Weißenhorn Mehr als die Ruine sehen

Der Neu-Ulmer Unternehmer Thomas Mayerhofer will die Optik des alten Lagergebäudes erhalten - inklusive der alten, eisernern Gitterfenster.
Der Neu-Ulmer Unternehmer Thomas Mayerhofer will die Optik des alten Lagergebäudes erhalten - inklusive der alten, eisernern Gitterfenster.
Weißenhorn / TEXT: MICHAEL JANJANIN FOTOS: VOLKMAR KÖNNEKE 09.11.2013
Albert Britten sieht sich noch einmal an seinem früheren Arbeitsplatz um: dem alten Lager des Eisenwaren- und Kunststoff-Einzelhandels Brändle neben der Heilig-Geist-Kirche mitten in der Altstadt von Weißenhorn.

Albert Britten sieht sich noch einmal an seinem früheren Arbeitsplatz um: dem alten Lager des Eisenwaren- und Kunststoff-Einzelhandels Brändle neben der Heilig-Geist-Kirche mitten in der Altstadt von Weißenhorn. Den Brändle-Laden gibt es weiter, die Firma hat lediglich das Lager verkauft - und gibt es zur Sanierung und neuen Verwendung frei. Das Gebäude wurde wie alles in der Altstadt in der Spanne vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert erbaut. Die Sonne scheint, die Wolken ziehen und im Umkreis von einigen hundert Metern rund um Britten herrschen Fleiß und Emsigkeit. An allen Ecken wird gebaut in der mehr als 850 Jahre alten Siedlung. Die Handwerker erledigen noch die Restarbeiten im sanierten Fugger- und Neuffenschloss, hinter dem Bräuhaus klafft ein großes Loch - dort entsteht das in den 80er- Jahren abgerissene Sudhaus wieder. Im Hauptgebäude wird es ein Restaurant geben, auf dem Kirchplatz ein Café. Es kommt Leben in die alte Bude.

Als der 80-jährige Britten, Kaufmann mit Spezialisierung auf Eisenwaren, das Lagerhaus verlässt, trifft er auf den Neubesitzer des Brändle-Lagerhauses: Thomas Mayerhofer aus Neu-Ulm. Es ist das dritte alte Gebäude, das er in Weißenhorn gekauft hat. Die beiden begrüßen sich mit Händedruck und "Hallo" und "Wie gehts?" auf der Heilig-Geist-Straße. Währenddessen schiebt ein Nachbar auf der anderen Seite über eine dicke Bohle hinweg eine Schubkarre voller Bauschutt aus einem kleinen, mittelalterlichen Häuschen in einen Container.

Der Unternehmer Thomas Mayerhofer ist noch nicht ganz so weit: Der 47-jährige gebürtige Ulmer, aufgewachsen in Neu-Ulm, hat das Lagergebäude vor zwei, drei Jahren zum ersten Mal von innen gesehen - als er zum Einkaufen im Brändle-Laden war. "Wenn man irgendwelche speziellen Eisen-Kleinteile sucht, dort kriegt man sie", sagt er. Na ja, und da habe er nebenbei mal gefragt, ob sies verkaufen wollen. Damals noch nicht. "Aber jetzt hats geklappt". Mayerhofer tritt ein in den früheren Wirkungskreis von Albert Britten. Es geht gleich ins Herz des im 19. Jahrhundert erbauten Gebäudes: Eine offene Halle tut sich auf. Am Rand ein mit Eisengittern verkleideter Lastenaufzug, der so aussieht, als ob er sogar noch funktionieren würde. "Sehen Sie, der ist noch von der alten Maschinenfabrik Happle in Hegelhofen."

Der Blick des Eintretenden geht unweigerlich nach oben bis unters Dach - Balken über Balken. Ein Gewirr, das im östlichen Teil der Halle die Stockwerke unterteilt. Mayerhofer hat klare Vorstellungen, was aus dem Brändle-Lager werden soll: Die hohe Halle behält ihre Weite - "als Lager-Loft à la Stadtregal in Ulm". In die Westwand kommen hohe Fenster, um mehr Licht reinzubringen. "Außerdem hat man einen schönen Blick auf das historische Stadttheater und den Park." Im kleinteiligeren Ostteil wird es ein Ladenbüro geben, vier Wohnungen, zwei davon über zwei Etagen bis unters Dach, das ebenfalls restauriert wird.

Und das weiß er jetzt schon, kurz nach dem Notartermin? "Wenn ich in alte Häuser gehe, geht mir das Herz auf", sagt Mayerhofer. Die Ideen purzeln. Dass man noch alles ausräumen und entkernen muss, schreckt ihn nicht. Es müsse aber nicht alles weg - die alten Porzellan-Schalter auf Putz gesetzt. Die bleiben - als Prinzip. "Man muss eben mehr als die Ruine sehen bei alten Häusern." Als Fensterbauer in der dritten Generation bringe er Erfahrung aus Sanierungsprojekten im Denkmalschutz mit.

Tüfteln, planen, sanieren, restaurieren, Mieter ins Haus bringen ist das eine - tief in die Historie eines Hauses einsteigen das andere. Das Vergnügen. Mayerhofer recherchiert gern im Stadtarchiv, bei Stadtbaumeister Burkhard Günther, im Heimatmuseum, "sehr gern auch mit den Menschen selbst". Zum Beispiel über ein weiteres Haus aus dem 17. Jahrhundert, das Schultheiß-Haus in der Hauptstraße, das er im Mai gekauft hat. "Da hat mich der Sohn der alteingesessenen Familie durchs Haus geführt."

Das alte Lagergebäude steht in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche - auf dem Gelände des früheren, gleichnamigen Armenhauses, das früher mitten in der Stadt stand. 1470 hatte der Priester Peter Arnold eine Stiftung errichtet und in der heute noch vorhandenen Urkunde bestimmt, dass "in dem Spital die armen Dürftigen gespeist und getränkt werden". Im 19. Jahrhundert wurde das "Leprosenhaus" abgerissen, die Stiftung hatte ein neues Krankenhaus im Norden der Stadt gebaut. Ein Zeichen der stetigen Weißenhorner Erneuerung im Laufe der Jahrhunderte.

Sein erstes Sanierungsobjekt hat der Unternehmer vor rund drei Jahren in Weißenhorn gekauft und innerhalb von knapp einem Jahr zu einem Handelshaus mit der dafür gegründeten Firma H. Zwei Bauwerk GmbH umgesetzt. "Der Name entspricht der Tradition des Gebäudes." Jetzt ist unten die Anziehbar - eine Kombination zwischen Café und Modeladen. Daneben ein Fotoatelier. Oben eine Werbeagentur und eine Arztpraxis. In der Mitte ein Aufzug und ein moderner Schulungsraum - immer wieder gewähren unverputzte historische Fenster Einblicke in die alte Weißenhorner Bausubstanz.

Und warum Weißenhorn? "Die Stadt hat ein immenses Potential", ist Mayerhofer überzeugt. Hotels entstehen und Gastronomie mitten in der Altstadt. "Früher hatte man hier schon ein bisschen das Gefühl, dass samstags um 13 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden." Die Altstadtsanierung der Kommune ist mit den Schlössern und dem Einzug des Rathauses weitgehend abgeschlossen.

Mit dem immer umfangreicheren Kultur- und Freizeitangebot kommen immer mehr Menschen tagsüber wie auch abends in die Altstadt. "Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren." So lockt eine Investition die andere an. Denn bei aller Liebe für alte Gebäude - "ich will hier zwar keine große Rendite herausschlagen, aber rentabel müssen die Projekte sein".