Rohstoffgewinnung Nachhaltigkeit auf der Gabel

Blaubeuren Stuttgart / Joachim Striebel 10.04.2018

In Deutschland braucht jeder Mensch pro Stunde mehr als ein Kilogramm Stein. Laut Statistik des Industrieverbands Steine und Erden sind das rund neun Tonnen pro Jahr – in Form von Naturstein, Sand, Kies, Gips oder Steinmehl. Mengen im Halbpfund- und Achtelliter-Maß wurden bei der Steinschmecker-Soirée des Industrieverbands im Landtags-Restaurant „Plenum“ in Stuttgart gereicht: Weißburgunder-Sekt, Riesling-Eiswein, Häppchen vom Lamm als Appetitanreger, Forellenfilet als Vorspeise und gegarter Rinder-Rücken als Hauptgang. Das Besondere: die Produkte stammen aus Abbaustätten in Baden-Württemberg. Das zarte Rindfleisch von Taurusrindern, die im Steinbruch von Heidelberg Cement bei Blaubeuren-Gerhausen gegrast haben.

Ein Platz für Tiere

„Steine und Kulinarik bringt man auf den ersten Blick nicht zusammen“, sagte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). „Es liegt einem höchstens mal etwas schwer im Magen.“ Wie die Verbindung von Steinindustrie und Ökologie funktioniert, erklärte Hans Georg Kraut, bis 2016 Direktor des Zementwerks in Schelklingen und weiterhin Verantwortlicher für die „Urzeitweide“ in Gerhausen. In dem Steinbruch, der nur noch in ganz geringem Umfang genutzt wird, halten Taurus-Rinder und Konik-Pferde die Landschaft offen und schützen sie vor der Verbuschung. Dadurch bleibt die künstlich geschaffene Landschaft mit ihren Magerrasenflächen, Tümpeln und Abbauwänden als Lebensraum für Insekten, Vögel, Kleinsäuger und Amphibien offen.

 „Der Steinbruch ist voller Leben“, bestätigte Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Umweltministerium. Die Rinder und Pferde ersetzten die Bulldozer.

In seiner früheren Funktion als Landesvorsitzender des Naturschutzbunds (Nabu) hatte Baumann gemeinsam mit dem Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg (Iste) im Jahr 2012 die Urzeitweide bei Gerhausen als größtes Ganzjahresweideprojekt seiner Art im Land auf den Weg gebracht. Derzeit zählt die Konik-Herde acht Tiere. Das jüngste ist ein Fohlen, das am 1. März bei 20 Grad Kälte zur Welt kam und wohlauf ist, wie Hans Georg Kraut berichtete. Weil die Herde nicht viel größer werden darf, werden Tiere verkauft und finden unter anderem bei Wanderreitbetrieben und Therapieeinrichtungen Verwendung. Die Taurus-Herde umfasst 22 Rinder, es werden in diesem Jahr zehn Kälber erwartet. Im Herbst werden regelmäßig Tiere geschlachtet. „Was Sie auf der Gabel haben, ist gelebte Nachhaltigkeit“, sagte Iste-Präsident Peter Röhm zu den Gästen in Stuttgart.

Die vor Jahren begonnene Zusammenarbeit zwischen Industrieverband und Naturschutzbund schlägt sich aktuell nieder in einem gemeinsamen Papier zur „Nachhaltigen Nutzung und Entwicklung von Rohstoffgewinnungsstätten“. Es enthält Vorschläge für die Rohstoffstrategie des Landes Baden-Württemberg. Demnach soll die Dezentralität von Gewinnungsstätten erhalten bleiben, zum einen wegen der kurzen Transportwege und zum anderen wegen ökologisch ausgerichteten Folgenutzungen.

Das Papier beschreibt einen Konflikt, der sich dann ergibt, wenn sich seltene Arten ansiedeln, der Betreiber aber weiter abbauen möchte. Es dürfe keine „Verhinderungspflege“ geben, um das Entstehen geeigneter Lebensräume zu unterbinden. Angeregt werden vertragliche Lösungen für „Natur auf Zeit“. Aufgegriffen wird auch das Thema Baustoffrecycling, neue Verordnungen dürften das Erreichte nicht gefährden. Gerade beim Recycling erwartet die Politik Innovationen der Industrie, wie in einem Gespräch mit Vertretern der Landtagsfraktionen deutlich wurde.

Branche mit 15 000 Beschäftigten

Unternehmen Zum Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg gehören rund 500 Unternehmen mit 800 Werken. Die Zahl der Beschäftigten gibt der Verband mit 15 000 an. Die Branche erwirtschaftet einen Gesamtumsatz von rund 5 Milliarden Euro pro Jahr im Land.

Kulinarisches Der Verband hat bereits dreimal die „Stallwächterparty“ der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin beliefert. Die Liste der Produkte aus ehemaligen Abbaustätten reicht vom Rind aus Gerhausen über den Hirsch aus der ehemaligen Kiesgrube bei Mietingen-Baltringen bis hin zum Honig aus dem Steinbruch Sämann in Illingen.

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