Hobby Bonsai-Zucht: Mit Draht und Schere – und reichlich Golddünger

Berghülen / ROLAND SCHÜTTER 08.12.2017
Dieter und Edeltraud Stein kultivieren seit 45 Jahren in Bühlenhausen Bonsai-Bäumchen – und haben sich damit ein eigenes Refugium geschaffen.

Dieter Stein steht in seinem selbstgebauten Gewächshaus und strahlt über beide Backen: Der 68-Jährige ist hier, umgeben von seinen gut hundert Bonsai-Bäumchen, in seinem Element. Gemeinsam mit seiner Frau Edeltraud hat er sich der fernöstlichen Gartenkunst verschrieben, steuert den Wuchs seiner Pflanzen, die mit jedem Jahr, in dem sie weiter wachsen, wertvoller werden. Ein 35 Jahre alter Bonsai etwa kostet durchaus um die 1000 Euro.

Angefangen hat alles vor 45 Jahren mit dem Kauf von zwei chinesischen Ulmen. Opa und Oma nennen die Steins die beiden. „Es ist der Reiz, die Pflanze so zu gestalten, dass sie die optimale Form bekommt“, sagt Dieter Stein über sein Hobby. Er hat die Proportionen im Kopf, seine Frau kümmert sich ums Filigrane. Etwa darum, dass sich die Äste gleichmäßig ausbilden. Ein gespannter Draht hier und da weist den Ästen den Weg. Sägen, Blattschneider, Bonsai-Besen, Drahtscheren.

Vögel fliegen vorbei

Auch Orchideen und viele Vogelarten, die wegen der Fütterung an den Holzhäusern ein und ausfliegen, haben es den Steins angetan. „Die Tiere kennen die Futterstelle und haben durch eine benachbarte Forsythie einen idealen Schutz“, sagt Edeltraud Stein.

Das in Bühlenhausen lebende Ehepaar ist ein eingespieltes Team, hat sich im Gewächshaus eine eigene kleine Welt aufgezogen. Ein mühsamer Weg, denn Dieter Stein hat eine Leidensgeschichte hinter sich, die vergangenes Jahr zum Verlust seines rechten Unterschenkels führte. Erst kürzlich bekam er eine Beinprothese, ist stets auf Krücken unterwegs.

Vor 45 Jahren erkrankte er an Diabetes Typ 1, bekam deformierte Füße. Der gelernte Maschinenschlosser arbeitete gerne als Betriebsleiter bei einem mittelständischen Betrieb. Doch als Stahlkappen an den Schuhen Pflicht wurden, war für ihn das Erwerbsleben zu Ende. Vor 17 Jahren ging er in Frührente.

2016 folgten drei Operationen, die ihn gesundheitlich und psychisch stark belasteten. „Ich hatte den Mut und die Energie, dass ich wieder auf die Füße komme und mich nicht hängen lasse“, sagt Dieter Stein.

Wer sich bei den Steins umschaut, staunt, wie viele Arten sich zur Kultur von Zwergpflanzen eignen. Da steht im Vorgarten nicht nur eine alte Buche, sondern eine ganze Palette von Ahornarten, etwa Fächer- und Dreispitzahorn. Insgesamt 40 Arten haben die Steins. Dazu gehören auch Wildsorten von Apfel, Granatapfel, Johannisbeeren, Khakis und Jasmin.

Das Paar liebt es, nach Steck- und Keimlingen im Garten Ausschau zu halten, umzutopfen und zu beobachten. Ausruhen gibt es nicht, denn die Bonsai-Pflege erfordert 365 Tage Aufmerksamkeit. „Ungeziefer und Pilzbefall gibt es immer“, sagt Edeltraud Stein, auch im Winter. Vergangenes Jahr verlor eine 40 Jahre alte Mispel drei ihrer schönen Kugeln durch Pilzbefall, da half nichts anderes als wegschneiden. Zehn Kilo Golddünger werden im Jahr gebraucht, außerdem Spezialerde. Die Grundlage dafür, dass alles schön langsam gedeiht. Denn die Pflanzen sollen ja zierlich bleiben.

Zehn Mitglieder zählt ihre Bonsai-Clique, die sich einmal monatlich zum Fachsimpeln und Schneiden trifft. In der Pergola werden dann Drehteller aufgestellt, auf die die Bonsais kommen, und dann geht es mit der Arbeit los, natürlich bei Kaffee und Kuchen.

Einige alte Pflanzen sind den Steins inzwischen zu schwer. „Als sie 30 Kilo wogen, haben wir sie verkauft“, erzählt Dieter Stein, darunter eine Eiche und eine Buche. Ausstellungen, besuchen die beiden nicht mehr, zu mühsam ist das geworden. Sie pflegen lieber daheim ihre Zwergbäume.