Einkehr Pfarrer und Klosterschwester sprechen über Stille

Region / Regina Frank 30.12.2017
Ein Wirtschaftspfarrer und eine Klosterschwester sprechen über geistige Einkehr und Rückzugsorte.

Ich weiß, wie es geht mit der Stille. Aber ich schaffe das nicht. Sie wird mir im Alltag genommen.“ Albrecht Knoch (51) lebt als Vater von fünf Kindern in Leutkirch und arbeitet als Wirtschaftspfarrer in der Region Ulm, die für ihn von Friedrichshafen bis Aalen reicht. Ein lautes Heim, der Lärm der Arbeitswelt. Knoch kennt beides.

Welche Kraft indes aus der  Stille kommt, das haben ihn berühmte Vorbilder gelehrt: Ernesto Cardenal, Helder Camara, Martin Luther King, Christoph Blumhardt, Niklaus von Flüe. Sie alle sind versammelt in dem Buch „Politik aus der Stille“ von Hans Ulrich Jäger, das Knoch an Weihnachten 1985 geschenkt bekam. Eines von vielen Büchern in des Seelsorgers Büro am Grünen Hof in Ulm, wo der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt ansässig ist. Dieses besondere Buch enthält nach Knochs Lesart eine grundlegende Erkenntnis: „Aktives Handeln braucht Stille, und Stille führt in aktives Handeln.“ Genauso wie Stille und Gemeinschaft für den evangelischen Pfarrer zusammengehören.  Wege in die Stille gebe es viele, jeder müsse seinen eigenen finden.

Knoch hat die Wechselbeziehung von Gemeinschaft und Stille selbst erlebt – in Taizé (Frankreich), bei der ökumenischen Brüdergemeinde, wo er nach dem Abitur zwei Jahre Friedensdienst leistete und seinen persönlichen Ort der Stille fand, den er seither immer wieder aufsucht. Ein Ort, an dem Kampf und Kontemplation die beiden Pole der Gemeinschaft bilden. Schlussendlich gehe es darum „mit einem versöhnten Herzen zu kämpfen“ für Gerechtigkeit, für Nachhaltigkeit, für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Taizé. Für Knoch ist das auch so etwas wie ein geschützter Raum. „Ich brauche die Gemeinschaft. Ich kann dort ganz Einzelner sein“, sagt der Pfarrer. In der Gemeinschaft erlebe er maximale Individualität und maximale Stille. Und er erkannte: „Es braucht immer den Wechsel.“ Sprich: das Hören des Gebets oder des biblischen Textes – gefolgt von Stille. Stille aushalten ist gar nicht so einfach. „Das öffnet einen Raum, der sehr persönlich ist. Da kommt hoch, was in mir ist, was mich beschäftigt.“ Und das kann unter Umständen gleichsam „ohrenbetäubend laut“ sein, sagt der Pfarrer. Wenn man viele Sorgen hat. Wenn man unter prekärer Beschäftigung leidet. Fünf Minuten Stille können lang sein. Länger, als man denken würde.

Das will geübt sein. In Schweigeexerzitien zum Beispiel, wie sie von den Steyler Missionsschwestern in Laupheim angeboten werden, einer katholischen Ordensgemeinschaft. Diese Übungen werden begleitet von einem Pater oder einer Schwester. Damit  der Übende nicht im Grübeln steckenbleibt oder vom Kopfkino übermannt wird, sagt Schwester Dorothee Laufenberg. Denn: „Stille wird oft glorifiziert. Aber Stille kann sehr, sehr anstrengend sein.“ Und: „Die Geister, die auftauchen, können Angst machen.“ Umso wichtiger sei es, sich in gute Hände zu begeben.

Kirchen und Klöster schaffen einen Rahmen für die Suche nach der Stille: Einkehrtage, Kontemplatives Gebet, Einzel- und Gruppenexerzitien. Weltliche Anbieter haben sie längst als Markt entdeckt: Sie verkaufen Stille als 24-Stunden-Retreats oder Urlaub. Was die Menschen suchen, wenn sie Stille suchen, das ist jedoch gar nicht so leicht zu beantworten. „Das möchte ich noch rauskriegen“, sagt Schwester Dorothee. Ihr Eindruck bislang: „Oft ist Entspannung gemeint.“

Pfarrer Knoch hat jedenfalls eine klare Vorstellung von dem, was er nicht sucht. Dem Theologen geht es nicht um ein weiteres Instrument der Selbstoptimierung, wie es dem Zeitgeist entspräche. „Was in der Stille geschieht, kann ich nicht im Voraus bestimmen.“ Sich in die Stille zu begeben, „ist wie ohne Fahrplan auf den Bahnhof zu gehen“.

An Heiligabend gepredigt

Als Gemeindepfarrer in Leutkirch hat sich Knoch einst im Spätgottesdienst an Heiligabend der Stillen Nacht theologisch genähert und eine Predigt rund um das berühmte Bibelzitat aus dem Buch der Weisheit, Kap. 18, verfasst, jenem Vers also, der beginnt mit den Worten: „Denn als alles still war und ruhte und eben Mitternacht war,  fuhr dein allmächtiges Wort vom Himmel herab, vom königlichen Thron.“

In seiner heutigen Rolle als Wirtschaftspfarrer in einer hochgetakteten Welt misst der 51-Jährige der Stille eine weitere Bedeutung zu.  „Stille heißt: unverfügbar zu sein. Auch das ist Übungssache.“ Der Seelsorger fasst den Begriff noch weiter: Für ihn bedeutet Stille auch „Zeit ohne Mails zu haben“. Denn Mails seien eine andere Art von Lärm. 

Geistliche Übungen

Kurse Die Steyler Missionsschwestern bieten Exerzitien für Einzelne und Gruppen an. Information dazu gibt es bei Schwester Dorothee Laufenberg unter Telefon 0170 4009721 oder per E-Mail an:
sr.dorothee@web.de
Stille erleben kann man auch im Einkehrhaus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg: im Stift Urach. Es gibt Einkehrtage in der Karwoche, im Advent und zu Silvester, Schweigetage zum Beginn der  Fastenzeit, außerdem Wanderexerzitien.

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