Landwirtschaft Milchviehhalter müssen sich auf Strukturwandel einstellen

Leere Kuhställe gibt es in Zukunft im Alb-Donau-Kreis häufiger. Milchviehhalter mit weniger als 50 Tieren sind zu klein, um dauerhaft zu überleben. Zumindest lautet so die Einschätzung des Landwirtschaftsministeriums.
Leere Kuhställe gibt es in Zukunft im Alb-Donau-Kreis häufiger. Milchviehhalter mit weniger als 50 Tieren sind zu klein, um dauerhaft zu überleben. Zumindest lautet so die Einschätzung des Landwirtschaftsministeriums. © Foto: Volkmar Könneke
DORIS MOSER 03.02.2015
Milchviehhaltung hat Zukunft - aber nicht für alle Betriebe. Nur entwicklungsfähige Höfe mit mehr als 50 Kühen werden den Strukturwandel wohl überleben. Dies war ein Thema bei einer Fachtagung in Ehingen.

Auf eine erhebliche Zahl bäuerlicher Betriebe kommen harte Zeiten zu. Der gravierende Strukturwandel, der in der Schweinemast schon in vollem Gange ist, erfasst nun zunehmend die Milchviehhalter. So haben nicht alle der gegenwärtig 8674 Betriebe in Baden-Württemberg eine Zukunft. "Bis in zehn Jahren wird es die Hälfte oder sogar zwei Drittel dieser Betriebe nicht mehr geben", sagte Ministerialdirektor Wolfgang Reimer vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz jüngst bei einer kreisüberschreitenden Fachtagung vor mehr als 100 Landwirten in Ehingen-Berg.

Daraufhin ging ein Raunen durch den Saal, doch Reimer belegte seine Aussage mit Zahlen: Von den 8674 Betrieben im Land halten 3000 weniger als 20 Kühe, weitere 3000 bis zu 50 Tiere und 2000 Höfe 50 bis 100 Kühe. In 130 Ställen stehen mehr als 100 Tiere. Entwicklungsfähig seien nur noch Betriebe mit einer Größe ab 50 Kühen, sagte der Fachmann. Wenn aber alle anderen Betriebe nicht weiter bestehen, was geschieht dann mit den von ihnen bewirtschafteten Flächen? Mit dieser Frage müsse sich vornehmlich die Politik beschäftigen - und möglichst rasch Antworten finden. Die großen und damit zukunftsfähigen Milchbetriebe seien vor allem im östlichen Landesteil angesiedelt, zwischen Hohenlohe und dem Bereich Biberach-Ravensburg. Im Westen hingegen sehe es deutlich düsterer aus, berichtete Reimer. Dort müssten Fördermodelle für die Landschaftspflege entwickelt werden. Wenn nicht, wucherten die Täler im Schwarzwald und andere für die großen Betriebe unattraktive Flächen zu.

Baden-Württemberg habe gut aufgestellte Molkereien, was ein wesentlicher Faktor für solide Marktstrukturen sei. Nachdem sich aber auch die Milch dem Weltmarkt stellen muss, die Nachfrage in China rückläufig sei und sich das Russland-Embargo negativ auswirke, könne es zu Überbeständen kommen. Das habe Strafabgaben zur Folge und drücke den Preis. 32,7 Cent werden aktuell für ein Kilogramm Milch bezahlt, im Norden Deutschlands sank der Preis bereits unter 30 Cent, sagte Reimer.

Wie sich der Milchmarkt entwickeln wird, wenn zum 1. April 2015 die Milchquote aufgehoben ist, weiß laut Reimer niemand. "Wenn die Bauern dann mit Vollgas Milch produzieren, wird sich die Situation weiter verschärfen." Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland seien die Bauern verstärkt auf Exporte angewiesen und müssten neue Märkte erschließen. "Landwirtschaftspolitik wird jedoch generell nicht in Deutschland gemacht, sondern die EU stellt in jeder Hinsicht die Weichen. Und dort ziehen nicht alle an einem Strang", machte Reimer klar. Dies gelte auch für die Förderprogramme, die zum Teil neu gewichtet werden müssen. Zur Zukunft sagte Reimer, dass die Vollerwerbshöfe den Kern der baden-württembergischen Milchwirtschaft bilden werden, eingerahmt von klassischen Nebenerwerbsbetrieben und diversen Nischen wie Veredelungsbetrieben, Direktvermarktern und Sonderkulturen.

Reimer riet den Landwirten eindringlich, die kostenlosen Beratungen zu nutzen, die das Ministerium anbietet. In Zeiten des Strukturwandels sei es umso wichtiger, die Betriebe kontinuierlich unter die Lupe zu nehmen und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu analysieren. Bisher nutzten nur 5000 der 42.000 bäuerlichen Betriebe im Land dieses Angebot. Der Fachmann plädierte ferner dafür, beim Neubau moderner Ställe nicht zu sehr beim Kapitaleinsatz zu knausern: Das Geld zahle sich mit der Leistung, der Tiergesundheit und der Qualität aus.