Stadtmarketing Limericks vor Lutschtabletten

Literatur nicht nur im Vorbeigehen: Ursula Dussler (links) und Irmgard Schmid hatten Glück. Sie durften im schicken Oldtimer Platz nehmen, wo ihnen Martin Gehring vorlas. 
Literatur nicht nur im Vorbeigehen: Ursula Dussler (links) und Irmgard Schmid hatten Glück. Sie durften im schicken Oldtimer Platz nehmen, wo ihnen Martin Gehring vorlas.  © Foto: Christina Kirsch
Blaubeuren / Christina Kirsch 03.09.2018

Eine Ballonfahrergeschichte, während die Haarsträhnchen in Alu gewickelt Farbe annehmen; eine kleine Waal-Odyssee vor Lutschtabletten und Limericks auf der Rückbank eines Oldtimers. Diese seltsamen Kombinationen  gab es bei der Veranstaltung „Literatur im Vorübergehen“ am Samstag in der Blaubeurer Karlstraße. Kunden einer Apotheke sahen sich einer Kinderbuchautorin gegenüber, am Brunnen wurde man zur Lesung in ein altes Auto eingeladen, und in der „Hair & Beauty Lounge“ hatten die Kundinnen offenbar nicht damit gerechnet, dass es zur Tönung literarische Töne gab.

Das Schwierigste zum Schluss

Nach den zwei gut besuchten Auftaktveranstaltungen mit Hobbymalern und Barden war zur Innenstadtbelebung nun die Literatur dran. Die Veranstalter rund um die Kneipe „Zum fröhlichen Nix“ hatten sich das vermutlich Schwierigste für den Schluss aufgehoben. Denn die meisten Passanten nahmen vom Titel der Veranstaltung vor allem das „Vorübergehen“ wörtlich und entfernten sich unauffällig, wenn sie eingeladen wurden, ein Gedicht oder einer Geschichte zu hören. Ihnen entging einiges. Von 10 bis 13 Uhr trugen mehrere Autoren schriftstellerische Miniaturen aus eigenen und fremden Werken vor. Die Kinderbuchautorin Marion Hartlieb, der Dichter Martin Gehring, der Autor Florian L. Arnold und der Märchenerzähler Kolja wechselten jeweils zur vollen Stunde den Auftrittsort und lasen in der Ratsapotheke, im Diakonieladen, im Friseursaon und in einem Oldtimer.

Am Eingangstor zum Spittel hatte das Theater in der Talmühle eine kleine Bühne aufgebaut, auf der Barbara und Peter Rinker mit zwei Handpuppen kleine Stücke aufführten. Den Geschichten vom Blaubeurer Oberamtsrichter Dodel lauschten die Kinder mit Verwunderung. In der Ratsapotheke amüsierten sich zwei ältere Damen über Marion Hartliebs Geschichte „Wie der kleine Waal in den Blautopf kam“ und bestärkten die Autorin in ihrem Vorhaben, lokale Ereignisse zu Kinderbüchern zu verarbeiten.

Auf wenig Reaktion stieß Florian L. Arnold beim Friseur. Die beiden Damen unter ihren Frisierumhängen nahmen die amüsante Geschichte der Familie Koluppa, die zu einer kuriosen Ballonfahrt aufgebrochen war, ohne die geringste Regung hin, zückten lieber das Handy. Deutlich mehr angetan von der Idee waren zwei Damen, die sich gerne in den Oldtimer bitten ließen. „Das war spannend und zum Schmunzeln“, meinte die Blaubeurerin Irmgard Schmid nach dem Hören der Limericks von Martin Gehring. „Eine tolle Idee“, bekräftigte Ursula Dussler. Unglücklicherweise mussten sich die lesenden Autoren am Oldtimer gegen zwei Gitarristen behaupten, die mit ihre Verstärker mitgebracht hatten. Gegen diese Übermacht der Musik war nur mit einem Trick anzugehen: Autor und Zuhörende setzten sich kurzerhand ins Auto und schlossen Fenster und Türen.

Der Blaubeurer Märchenerzähler Kolja ließ sein Publikum im Diakonieladen wählen: „Ich lese ein Gedicht oder ich erzähle Ihnen frei heraus ein Märchen.“  „Für mich hat er eine Geschichte über die Weisheit gewählt – und das war genau richtig“, sagte Leonora Schlägel aus Ludwigsburg. „Schade, dass unser Bus gleich fährt“, bedauerte ihr Gatte Thomas: „Wir wären gerne länger geblieben“.

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