk dann Stück für Stück aus Beton gegossen. Am Ende wurde der Tunnel hinterfüllt und mit Erde überschüttet. „Im Endausbau ist die Geländeform gleich wie vor den Bauarbeiten“, sagte Diplomingenieur Walter Fischer von der Bauüberwachung.

Vor zwei Wochen haben die Bauarbeiter das zweite, östliche Portal fertiggestellt. Im Inneren laufen gerade Feinarbeiten zur Sanierung von Fehlstellen im Beton. „Eine übliche Vorgehensweise“, sagte Fischer. Gearbeitet wird auch noch an den Randbereichen, wo unter anderem Löschwasserleitungen liegen. Über dem 37 Millionen Euro teuren Tunnelbauwerk ist, wie berichtet, die Park- und WC-Anlage für die Autobahn entstanden.

Eine Besonderheit der Bahn-Baustelle auf der Alb seien die „unterirdischen Geländeformationen“, wie Walter Fischer sagte. Klüfte, Löcher und sogar Höhlen kamen im Kalkgestein zum Vorschein. Beim Tunnel Widderstall stießen die Arbeiter auf eine stattliche Höhle, ebenso etwas weiter östlich, unweit des geplanten Bahnhofs Merklingen. Die Höhlen werden von Forschern sorgfältig vermessen und dann aufgefüllt. Denn Setzungen unter dem Bahnkörper darf es nicht geben. Schon wenige Zentimeter wären für einen ICE mit einem Tempo von 250 Stundenkilometern fatal.

„Es geht voran“, kommentierte Martin Rivoir die Bauarbeiten. Am Ort des geplanten Bahnhalts in Merklingen machten er und Sascha Binder am Donnerstag nicht halt. Zu dem Projekt haben der Ulmer und der Geislinger Abgeordnete unterschiedliche Meinungen. Rivoir betont die einmalige Chance für die Gemeinden der Laichinger Alb, Sascha Binder befürchtet eine Verschlechterung des Takts auf der Filstalbahn. Er habe ja nichts gegen den Alb-Bahnhof, sagte Binder im Gespräch, doch hoffe er, „dass auch für das Filstal das Geld so locker sitzt“. Kritisch sieht der Geislinger Abgeordnete die Verwendung von Regionalisierungsmitteln für den Bahnhof Merklingen. Wie er am Donnerstag sagte, läuft eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion, sie will wissen, wie sich der Mitteleinsatz für den Bahnhof Merklingen auf andere bereits geplante Projekte im Land auswirkt.

Nach einer kurzen Besichtigung der Bahn-Baustelle in Widderstall ging’s mit dem Bus weiter zum Tunnel am Albaufstieg. Busfahrer Herbert Kugler wäre gern direkt durch den Tunnel Widderstall gefahren. Doch der bleibt der Bahn vorbehalten. So ging’s außen herum über die Autobahn.

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