Welterbe Mit dem Fahrrad auf den Spuren der Eiszeit-Künstler

Wo vor rund 40 000 Jahren Kunst entstand: Wissenschaftsministerin Thersia Bauer (Mitte) im Hohlen Fels. Maria Malina (vorne) erläutert die aktuellen Grabungen.
Wo vor rund 40 000 Jahren Kunst entstand: Wissenschaftsministerin Thersia Bauer (Mitte) im Hohlen Fels. Maria Malina (vorne) erläutert die aktuellen Grabungen. © Foto: Bernhard Raidt
Schelklingen/Blaubeuren / jos 31.07.2018

Bei brütender Hitze hat sich Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) gestern aufs Rad geschwungen, um sich auf die Spuren der Eiszeit im Alb-Donau-Kreis und Landkreis Heidenheim zu begeben. Alle sechs Weltkulturerbe-Höhlen standen auf dem Programm – in Begleitung der beiden Landräte Heiner Scheffold (Alb-Donau-Kreis) und Thomas Reinhardt (Heidenheim) und Bürgermeistern der Fundgemeinden. Start war am Vormittag beim Hohlen Fels in Schelklingen, nach dem Geißenklösterle und dem Sirgenstein (Blaubeuren) folgten zum Teil per Bus Bockstein, Hohlenstein und Vogelherd im Lonetal.

„Ich dachte mir immer, die Höhlen musst du mal besuchen. Da kannst du spüren, unter welchen Bedingungen die Menschen damals ihre Kunstwerke geschaffen haben“, meinte Bauer. Berührend sei, wie sehr die Menschen schon damals Wert auf Kunst und Musik gelegt hatten. Sie erhielt eine fachkundige Führung: Professor Nicholas Conard hatte sein Trekkingrad aus der Garage geholt, um die Ministerin zu begleiten. In der Vergangenheit hatte Conard immer wieder die fehlende Unterstützung für Forschung in den Höhlen beklagt. Anders bei Bauer: „Bei Ihrem Ministerium habe ich mich immer bestens aufgehoben gefühlt“, lobte er. Ein Grund für seine gute Laune könnte die verstärkte Förderung des Tübinger Zentrums zur Erforschung der Frühzeit des Menschen (HEP) sein, dem Conards Arbeitsgruppe angehört. Dauerhaft 2,8 Millionen Euro erhält der Standort Tübingen dafür seit 2017, Grundlage ist eine Bund-Länder-Finanzierung. Vom Land stammen 1,1 Millionen Euro.

Auf der Spur des Neandertalers

Gut angelegtes Geld – die Ministerin stand gestern etwa an der Stelle, an der mit der Venus vom Hohle Fels eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit gefunden wurde. „War es genau hier?“, wollte Bauer von Grabungsleiterin Maria Malina wissen. Malina bestätigte dies – und berichtete von den aktuellen Grabungen. Tiefer denn je sei man in die Schichten des Hohlen Fels vorgedrungen. Die  Suche galt den Spuren des Neandertalers.  Malina stellte die Studenten und Doktoranden vor, die derzeit im Hohlen Fels graben. Die jungen Wissenschaftler stammen aus der ganzen Welt, und ihre Arbeit hier hat Folgen. Denn zur Erfassung der Funde verwenden sie das „Tübinger System“. Das sei das beste derzeit, sagte Malina – die jungen Archäologen erlernen es im Hohlen Fels und verwenden es später bei ihren Grabungen überall auf der Welt. Die Wissenschaftsministerin zeigte sich angetan von solchen Nachrichten – und half kurz darauf einem indischen Studenten, mit dem Wasser der Ach Funde aus dem Hohlen Fels von Lehm zu befreien. Bauer legte einen Rentier-Knochen frei. „Interessanter Fund“, lobte Conard. „Das Rentier kam ja nicht von selbst in die Höhle, sondern es muss hineingebracht worden sein.“ Etwa von jagenden Neandertalern.

Mit Denkmalpflegern, Bürgermeistern, Museums-Mitarbeitern und den Abgeordneten Martin Rivoir (SPD) und Daniel Rottmann (AfD) erkundeten sie, wo die aus Afrika eingewanderten modernen Menschen Kunstwerke schnitzten. Landrat Scheffold erwähnte dabei den Einsatz von Ehrenamtlichen wie Reiner Blumentritt (Schelklingen) oder Georg Hiller (Blaubeuren). Bauer lobte deren Arbeit – und sprach sich weiter für eine dezentrale Präsentation der Funde aus. Dies könne nur erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten kooperieren und nicht Konkurrenten sind. Die Ministerin sieht große Chancen für die Region durch die Welterbe-Höhlen – die Besucherzahlen steigen.

Rehkitz beim Löwenmenschen

Erhitzt traf die Gruppe am Nachmittag am Hohlenstein auf Asselfinger Gemarkung ein, dem Fundort des Löwenmenschen. „Der eigentliche Höhepunkt ist hier“, empfing sie Prof. Claus-Joachim Kind vom Landesamt für Denkmalpflege. „Wir nähern uns dem Höhepunkt“, frotzelte der Heidenheimer Landrat mit Blick auf die Abschluss-Station, den Archäopark in Niederstotzingen. Kind berichtete Bauer von der spannenden Grabungsgeschichte des Löwenmenschen. Aus einem Pappkarton zog er eine Replik des Löwenmenschen in Originalgröße und gab sie der Ministerin, damit sie den Sensationsfund mal halten konnte.

Die Fundstätte wurde für die Besucher geöffnet, drinnen in der Höhle – vor einer beleuchteten Löwenmensch-Figur hinter Gittern – sagte Kind: „Der Löwenmensch lag hier alleine“. Nur ein paar Schmuckstücke wurden noch gefunden. Dies und sein Aussehen legten nahe, dass es sich bei ihm um ein „steinzeitliches Heiligtum handelte“. Bauer fragte nach, welche Überlegungen es hinsichtlich der Nutzung des Welterbe-Labels gebe, die Fundstätte für die Menschen mehr zu erschließen? „Gar keine“, antwortete Kind. Teil der Welterbe-Ernennung sei der Schutz der Fundstätten. Prof. Claus Wolf, Chef des Landesamtes für Denkmalpflege, ergänzte: „Es ist klar, dass wir Forschung im Welterbegebiet weiter zulassen.

Dann hatte ein weiterer Star seinen Auftritt: hinter dem Gitter, gleich neben dem Löwenmenschen, lugte neugierig ein Rehkitz aus der Kammer, in die es womöglich bei der Bruthitze geflohen war.

Ministerin will Fundregion stärken

Präsentation Auf die Eiszeitkunst im Ach- und Lonetal der Schwäbischen Alb will das Land künftig besser aufmerksam machen. Das versprach Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren. Es gelte: „Wir wollen der Region nichts wegnehmen.“ Sie wisse wohl, dass es in der Vergangenheit schmerzliche Diskussionen darüber gegeben habe, wo die Originalfunde aus den Welterbe-Höhlen der Region ausgestellt werden. Die Ministerin bekannte sich zum Prinzip der Dezentralität.

Diskussion Man müsse auch im Landesmuseum in Stuttgart auf die einmaligen Fundorte auf der Schwäbischen Alb aufmerksam zu machen, meinte Bauer weiter. Mit welchen Fundstücken das am besten geschehen könne, sei derzeit „Gegenstand von Gesprächen“. sp

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel