Wildtiere Nach dem ersten Wolfsriss im Land sind Alb-Schäfer in Sorge

Machtolsheim / Joachim Striebel 10.11.2017
Angst vor dem Wolf: Schäfer auf der Schwäbischen Alb befürchten Risse. Ein Vortrag in Machtolsheim bot keine Lösungen.

Schäferstammtisch in der „Krone“ in Machtolsheim. Das hat nichts von einem Schäferstündchen und ist auch kein gemütlicher Binokel-Abend. In den 35 Jahren seit Bestehen des alle paar Wochen an wechselnden Orten stattfindenden Treffs war noch kein Thema so heiß, selten waren so viele der Berufs- und Hobbyschäfer aus den Kreisen Alb-Donau, Göppingen, Reutlingen und Esslingen anwesend. Angelika Voigt, Schäfersfrau aus Nellingen, die den Abend organisiert hat, zählt mehr als 50 Leute, die etwas hören wollen über die mögliche Bedrohung durch den Wolf.

Die Herdentierhalter sind unruhig geworden, spätestens seit erstmals nach mehr als 100 Jahren wieder ein Wolfsriss in Baden-Württemberg nachgewiesen wurde. Am 7. Oktober tötete ein Wolf in Widdern bei Heilbronn drei Schafe. Der Tierhalter hatte einen Zaun aufgestellt auf drei Seiten, auf der vierten Seite hinderte ein Bach die Schafe am Entlaufen. Kein Hindernis für den Wolf.

Auch Elektro-Zäune rundherum mit einer Standardhöhe von 90 Zentimetern reichten nicht aus, sagt Silke Engelhardt, die Referentin des Abends. In Niedersachsen gelte schon ein Standard von 160 Zentimetern. Mit den Zäunen ist es auf der Alb schwierig. Wer stellt sie in den Steillagen auf? Sie seien mit ihrer Arbeitskraft an der Grenze, sagen die Schäfer. Ein Mann allein komme mit den großen Zäunen nicht zu Rande. Anette Wohlfahrt, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands, die beim Schäferstammtisch anwesend ist, hat kürzlich bei einer Anhörung im Landtag darauf hingewiesen, dass wegen des Kalksteins unter der dünnen Grasnarbe der Alb gar keine Erdung für den mit 4000 Volt geladenen Zaun möglich ist.

Zusätzlich zum Zaun sollen die Schäfer auf Herdenschutzhunde setzen. Hierzulande keine gute Möglichkeit, wo die Schafherden häufig in Naherholungsgebieten unterwegs sind und auch mal durch ein Dorf ziehen müssen. Was ist, wenn solch ein kräftiger Hund einen Haushund packt, der der Herde zu nahe kommt? Gar lächerlich findet Silke Engelhardt die Idee, Esel zur Wolfsabwehr bei der Schafsherde zu halten. In Ostdeutschland seien Wölfe schon an Pferde gegangen, berichtet sie. Die 44-Jährige aus Bisingen beschäftigt sich hobbymäßig mit der Gefährlichkeit des Wolfs. Die Einzelhandelskauffrau ist in Fachkreisen umstritten. Es fehlt nicht an Polemik, wenn sie über Politik, Verbände und die Presse spricht, die in der Öffentlichkeit das Bild des harmlosen Wolfes zeichneten. Sie leide keinesfalls am „Rotkäppchen-Syndrom“, sagt sie und berichtet von Sichtungen in der Nähe eines Kindergartens und von Weidetierhaltern im Osten, die Risse gar nicht mehr meldeten, weil sie die Scherereien mit den Behörden fürchteten und die Vorwürfe, sie hätten ihre Herde nicht richtig geschützt. Aussagen, der Wolf sei scheu und nur nachtaktiv, seien moderne Märchen. In Brandenburg sei nun geplant, dass 100 speziell ausgebildete Jäger in Einzelfällen Wölfe erlegen dürften.

Und was sagen die Schäfer von der Alb? „Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln haben wir nicht die Möglichkeit, uns effektiv zu schützen“, sagt Johannes Allgaier aus Heroldstatt. „Man müsste Nachtwache halten, wie früher“, meint sein Kollege Dietmar Stotz aus Bermaringen. Jens Bihler, der seine Herde um Laichingen, Merklingen und Nellingen weidet, würde es mit Schutzzäunen versuchen. Doch nach mehreren Übergriffen würde er aufgeben und die Tiere verkaufen. Bisher hat er von einem Wolf noch nichts bemerkt. Acht Tage bevor ein Jungwolf auf der Autobahn bei Merklingen überfahren wurde, haben seine Tiere noch unweit davon gegrast.

Das Risiko eines Risses kann reduziert werden

Rudelbildung Dr. Rudolf Suchant, Leiter des Bereichs Wildtierökologie bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg, hat Verständnis für die Besorgnis der Schäfer. Bei vielen sei das Fass voll, der Wolf könnte der Tropfen sein, der es zum Überlaufen bringt. Während bisher nur einzelne Wölfe dokumentiert wurden, könnte es innerhalb der nächsten fünf Jahre in Baden-Württemberg zur Rudelbildung kommen. Das sei nicht zu verharmlosen. Mit Maßnahmen wie Zäunen und Schutzhunden könne das Risiko reduziert werden. Die verschiedenen Akteure müssten miteinander Lösungen suchen. „Der Wolf setzt eben auch Emotionen in Gang“, sagt Suchant.