Geselllschaft Nachbarschaftshilfe hofft auf Politik

Sabine Megnin leitet den Verein Tatkraft.
Sabine Megnin leitet den Verein Tatkraft. © Foto: Thomas Steibadler
Bernstadt / Von Thomas Steibadler 08.08.2018

Als „tolles Beispiel“ für ehrenamtlichen Einsatz in der Gemeinde lobt die Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer den Verein Tatkraft in Bernstadt. „Verantwortung für andere zu übernehmen, das macht ein Gemeinwesen aus“, sagt der Landtagsabgeordnete Manuel Hagel.

Die beiden CDU-Politiker haben am Montag beim Besuch in Bernstadt erfahren, dass der vor fünf Jahren gegründete Verein nun seinerseits dringend Unterstützung braucht. Wie viele andere in der Nachbarschaftshilfe engagierte Vereine droht der Tatkraft eine erhebliche finanzielle Belastung durch die Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege (BGW). „Dann wäre unser System tot“, stellt der Tatkraft-Vorsitzende, Bürgermeister Oliver Sühring, fest.

Etwas mehr als 100 Helferinnen und Helfer kümmern sich zur Zeit in den Gemeinden Bernstadt, Holzkirch und Weidenstetten sowie im Langenauer Teilort Hörvelsingen um insgesamt 97 Menschen. Im Monat sind die Ehrenamtlichen im Durchschnitt jeweils fünf bis zehn Stunden für den Verein im Einsatz. „Das ist die Zeit, die aufgeschrieben wird“, sagt Sabine Megnin, die Gesamtleiterin von Tatkraft. Der Kaffeeplausch mit den häufig alleinstehenden Hilfebedürftigen werde bestimmt nicht erfasst.

Von den elf Euro, die der Verein für die Betreuung und Unterstützung im Alltag pro Stunde berechnet, bekommen die Helferinnen und Helfer 8,50 Euro. Der Rest wird für die Verwaltung sowie die Haftpflicht- und Kfz-Versicherung der Ehrenamtlichen benötigt. Die Unfallversicherung übernimmt die Berufsgenossenschaft Gesundheit und Wohlfahrtspflege beitragsfrei.

Doch das will die BGW nun ändern. Beitragsfrei sei ehrenamtliche Tätigkeit künftig nur dann, wenn die Aufwandsentschädigung nicht einem Arbeitsentgelt oder Honorar entspreche. Statt der stundenweisen fordert die Berufsgenossenschaft daher eine pauschale Vergütung der Helfer­innen und Helfer. Andernfalls müssten diese als Selbstständige mit etwa 270 Euro pro Person und Jahr versichert werden. Für den Bernstadter Verein, der bislang etwa 2500 Euro im Jahr an Versicherungsprämien bezahlt, nicht leistbar, betont Sabine Megnin.

Ebenso ist der Tatkraft-Leiterin schleierhaft, wie eine pauschale Vergütung der Nachbarschaftshilfe berechnet werden könnte. „Ich weiß nicht, wie das in der Praxis funktionieren soll.“ Den ehrenamtlichen Charakter der Mitarbeit bei Tatkraft in Frage zu stellen, hält Sabine Megnin für abwegig. Die Helfer­innen und Helfer seien doch keine Honorarkräfte, keiner komme über die steuerfreie Übungsleiterpauschale von 2400 Euro im Jahr.

Die Mitgliedschaft in der BGW ist für Nachbarschaftshilfe-Vereine wie die Tatkraft Pflicht. Umso wichtiger ist nach Ansicht von Bürgermeister Sühring, dass die Berufsgenossenschaft ihre Position aufgibt – wenn nötig, durch politischen Druck. Dafür sollen nun Ronja Kemmer und Manuel Hagel sorgen.

Treffen mit Sozialminister Lucha

Gespräch Vertreter von Wohlfahrtsverbänden und von Nachbarschaftshilfe-Vereinen wie Tatkraft in Bernstadt treffen sich am 18. September mit dem baden-württembergischen Sozialminister Manne Lucha (Grüne). In den Gesprächen wird es unter anderem um die drohenden Berufsgenossenschafts-Beiträge für Ehrenamtliche gehen. Ein weiteres Thema ist die Verordnung über die Anerkennung der Angebote zur Unterstützung im Alltag. Darin fordert das Land, dass jeder Nachbarschafts-Helfer mindestens 30 Stunden Unterricht absolviert haben muss. Fortbildung und Qualitätssicherung seien wichtig, sagt Tatkraft-Leiterin Sabine Megnin. Aber die 30-Stunden-Forderung sei in vielen Fällen überzogen.

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