Natur Milan gegen Windrad

Milane umkreisen ein Windrad bei Berghülen. Einer kollidierte mit dem Rotor.
Milane umkreisen ein Windrad bei Berghülen. Einer kollidierte mit dem Rotor. © Foto: Marion Gschweng
Berghülen / Joachim Striebel 12.05.2018
Ein mit GPS-Sender versehener Roter Milan ist unter einem Windrad bei Berghülen aufgefunden worden.

Der Rote Milan mit der Ringnummer 504 96 ist in seinem Leben vier Mal nach Spanien und zurück geflogen. Dank eines GPS-Senders konnten Experten den 2000 Kilometer weiten Weg des Greifvogels in die Extremadura verfolgen. Jetzt fliegt er nicht mehr. Reste des Kadavers lagen unter einer Windkraftanlage bei Berghülen. Den Körper hat wohl ein Fuchs mitgenommen.

Ring und Sender blieben liegen und wurden von einem Bürger geborgen, der den Fund der Vogelwarte Radolfzell meldete. In deren Auftrag hatte die Biologin Dr. Marion Gschweng aus Blaubeuren den männlichen Vogel im Jahr 2014 unweit des jetzigen Fundorts beringt. In einem gemeinsamen Projekt mit Prof. Peter Berthold, dem Direktor der Vogelwarte, wurde der Rote Milan auch mit einem Sender versehen, um Daten über sein Zug- und Jagdverhalten zu gewinnen.

„Eine traurige Nachricht“, sagt Marion Gschweng. Auch weil der Vogel nun nicht mehr das brütende Weibchen versorgen kann. „Diese Brut wird wohl ein Komplettausfall werden.“

Der Rote Milan, wegen seiner Schwanzform auch Gabelweihe genannt, ist der größte heimische Greifvogel. Er erreicht eine imposante Flügelspannweite von bis zu 180 Zentimetern. In ganz Europa sind die Bestände rückläufig, auf der Schwäbischen Alb sind die Flugkünstler noch häufig zu sehen. „Zehn Prozent des Weltbestands leben in Baden-Württemberg“, sagt Milan-Expertin Gschweng. Der Greifvogel ist ein Kulturfolger und jagt gern auf offenen, landwirtschaftlich genutzten Flächen. Doch offenes Gelände auf den Hochebenen ist auch für die Energieerzeugung begehrt. Da liegt das Problem.

Im Windkraft-Vorranggebiet zwischen Blaubeuren-Wennenden und Berghülen drehen sich mittlerweile sechs Windräder. Marion Gschweng hatte bei einzelnen Genehmigungsverfahren  Einspruch eingelegt und von ihr erhobene Daten zur Verfügung gestellt. Sie spricht von einem „Dichtezentrums“ des Rotmilans. Dies liegt laut Definition des Umweltministeriums dann vor, wenn mehr als drei Brutpaare in einem Radius von 3,3 Kilometern um eine geplante Windenergieanlage vorkommen. Dort darf nur gebaut werden, wenn „eine Raumnutzungsanalyse im Einzelfall ergibt, dass kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko für den Milan besteht“. Gschweng hat bei Berghülen sogar sechs Rotmilan-Paare festgestellt, dazu ein Schwarzmilan-Paar und mindestens drei Paare des Mäusebussards. Das sei nicht berücksichtigt worden, sagt die Wissenschaftlerin, die nichts gegen Windkraftanlagen hat, wenn Arten- und Tierschutz gewährleistet seien.

Für das Landratsamt Alb-Donau, das jede einzelne Anlage genehmigen musste, ist das Vorranggebiet bei Berghülen dagegen kein „Dichtezentrum“. Die Behörde beruft sich auf Gutachten. Bei jeder Genehmigung werde auf die Belange des Vogelschutzes geachtet, sagt Pressesprecher Bernd Weltin. Bei den älteren Anlagen galt ein Mindestabstand von 600 Metern zu einem Milanhorst, bei den neueren von 1000 Metern. Bei einem Ein-Kilometer-Radius stehen dem Vogel also gerade 3,14 Quadratkilometer Jagdfläche zur Verfügung. „Der bräuchte aber sieben Quadratkilometer“, sagt Marion Gschweng, die das mit den vor Ort gewonnenen GPS-Daten belegen kann.

Gefährlich wird’s für den Milan insbesondere dann, wenn Landwirte in der Nähe der Windräder ihre Felder bearbeiten oder Grünschnitt einholen. Dann kommen Mäuse und Großinsekten an die Oberfläche und locken die Greifvögel an. Der Betreiber der jüngsten, im Jahr 2017 in Betrieb gegangenen Windkraftanlage hat sich daher verpflichtet, den Rotor abzuschalten, wenn Landwirte in einem Umkreis von 100 Metern Bodenarbeiten ausführen.

Keine Einschränkungen

Das Landratsamt sieht keinen Anlass, bei den anderen Anlagen Einschränkungen zu fordern. „Wir beobachten weiter die Situation“, sagt Bernd Weltin. Die Fachdienste Umwelt und Forst/Naturschutz befassten sich mit dem Fall des toten Milans. Dass der Vogel Opfer einer Kollission wurde, sei sehr wahrscheinlich, aber nicht zweifelsfrei geklärt, da die Fundsituation nicht dokumentiert wurde. Für Marion Gschweng dagegen ist lediglich die Frage offen, welcher Rotor den Roten Milan erwischt hat. Es müsse nicht unbedingt ein Flügel des Windrads sein, an dem der tote Vogel gefunden wurde. Der Milan mit der Nummer 504 96 könnte auch mehrere hundert Meter durch die Luft geschleudert worden sein.

Füchse räumen die Kadaver weg

Funde Die Staatliche Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt Brandenburg führt eine zentrale Fundkartei über Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland. Angeführt wird sie vom Mäusebussard, von dem bis einschließlich 2017 genau 514 verendete Exemplare gemeldet wurden. An zweiter Stelle steht der Rote Milan mit 398 toten Tieren. In der Statistik folgen die Stockente (185), die Ringeltaube (171), die Lachmöwe (170) und der Mauersegler (147).

Dunkelziffer Ausdrücklich weist das Landesamt darauf hin, dass die Zahlen nicht das Ausmaß des Problems verdeutlichen, denn viele Fälle werden nicht gemeldet oder gar nicht bemerkt. Die am Boden liegenden Kadaver verschwinden rasch. „Es ist bekannt, dass die Füchse das machen“, sagt Marion Gschweng.

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