„Das Ganze kriegt gerade eine Dimension“, sagt Miriam Giulia Pracki, Innenarchitektin aus Blaustein und Mutter zweier Töchter im Alter von fünf und sieben Jahren, über die Situation an Kindergärten und Schulen in der Stadt und der Region. Sie bekommt seit Sonntag viel Zuspruch – von Eltern und Stadträten – für den Offenen Brief, den sie der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) geschrieben hat. (Den Brief in voller Länge findet ihr am Ende des Artikels). Darin kritisiert die Unternehmerin, dass in den vergangenen zwei Monaten aus Stuttgart „keinerlei Informationen“ an die Eltern gingen, wie die Betreuung und Bildung in naher Zukunft aussehen wird. Der Shutdown sei richtig gewesen, nun brauche es aber einen „konkreten Plan“ für die Rückkehr zum Regelbetrieb.

Pracki wundert sich, dass von 1. Juni an Veranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmern erlaubt sind, und fragt zugleich, wie Schul- und Kitabetrieb mit Abstandsregeln, Einbahnstraßen-Wirrwar im Schulgebäude und Desinfektion des WC im Kindergarten nach jeder Benutzung und weiteren Auflagen umgesetzt werden soll. „Die Regeln, die Sie den Kindern und Eltern aufbürden, sind willkürlich“, stünden in keinem Verhältnis zu denen, die für die Bevölkerung gelten. Das, schreibt Pracki, sehen auch Ärzte aus ihrem Umfeld so, die die Hygieneregeln als zu komplex bezeichnen.
Die Kinder treffen sich vor und nach Betreuung und Unterricht ohnehin und spielen miteinander. Anderes anzunehmen sei „weltfremd“, sagt die 37-Jährige. Aber Kindern fehle, anders als etwa dem Fußball, eine Lobby. Eltern, Kinder, Arbeitnehmer und Arbeitgeber benötigten eine Perspektive. „Das Kultusministerium hat uns diese in den ganzen zwei Monaten nicht gegeben.“ Dessen Aufgabe sei es aber, individuelle Lösungen zu finden – oder zumindest den Leitern die Freiheit einzuräumen, selbst Lösungen zu erarbeiten.

Kinder von Flüchtlingen auf Betreuung angewiesen

Die Einschränkungen für Kitas, Kindergärten und Schulen haben, schreibt die Mutter weiter, berühre gesundheitliche und psychosoziale Themen ebenso wie die Frage nach Bildung überhaupt. Pracki kümmert sich auch um eine Flüchtlingsfamilie, deren Sohn zwar die Einrichtung in Herrlingen besucht, derzeit dort aber nicht betreut werden kann, weil seine Familie nicht als systemrelevant gelte. „Der muss aber dringend in den Kindi, sonst bekommt er später sprachliche Probleme.“