Wie der erste Eindruck doch täuschen kann, wird einem bei der Begegnung mit Nicole Zajcev aus Langenau mal wieder bewusst: Denn die 14-Jährige ist nicht nur ein zartes, sondern auch ein hartes Mädchen. Genauer gesagt ist die eher zerbrechlich wirkende Schülerin seit kurzem Deutsche Meisterin im Muay-Thai-Boxen in ihrer Alters- und Gewichtsklasse. Ebenso erfolgreich ist ihr Vereinskollege vom TSV Langenau, Matas Miliunas. Denn auch der 16-jährige Günzburger, der schon viel eher dem Klischee des körperlich robusten Kampfsportlers entspricht, holte sich beim Wettbewerb in Bremen Gold.

Damit haben sich die beiden qualifiziert für die Teilnahme an den Jugendweltmeisterschaften der "International Federation of Muaythai Amateurs" (IFMA), die vom 24. August bis 1. September im thailändischen Bangkok stattfinden. Da sind die Eltern doch sicher stolz auf ihren Nachwuchs? "Meine Mutter - na ja. . .", bleibt Nicole vielsagend unklar. Und auch Matas erwähnt, dass seine Mutter es sich lieber nicht anschaut, wenn der Sohn in den Ring steigt. Den Vätern falle es leichter, Freude über den Erfolg ihrer Kinder in dieser sehr speziellen Disziplin auszudrücken, meinen beide Sportler. Die WM-Teilnahme jedenfalls sei schon abgemacht und eventuell sind die jeweiligen Eltern sogar in Bangkok mit dabei.

2500 Wettkämpfer aus 100 Nationen werden daran teilnehmen, sagt TSV-Abteilungsleiter Robert Richter, der als Trainer auch dabei sein wird. Für ihn sind Bangkok und das sportliche Umfeld gewohntes Terrain. "Ich habe dort meine Thaibox-Ausbildung absolviert, beim vom Königshaus anerkannten World Muaythai Council", berichtet er. Mit Erfolg: Als einer von wenigen Sportlern in Deutschland könne er den 13. Khan vorweisen, eine der höchsten Graduierungsstufen.

Und auch als Trainer ist Richter erfolgreich: zunächst beim eigenen Verein "Phon-Rop Gym" in Langenau, und nun wieder beim TSV. Dabei werde er immer wieder und immer noch überrascht, wer in dieser Sportart Überdurchschnittliches erreichen kann. "Die härtesten Gegener sind oft die, denen man es gar nicht ansieht", bestätigt Matas.

"Es ist eine Kopfsache, eine Frage des Siegeswillens und des Selbstvertrauens", ist Richter überzeugt. So stehe beim Training der Langenauer Gemeinschaftschülerin und des Günzburger Realschülers die Kampftechnik nicht mehr im Vordergrund. "Das haben beide drauf." Vielmehr gehe es darum, Kampfroutine zu gewinnen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Ebenso wie Matas habe Nicole beispielsweise mit dem Einstecken der Schläge kein Problem. "Aber sie ist noch zu sensibel im Umgang mit ihren Gegenerinnen und muss deshalb lernen, härter zu kämpfen."

Mit Körperbeherrschung und Sensibilität hatte auch die erste sportliche Betätigung der jungen Langenauerin zu tun: "Ich habe mit dem Tanzen angefangen, das Thaiboxen lief eher nebenher", erzählt Nicole. Dann habe es das Tanzangebot vor Ort nicht mehr gegeben und sie habe sich hauptsächlich auf den Kampfsport konzentriert, mit dem sie als Neunjährige begonnen hat.

Erst Anfang 2014 hat Matas mit Muay-Thai angefangen. Davor hat er andere Sportarten ausprobiert. "Auch Fußball - und Basketball sogar in der Landesliga." Ein Freund habe ihn zum Thaibox-Training gebracht. "Anfangs war es schon hart, aber ich wollte mir etwas beweisen und habe weitergemacht." Kein Wunder also, dass er die innere Einstellung für den Kampfsport-Erfolg noch höher bewertet als das intensive körperliche Training.

Bis zur Weltmeisterschaft wollen die beiden Deutschen Meister jedenfalls täglich trainieren: Für die enorm wichtige Kondition, aber auch mindestens sechs Stunden pro Woche mit Sparringspartnern im Langenauer Verein und zudem in Ulm mit Jugendlichen aus Baden-Württemberg, die ebenfalls an der WM teilnehmen. "Möglichst viele Kämpfe mit unterschiedlichen Sparringspartner, damit man sich etwas abschauen kann", sagt Richter. Weil es schwierig sei, noch passende Gegner für Nicole und Matas zu finden, werde man auch in die Schweiz sowie nach Österreich und Holland fahren müssen. "Und es sind jetzt Gegner dabei aus höheren Gewichts- und Altersklassen."

Für den Trainer ist es dabei ganz wichtig, dass die jungen Sportler ihm vertrauen und nicht das Gefühl bekommen, verheizt zu werden. "Ich bin ja auch Ringrichter bei den Sparringskämpfen. Wenn ein Gegner zu überlegen ist, breche ich den Kampf ab." Ohne Vertrauen zum Trainer und zu den Teamkollegen geht es nicht, bestätigt Matas. "Anders als beim Fußball empfinde ich die Atmosphäre im Verein als eher familiär. Ich fühle mich sehr wohl." Und Nicole fügt hinzu: "Jeder baut jeden auf - auch neue Mitglieder, die in die Gruppe kommen." Bei einem Sport wie diesem geht es gar nicht anders, meint Richter: "Egoisten sind nicht willkommen, die machen nur die Gruppe kaputt."

Mit dem entsprechenden Rückhalt und Selbstvertrauen ausgestattet freuen sich die beiden WM-Teilnehmer jedenfalls schon auf den Wettbewerb in Bangkok. Wobei dieser für so manchen der Kämpfer schnell beendet sein wird. "Gekämpft wird im K.O.-System", erklärt Richter. "Wer einmal verliert, ist draußen."