Weit nach Mitternacht Dübel oder Schrauben kaufen – in der jüngsten Würth-Niederlassung in Vöhringen ist dies möglich. 480 Verkaufsniederlassungen unterhält der in Künzelsau ansässige Würth-Konzern bislang. Mit der 481 aber, die am Dienstag eröffnet wurde, betritt er Neuland. Es ist die erste, in der die Kunden von Montag bis Samstag rund um die Uhr ihren Bedarf decken können – ein Pilotprojekt, das zugleich eine Vorschau in die Zukunft des Einzelhandels bietet.

Es gibt in dem 500 Quadratmeter großen Verkaufsraum nach Ladenschluss kein Personal, und statt einer Kasse ist da ein Tunnelscanner mit Förderband, auf das die Kunden ihre Ware legen. Die Einkäufe werden dann digital erfasst, und einige Tage später flattert den Kunden eine Rechnung ins Haus. Ganz analog.

Überhaupt vereinigt diese besondere Niederlassung beide Einkaufswelten. Untertags zu den regulären Öffnungszeiten geht es klassisch zu. Soll heißen: Dann ist die Filiale mit leibhaftigem Personal besetzt. „Denn manche der 4500 Produkte sind erklärungsbedürftig, einige sogar beratungsintensiv“, führt Matthias Glaser, der bei Würth den Geschäftsbereich Niederlassungen leitet, als Begründung an.

Wer jedoch außerhalb der Geschäftszeiten kommt, wisse in der Regel genau, was er benötigt. Das Pilotprojekt zielt ab auf Situationen, in denen auf Baustellen oder in der Produktion kurzfristig ein Teil ausgegangen ist, das auf die Schnelle besorgt werden muss. Aber nicht nur. Glaser rechnet damit, dass ein gutes Drittel dieser nächtlichen Kunden gar nicht aus der Region stammt, sondern auf Durchfahrt ist, und diese sich quasi im Vorbeifahren mit ihrem Bedarf eindecken. Die Lage der Niederlassung im kleinen Gewerbegebiet An der alten Ziegelei an der Autobahn könnte kaum geeigneter dafür sein, dass dieses Kalkül aufgeht.

Ist der Verkaufsraum geschlossen, erhalten die Kunden – sie entstammen ausschließlich dem professionellen Bereich – Zugang via QR-Code über die Würth-App. Erfasst das System die Kundennummer, die den Zutritt sichert, erfolgt sogar eine namentliche Begrüßung – auf einem Display. Mit 4500 Produkten, vom Dübel bis zum Bohrer oder Sägeblatt, steht freilich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem mit 120.000 Produkten viel umfänglicheren Würth-Sortiment zur Verfügung. Doch seien dies die am häufigsten nachgefragten. Nicht erhältlich sind Glaser zufolge Waren, bei denen eine Beratung gesetzlich vorgeschrieben ist, etwa bestimmte Chemikalien, sowie solche, für die noch kein Barcode zur Verfügung steht, darunter Arbeitskleidung.

Ehrlichkeit vorausgesetzt

Daran ist ersichtlich, dass man sich noch in der Erprobungsphase befindet. Auf großes Interesse dürfte intern ebenso die Rate der Diebstähle zählen. „Kein System ist perfekt“, räumt Glaser offen ein, da vertraue man einfach auch auf die Ehrlichkeit der Kunden.

Mit im Boot bei der Entwicklung dieser Pilot-Filiale war die Firma Wanzl aus Leipheim, weithin bekannt für ihre Einkaufswagen, doch seit langem schon aktiv auch in der Ausrüstung von Märkten und Geschäften etwa mit Eingangsanlagen.

Bernhard Renzhofer, Geschäftsführer Vertrieb, ließ keinen Zweifel daran, dass er in diesem neuen, auf Digitalisierung setzenden „Shop-Format“ die Zukunft für den stationären Einzelhandel ganz generell sieht. „Das ist sehr wohl übertragbar“, lautet seine Prognose. Gerade einmal zwölf Monate seien zwischen der ersten Besprechung bis zur Eröffnung vergangen, sagte er beim kleinen Eröffnungszeremoniell nicht ohne Stolz in der Stimme.

Internet ausbauen, klassische Wege erhalten


Unternehmen Würth ist Spezialist im Handel mit Montage- und Befestigungsmaterial für professionelle Anwender und dabei weltweit tätig. Die Kunden kommen aus Handwerk, Bau und Industrie. Deutschlandweit beschäftigt Würth derzeit rund 6800 Mitarbeiter. Das Unternehmen erwirtschaftete im 2017 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro.

Strategie Der Werkzeug-Handelskonzern wächst dank eines starken Zuwachses im Internet-Geschäft und guter Ergebnisse vor allem in Ost- und Südeuropa. Er setzt auf eine „Multikanalstrategie“, also die Verknüpfung der Vertriebswege Außendienst, Niederlassungen und E-Business. Die Strategie greift mehr und mehr.