Elisabeth Giesen bricht die Stimme. Tränen steigen ihr in die Augen, als sie einen Illerkiesel in die Höhe hält. Es handelt sich um den Stein, der am 15. Januar 1939 in ihrem Kinderbett landete. Durchs Fenster geschleudert von einem betrunkenen Mitglied der Sturmabteilung der NSDAP, der ihrem Vater, dem evangelischen Pfarrer von Senden, an den Kragen wollte. Denn Karl Steinbauer hatte sich in seinen Predigen immer wieder gegen die Nazis gewandt. Nun sitzt seine Tochter im Aufenthaltsraum der eben fertiggebauten und nach ihrem Vater benannten Flüchtlingsunterkunft an der Sendener Römerstraße. Der Stein, sagt sie, solle zum einen Mahnung sein an die dunkle Zeit in Deutschland – aber zugleich könne er auch ein „Grundstein“ sein: „für die Gestaltung der Zukunft im Geiste der Menschenwürde“.

Es sind viele Leute gekommen zur Einweihung der von einem örtlichen Investor erstellten 70-Betten-Unterkunft: Vertreter des Asylhelferkreises, ein Abgesandter der Regierung von Schwaben, Vize-Landrat Roland Bürzle, Bürgermeister Raphael Bögge, seine beiden Stellvertreter, Stadträte. Einweihung übrigens im wörtlichen Sinne, vorgenommen von Diakon Johannes Prestele von der Sendener Gemeinde St. Josef, der evangelischen Pfarrerin Kathrin Bohe und Stefan Reichenbacher, dem evangelischen Pfarrer von Reutti und Vertretern der von Steinbauer mitgegründeten bayerischen Pfarrbruderschaft.

Prestele sagte, es sei die Aufgabe aller, dafür zu sorgen, dass die nach Deutschland Geflohenen keine Fremde bleiben. „Eine schwierige Aufgabe, die nur gelingen kann im Beistand Gottes.“ Bohe ergänzte mit Blick auf den zur Eröffnung gebackenen symbolischen Schlüssel aus Hefeteig: Es gehe darum, die Herzen der Menschen aufzuschließen, „für die, die zu uns kommen“. Derzeit gehe eine Spaltung durch die Gesellschaft.

Vize-Landrat Bürzle dankte dem Sendener Investor, der vor Jahren selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, für sein Engagement. Im Neubau – jeweils vier Personen teilen sich ein Zimmer, es gibt Stockbetten sowie auf jeder Etage separate Küchen und Sanitärräume – lasse es sich bestimmt besser wohnen als im eben als Asylunterkunft wiedereröffneten Praktiker-Baumarkt in Neu-Ulm mit Platz für bis zu 600 Menschen. Bürzle dazu: „Furchtbar.“ Es brauche mehr „Mutbürger“ in der Tradition Steinbauers. Bögge sagte, man müsse die Sorgen der Bürger beim Thema Asyl ernst nehmen, den Flüchtlingen eine Perspektive bieten und die Ehrenamtlichen entlasten: „Sie haben unseren Staat in den vergangenen Monaten am Leben gehalten.“

Der Investor, der namentlich nicht genannt werden will, ließ vorwiegend die von ihm schon mehrfach nach Senden eingeladene Pfarrers-Tochter aus Köln sprechen: Diese erinnerte auch an das Lebensmotto ihres Vaters, das da gelautet habe: „Ich will meinen Mund nicht stopfen lassen.“ Sie wünschte sich: „Möge dieses Haus im Geiste von Karl Steinbauer fortgeführt werden. In Liebe und Brüderlichkeit.“ An Karl Steinbauer erinnert unter anderem ein im Treppenhaus angebrachter Aushang samt Foto.

Kritik, aber letztlich Zustimmung für weitere Unterkunft an der Römerstraße

Es war einer der ersten Erfolge des neuen Sendener Bürgermeisters Raphael Bögge: der Kompromiss für den Bau der eröffneten Asylunterkunft am „Scharfen Eck“ mit 70 Plätzen – 120 Plätze hatte der Investor beantragt. Für das Gebäude wurde der Bebauungsplan geändert. Als am Dienstag den Stadträten der Bauantrag für ein Wohnheim mit weiteren 70 Plätzen neben dem Neubau vorlag, verwiesen die Freien Wähler auf die Absprachen von 2014. Fraktionschef Edwin Petruch: Jetzt komme „in Salamitaktik“ die Konzentration an Flüchtlingen, die die Stadt an dieser Stelle nicht haben wolle. Bögge sagte, die Plätze würden – ungeachtet der geplanten Unterkünfte andernorts in Senden – gebraucht. CSU-Fraktionschef Walter Wörtz assistierte: Der gerade fertiggestellte Neubau und der in selber Weise geplante zweite Bau seien auch städtebaulich ein Gewinn. Zumal der zweite Bau anstelle der nicht sanierungsfähigen Unterkunft, in welcher derzeit 24 Flüchtlinge wohnen, erstellt werden solle. Probleme ließen sich mit den von Bögge seitens der Bezirksregierung in Aussicht gestellten längeren Arbeitszeiten für Hausmeister und Sicherheitsdienst verhindern. Grüne und SPD meinen, eine dezentralere Unterbringung sei zwar wünschenswert, angesichts des hohen Zustroms aber kaum machbar. Gegen das Wohnheim stimmten letztlich die drei Freien Wähler im Bauausschuss sowie Gabriele Kast, CSU.