Die Corona-Pandemie verändert nachhaltig unsere Lebensgewohnheiten: Durch den Shutdown des öffentlichen Lebens sind wir alle viel mehr zu Hause, Freizeitangebote gibt es derzeit nicht, wir können uns nicht mehr mit Freunden und nur begrenzt mit der Familie treffen. Auch einfach mal nach draußen gehen ist - je nach Bundesland - nichtimmer drin. Viele von uns haben jetzt vor allem eines: Zeit.
Wir haben daher unsere Leserinnen und Leser gefragt: Was macht ihr nun mit der Zeit, die euch zu Verfügung steht? Hier einige Beispiele:
Drei Freunde und ein Faultier
Bei Langeweile helfen mir meine Fantasie und Kreativität. Nichts ist so entspannend, wie in die Gedankenwelt abzutauchen und der Realität zu entfliehen. Es war daher schon seit einiger Zeit mein Wunsch, eine längere Geschichte zu ersinnen. Im vergangenen Sommer mit seinen warmen, langen Abenden entstand die Idee für einen Roman, dessen Niederschrift ich in den Weihnachtsferien endlich beginnen konnte. Die geschenkte Zeit, die mir nun unfreiwillig zur Verfügung steht, nutze ich, um mein Projekt zu Ende zu bringen. Meine Geschichte handelt von drei jungen Freunden, die einen eleganten Mann kennenlernen, der so ganz anders ist. Die Freundschaften werden durcheinander gewirbelt und letztendlich kann auch das Schicksal nicht untätig zuschauen. Es geht um Freundschaft, Liebe, Persönlichkeitsentwicklung und der Schwierigkeit dieser jungen Freunde, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Bei meinen Recherchen für die Handlung stoße ich immer wieder auf interessante Zusammenhänge. Momentan befinde ich mich gemeinsam mit zwei meiner Hauptfiguren auf Weltreise. Im Amazonas entdeckten wir eine Baumart, die mit Hilfe einer besonders aggressiven Ameisenart ihre Blätter vor Fraßfeinden schützt. Als Lohn dafür winken den Ameisen die roten Früchte des Baumes. Nur ein Tier entgeht den Ameisen. Das Faultier. Es bewegt sich so langsam, geradezu in Zeitlupe, dass es von den Ameisen nicht als Lebewesen erkannt werden kann. Das Faultier selbst bietet anderen Tieren ebenfalls einen Lebensraum. In seinem warmen, feuchten Fell gedeiht eine Alge, die als Nahrungsmittel einer Schmetterlingsraupe bis zur Verpuppung dient. Eine großartige Symbiose, eine bemerkenswerte Wechselbeziehung und ein außergewöhnliches Miteinander zwischen Pflanze und Tier sind hier im Laufe der Evolution entstanden. Jeder ist abhängig vom anderen. Sind wir nicht alle ein Teil eines großen Systems? Ist nicht jeder auf den anderen angewiesen?
Cristina Wanjura, 60 Jahre, Neu-Ulm
Cristina Wanjura
Cristina Wanjura
© Foto: Privat
Den Schädel fleißig gebeugt
Ach, Schüler müsste man sein, dann hätte man jetzt Ferien statt Homeoffice, da käme sogar Langeweile auf bei der ganzen Freizeit! Weit gefehlt. Unterricht findet trotzdem statt, nur in anderer, und zwar modernerer, aber dafür auch weitaus komplizierterer Form. Ob mit Mail, Skype, Chats, einer Cloud oder diversen Apps, die Bildung findet wohl oder übel einen Weg zum geplagten Schüler, der aufgrund seiner innigen Beziehung zum besten Freund Smartphone auch keine Ausreden hat, er habe die Materialien nicht erhalten. Ein Hoch auf die moderne Technologie! – Oder? Den Stoff aus allen diversen Ecken und Enden des Internets herunterzuladen, die Arbeitsanweisungen im Wirrwarr an Dokumenten und Ordnern zu finden und die Lösungen den Lehrern zuzusenden dauert länger, als es ein eigentlicher Schultag tun würde. Geschweige denn die tatsächliche Bearbeitung der Aufgaben. Und sollte ich doch fertig werden, schwebt das Damoklesschwert Abitur immer dicht über meinem, natürlich immer fleißig über den Schreibtisch gebeugten, Schädel. Aber man will sich ja nicht beschweren, vor allem nicht so knapp vor den Prüfungen (inzwischen auch in Baden-Württemberg verschobenen, Anmerkung der Redaktion).
Grauen ergreift mich auch beim Gedanken an die durch Schulausfall versäumten und nach den Abiturprüfungen nachzuholenden Klausuren. Vorausgesetzt es sind noch Gehirnzellen übrig. Es heißt zwei Jahre nach dem Abschluss wisse man nur noch zehn Prozent des in der Schule Gelernten. Dabei ist der Mensch doch ein Wesen mit beinahe unbegrenztem Lernpotenzial – was für eine Vergeudung! Kitzeln Sie doch mal wieder Ihre Hirnlappen und regen Sie den Geist mit Sudoku, Büchern, Dokumentationen oder auch dem Zeitungslesen an. Werfen Sie Bildung zwischen die Zahnräder des Perpetuum mobile der Langeweile, dann kommen Sie schlauer aus der Isolation, als Sie sie betreten haben. Lernen geht eben auch ohne Abschlussprüfungen.
Annika Siewert, 18 Jahre, Dornstadt
Annika Siewert
Annika Siewert
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Auf Bremsrollen durch die Welt
Eigentlich eher für die Wintersaison gedacht, leistet mir mein Radtrainer gerade jetzt prima Dienste. Langeweile kann kaum aufkommen, da ich nahezu in allen Regionen der Welt virtuell fahren kann. Entweder anstrengende Bergetappen – wie im Bild – auf die Furka-Passhöhe, oder ganz entspannt und gemütlich flach zur Insel Mont St. Michel. Wenn das dann noch nicht reicht, kann es auch gerne mal eine Fahrt durch eine europäische Großstadt sein. Hierfür sind London, Paris oder Rom im Programm. Wenn man die Strecken dann langsam auswendig kennt, kann auch gegen virtuelle Gegner gefahren werden, und wenn das nicht ausreicht, legt man sich mittels Google Maps eine eigene Strecke irgendwo auf unserem Planeten fest, die dann abgeradelt werden kann. Alles natürlich mittels Simulation der Steig- und Gefällstrecken. Oder doch lieber liebliche Landstraßen in der Provence? Den warmen Sommerwind liefert dann ein entsprechend eingestellter Lüfter. Das beschriebene Szenario findet leider im Keller statt und ist natürlich kaum ein Ersatz für die Fahrt an der frischen Luft über Berg und Tal, also ganz real und analog. Gott sei Dank lässt sich der Keller durch eine Tür in den Garten ganz gut belüften, so kommt auch im Keller der Frühling wenigstens ein wenig zur Geltung. Aber das Rad ist leider auf der elektromechanischen Bremsrolle gefangen und wartet sehnlichst darauf, möglichst bald wieder ganz normal auf zwei Gummis durch die Landschaft gefahren zu werden. Und dann auch wieder auf heimischen Radwegen, die so gelegen sind, dass in lauschigen Gartenwirtschaften eingekehrt werden kann und ein Plausch mit Gleichgesinnten in netter Runde möglich wird. Das kann kein noch so gutes Trainingssystem bieten. Ist es doch das, was den Radsport zu dem macht, was er ist. Hoffen wir, dass die Geselligkeit bald wieder stattfinden kann; im Sport wie anderswo. Und halten wir uns solange bitte an die Regeln, dann ist das Ende dieser Krise absehbar.
Thomas Grassmann, 64 Jahre, aus Ulm
Thomas Grassmann
Thomas Grassmann
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Welch ein Kontrast!
„Keine Zeit! Keine Zeit!“, so heißt es, laute der Gruß der Rentner. Doch auch der Terminkalender eines ehrenamtsbegeisterten Ruheständlers leert sich in diesen Tagen wie eine Badewanne, der der Stöpsel gezogen wurde: keine Besprechungen mehr, nirgends, keine Albvereinswanderungen, keine Sportgruppe. Von der Schließung der Bücherei überrascht bestand keine Chance noch Lesestoff zu hamstern. Was bleibt? Wald und Flur locken weiterhin: Auf ins Freie!
Doch welch ein Kontrast: Wo bislang unter der Woche höchstens einzelne, gewissenhafte Hundebesitzer ihren Lieblingen die nötige Bewegung verschafften, sieht man jetzt freizeitbunte Gestalten allerorten. Familien mit Teenagerkindern, die mit großen Augen in die Welt außerhalb des Bildschirms schauen, freigesetzte Großeltern, denen das Virus das Enkelhüten genommen hat, Liebespaare jeglichen Alters.
Draußen ist Platz genug, sich aus dem Weg zu gehen. Nur: eine Sitzbank mit Fremden für ein spontanes Gespräch zu teilen, geht wegen der sozialen Distanzierung nicht mehr. Und der schon in der Vergangenheit beklagte Mangel an Einkehrmöglichkeiten ist seit Samstag mit der Schließung aller Gaststätten ins Extreme verschärft. Oh Frühlingssonne, wärme uns wieder beim Picknick im Gras, allein, zu zweien, höchstens zu dritt!
Christian Hajduk, 65 Jahre, Lonsee
Christian Hajduk
Christian Hajduk
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Zeit für Lösungen
Auf einmal hat man Zeit übrig. Als Finanzbeamter und hauptamtlicher Personalrat, der üblicherweise in ganz Baden-Württemberg unterwegs ist, verschafft das mir vom Dienstherrn auferlegte Home-Office die Chance, von zu Hause zu arbeiten. Dienstreisen mit spätem Ende fallen der Corona-Krise zum Opfer. Auch die üblichen Gänge zum Shoppen, in Konzerte, ins Theater oder zum Schwimmen fallen aus, sodass trotz eines vollen Arbeitstags noch Zeit übrig ist. Was damit tun? Ein Stachel sitzt tief in meinem Fleisch. Die unvollendete Lösung des Zauberwürfels.
Seit fast 40 Jahren hat der Zauberwürfel seine Faszination nicht verloren. 1981 gehörte auch ich zu den Millionen Kindern in Deutschland, die dem Zauber des Zauberwürfels verfielen. Trotz mancher Bemühungen schaffte ich es nur zwei von drei Lagen zu lösen. Die Züge bis dahin sind mir aber so in Fleisch und Blut übergegangen, dass diese heute noch automatisch funktionieren. Komisch, wenn ich bedenke, was mir sonst alles nicht in Fleisch und Blut überging.
Aber die dritte Lage, das ist ein wunder Punkt in meiner Biografie. Gut, ich schaffte es ihn zu lösen, indem ich den Würfel früher auseinanderbrach und wieder richtig zusammenbaute. Kann man machen, muss man aber nicht.
Aber heute, heute gibt es ja das Internet (1981 noch Utopie). Zahlreiche Lösungsmöglichkeiten und Erklärvideos findet man da. Und tatsächlich, mit Anleitung klappt’s. Meistens jedenfalls, wenn ich nicht vor lauter Euphorie einen Zug vergesse und nochmal von vorne beginnen muss. Und wenn der Würfel mit seinen sechs Farben dann gelöst in meinen Händen liegt fühle ich mich ein bisschen wieder wie der 11-jährige Junge. Das ist schön. Ich hoffe trotzdem, dass ich den (dann gelösten) Zauberwürfel bald wieder ins Regal stellen kann und wir alle wieder ein normales Leben führen können.
Steffen Buse, 49 Jahre, Illerkirchberg
Steffen Buse
Steffen Buse
© Foto: Privat
Forschen gegen die Langeweile
Die Vorstellung, dass die Kinder fünf Wochen nicht zur Schule gehen, war schon ein Schock. Aber wer weiß, vielleicht müssen wir uns noch auf eine längere Zeit einrichten. Also mussten Ideen her, wie wir die Zeit füllen. Die Lehrer haben den Kindern zwar Aufgaben gegeben, aber es bleibt trotzdem noch ganz viel Zeit. Da unsere älteste Tochter sehr gerne liest, hat sie ein Experimentierbuch hervorgeholt. Was für eine gute Idee! Einfache Experimente, kindgerecht erklärt und mit einfachen Mittel durchzuführen.
Begonnen haben wir am gleichen Tag mit dem Gummi-Ei. Man lege ein Ei über Nacht in Essig und beobachte genau, was passiert. Beim Versuch stellt man nicht nur fest, dass Essig furchtbar stinkt, sondern man sieht auch gleich, dass sich Bläschen bilden. Am nächsten Tag hat sich die Kalkschale aufgelöst und übrig geblieben ist ein fast durchsichtiges Ei, das sich wie Gummi anfühlt.
Wir machen viele Fotos und schreiben auf, was wir beobachten. Gerade nehmen wir Bohnensamen genau unter die Lupe: wie sie sich beim Quellen vergrößern, wie sie wachsen und dass sie sogar Gips sprengen können. Das ganze Buch ist mit kleinen Markierungen versehen, welche Versuche wir im Laufe der Zeit noch machen können. Das heißt, wir können noch einige Wochen überbrücken, und unser Forscherhandbuch wird viele Seiten bekommen.
Christiane Renner, Amstetten, stellvertretend für ihre Familie
Christiane Renner mit Familie
Christiane Renner mit Familie
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Fundgrube Datenspeicher
Das Wort Langeweile kenne ich nicht. Ich bin jetzt 25 Jahre im Ruhestand, und mir war noch nie langweilig, und wenn ich mal nichts zu tun habe, genieße ich das Nichtstun und langweile mich nicht.
Mein Rat an alle, die sich langweilen: Sortiert und ordnet eure vielen Fotos, die in den Speichermedien der Handys schlummern. Gestaltet mit den schönsten Bildern Fotobücher, die man verschenken und im Bekanntenkreis vorzeigen kann. Ich habe schon viele Fotobücher gestaltet – vom kleinen Pixibüchlein bis zum Panorama Großformat. Das Gestalten der Fotobücher ist eine sehr interessante und unterhaltsame Tätigkeit. Wenn ich zum Beispiel ein Buch über unsere Bergtouren mache, erlebe ich und wandere die Tour mit. Zurzeit gestalte ich ein Blumenbüchlein. Wenn ich dabei die Bilder von der Alpenrosenblüte im Pfelderer Tal in Südtirol einfüge, erlebe ich die Wanderung durch das blühende Tal mit. Bei der Fotobearbeitung am PC habe ich auch einen wunderbaren Blick aus dem Fenster über die schöne Schwäbische Alb, der mich immer zu neuen Ideen inspiriert. Also lasst eure schönsten Fotos nicht in den Speichermedien schlummern. Gestaltet Fotobücher, da kommt keine Langeweile auf.
Hermann Muschler, 86 Jahre, Dornstadt
Hermann Muschler
Hermann Muschler
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Im Auftrag der Enkelin
Ja, ich gehöre der älteren Risikogruppe an, und nein, mir ist nicht langweilig, denn ich bin gut vernetzt. Und trotzdem gab mir meine Enkeltochter Anna-Lena für diese Quarantäne-Zeit eine Aufgabe:
„Omi, bitte schreibe jetzt für mich unsere Familiengeschichte (mit Fotos) auf, soweit Du sie zurückverfolgen kannst.“ Und das mache ich nun für sie und ihre Schwester. Dass darüber die Zeit so schnell vergeht, hätte ich nicht gedacht. Aber klar, ich merke es schon bei der Vorbereitung, wie ich an alten, jetzt zusammengesuchten Fotos beim Betrachten hängen bleibe und damit Erinnerungen zurückhole, lache und schmunzle über Erlebnisse in meinen jungen Jahren, und zwischendurch minutenlang besinnlich bei traurigen Familien-Anlässen bleibe, die ich vor Augen habe, als wäre es erst gewesen. Ich wundere mich über diese und jene Familienmitglieder und deren Entwicklung – so oder so – , sehe auf einmal Gesichtszüge auf alten Fotos meiner Mutter nun auf dem Gesicht meiner Enkeltochter, Vorfahren kommen mir mit ihren gut gemeinten Ratschlägen in den Sinn, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Mit Interesse durchforste ich unseren Stammbaum und entdecke Vornamen, die sich gleichen, ja selbst Berufe ähneln sich. Früher viele Kinder in der Familie, bis heute relativ wenig Nachkommen. Kochrezepte die überliefert wurden, fallen mir ein, und ich schreibe sie für meine Enkeltochter auf, ebenso manches Weihnachtsgebäck, zum Beispiel Bärentatzen – das Model dafür aus Holz ist immer noch da. Auch das Vertiko der Ur-Ur-Großmutter.
Ich bin so in diese frühere Zeit unserer Familie eingetaucht, dass es mir schwerfällt, eine Pause zu machen. Aber das mir von meiner Tochter auferlegte „Ausgehverbot“ wird noch dauern, und deshalb mache ich morgen weiter und werde dann die Familie meines Mannes unter die Lupe nehmen. Und auch da werde ich viel Zeit „vertrödeln“ aber Hauptsache, die geschriebene Familiengeschichte für meine Enkelin ist bis zum Ende meiner Quarantäne fertig.
Hannelore Lenk, 80 Jahre, Blaubeuren
Hannelore Lenk
Hannelore Lenk
© Foto: Privat
Eine lange Weile laufen
Sonntagmorgen. Es ist kurz vor acht, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Schlecht eingeschlafen, unruhig geschlafen, viel geträumt. Trotzdem drängt es mich, aufzustehen. Die Laufschuhe aus dem Schrank holen und schon bin ich draußen. Loslaufen – die Sonne steht noch tief und blendet mich. Nach nur wenigen hundert Metern lasse ich die Häuser hinter mir – hinaus aufs freie Feld. Eisiger Wind bläst mir ins Gesicht, ich ziehe den Kragen noch etwas höher.
Kein Mensch auf den Wegen, kein Fahrzeug auf den Straßen. Die Welt ist ruhig geworden – als wäre sie stehen geblieben – als würde sie innehalten und nachdenken. Meine Schritte auf dem Kiesweg, die Gedanken von der Leine lassen und schon springen sie aus meinem Kopf.
Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig – eins, zwei, drei – einatmen, eins, zwei, drei – ausatmen – ein, aus, ein, aus. Gedanken an gestern, an heute und morgen – an Freunde und Familie, an Erlebtes und Begegnungen, an Vorhaben und Pläne. An die vielen Pläne für diese Woche, diesen Monat, für dieses Jahr. Was wird damit – was ist morgen, wie geht es weiter?
Macht mich das unruhig, nervös – oder im Gegenteil gelassen, ruhig? Die Gedanken fliegen weg – ganz weit weg und kommen wieder zurück – einatmen, aus, ein, aus. An der Weggabelung drehe ich um und laufe zurück, der Rückenwind trägt mich jetzt – freudiges Lächeln huscht über mein Gesicht.
Keine Wolke am Himmel, kein Flugzeug in der Luft. Ich höre die Stille. Die Erde atmet durch, die Erde wundert sich. Ich erreiche die ersten Häuser der Stadt. Rolläden werden hochgezogen. Die Menschen erwachen an diesem sonnigen Sonntagmorgen. Eine Nachbarin winkt mir aus dem Fenster lächelnd zu. Ich ziehe den Schlüssel aus meiner Tasche und schließe die Haustür auf. Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Wärme umfängt mich. Eine lange Weile laufen – mein Kopf ist frei. Jetzt heiß duschen. Ich freue mich auf ein Gutensonntagmorgenfrühstück.
Bernd Steinbach, 64 Jahre, Blaustein
Bern Steinbach
Bern Steinbach
© Foto: Privat
Eine Pastorin betritt Neuland
„Es ist alles anders!“ Das sagten die ersten Siedler Amerikas, als sie den neuen Kontinent betraten. Genauso erging es mir, als wir innerhalb weniger Tage immer mehr Einschränkungen für unsere Sozialkontakte erlebten. Ich betrat neues Land. Denn in meinem Beruf als Pastorin besteht ein sehr großer Teil der Arbeit aus Begegnungen mit Menschen. Plötzlich alles abgesagt, keine Sitzungen, Mitarbeitertreffen, Schulungen, Seniorenkreise, Hausbesuche und Gottesdienste mehr.
Und jetzt? Jetzt entdecke ich mehr und mehr die Möglichkeiten der modernen Medien. Viele Treffen finden über das Internet statt. Oft beginnen wir diese mit einer kurzen Gesprächsrunde, wie es den einzelnen geht. Da begegnet mir die ganze Bandbreite der Pandemie-Auswirkungen: Sorge über Verdienstausfälle; Enttäuschung, dass der Osterurlaub ausfällt; Unsicherheit, wie es wohl weitergeht; keine Lust mehr auf Homeschooling; Dankbarkeit über Entschleunigung; Angst vor drohender Rezession und Witze über Klopapiermangel.
Wie viele andere Kirchengemeinden auch haben wir auf Online-Gottesdienste umgestellt. Ich bin dankbar, dass ich in diesen Zeiten durch meinen Beruf eine ermutigende Botschaft vermitteln darf: Jesus kommt in unsere leidende Welt und nimmt am Kreuz Ängste, Schmerz und Versagen auf sich.
Ansonsten verbringe ich viel Zeit damit, die ältesten Senioren und Seniorinnen unserer Gemeinde anzurufen. Viele von ihnen haben kein Internet und Smartphone, gerade für sie ist das Telefon sehr wichtig. Nach und nach habe ich die meisten erreicht und mich erkundigt, wie es ihnen geht. Sie sollen wissen, dass sie nicht vergessen werden.Diese Telefonate haben mir auch gezeigt, wie hilfsbereit die Nachbarn und Nachbarinnen der alten Menschen sind. Denn bei den meisten hat sich jemand aus der Nachbarschaft gemeldet und seine Einkaufshilfe angeboten. Ja, ich bewege mich gerade auf neuem Land, das diverse Erschwernisse mit sich bringt. Aber ich bin auch begeistert, was ich in diesem neuen Land alles an Chancen entdecke. Ruth Greiner (52), Pastorin der Friedenskirche im Neu-Ulmer Stadtteil Wiley
Ruth Greiner verbringt viel Zeit damit, mit Senioren zu telefonieren.
Ruth Greiner verbringt viel Zeit damit, mit Senioren zu telefonieren.
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Meditation in der Küche
Das fehlt mir schon! Die Einladungen an Freunde, mit ihnen an unserem großen Holztisch in fröhlicher Runde sitzen. Am Sonntagmittag zum Sonntagsbraten oder an einem Abend zu einem kleinen Menü. Am Tisch sitzen und über die Welt debattieren. Mal kontrovers, mal einer Meinung, mal sachlich, mal populistisch, mal heiter, mal ernst. Und das Reden und Lachen über uns und über Männer und über Frauen und überhaupt ... das fehlt mir schon!
Ich bin Hobbykoch – fast von Geburt an. Als kleiner Bub habe ich schon am Herd neben meiner Mutter gestanden und an der Schürze gezerrt, bis ich in die Töpfe schauen durfte. Heute koche ich mit Leidenschaft. In der Küche stehen, schnippeln, rühren, brutzeln, braten, backen ... „das ist für mich wie Meditation“, sage ich immer.
Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, blättere in einem von meinen unzähligen Kochbüchern und in meinen Ordnern mit gesammelten Rezepten. Ich sortiere, verwerfe, schreibe Notizen dazu – und beim Lesen rieche ich und schmecke ich in Gedanken nochmal nach: das leckere Safransößle, die aromatische Pilzfüllung, der kräftige Wildfond, aahh – und das feine Sauerampfersüppchen. Die Rezepte kommen in einen Ordner – ich möchte sie zu einem kleinen Kochbuch zusammenfassen – ein schönes Geschenk für Freunde, die mich immer fragen: „Kann ich das Rezept von dir bekommen? Das muss ich unbedingt mal nachkochen!“
Die Zeit verrinnt – schon ist es 18 Uhr. „Ich geh mal in die Küche“, sage ich zu meiner Frau, „in einer Stunde gibt es was Leckeres“. Und dann schnippele ich das Gemüse und schneide unter Tränen die Zwiebeln. Tränen der Wehmut, dass wir keine Gäste einladen dürfen – aber Vorfreudentränen auf einen Abend zu zweit ... Bernd Steinbach, 64 Jahre, Blaustein
Bernd Steinbach steht gerne in der Küche.
Bernd Steinbach steht gerne in der Küche.
© Foto: Privat
Basteln mit Klopapier
Ich habe im Fernsehen gesehen, dass die Menschen zurzeit sehr viel Klopapier kaufen. Deshalb habe ich mir in meiner Langeweile überlegt, was ich aus Klopapier alles machen könnte und habe das dann auch ausprobiert:
Als erstes kam mir die Idee mit den Klorollen-Osterhasen. Ich habe alte Filzstifte aufgeschnitten und sie in heißes Wasser gelegt. Dann habe ich weiße Kaffeefilter hinein getunkt. Anschließend schneidet man ein Loch in der Größe einer Klorolle oben in den Kaffeefilter, steckt ihn auf die Klorolle und malt ein Osterhasengesicht darauf. Fertig ist der Osterhase im Batik-Kleid.
Doch dann wurde es wieder langweilig und ich kam auf eine neue Klopapier-Idee: Samenbomben. Aus Klopapier kann man super Pappmaschee machen, dann zu Kugeln rollen und ein Samenkorn hineinstecken. Trocknen lassen und fertig sind die Samenbomben. Wenn man Geschwister hat, wie ich, ist auch das Spiel „Mumien wickeln“ ein guter Tipp. Es gibt beliebig viele Zweier-Teams, die gegeneinander antreten. Der eine Spieler lässt sich vom anderen mit Klopapier einwickeln, ohne dass dieses reißt. Wer als erstes vollständig eingewickelt ist, hat gewonnen. Esther Kriegsmann, 11 Jahre, Ulm
Esther Kriegsmann (rechts) wickelt ihre Schwester Isabell ein.
Esther Kriegsmann (rechts) wickelt ihre Schwester Isabell ein.
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Fertig ist der Osterhase im Batik-Kleid.
Fertig ist der Osterhase im Batik-Kleid.
© Foto: Privat
Mal wieder einen Brief schreiben
Das war jetzt an Ostern schon sehr schade – unsere Kinder in Berlin, Zürich und Mainz, die Enkel ebenso weit weg. Und die fünf Geschwister, mit deren Familien wir uns dieser Tage treffen wollten – alle in Deutschland und Europa verstreut. Und auch die Freunde – die aus Studientagen, aus dem damaligen Berufsleben, die ehemaligen Nachbarn – in der ganzen Welt. Statt dessen Nachrichten auf dem Smartphone, Wünsche zu Ostern – „...und bleibt gesund“. Ostereiersuche per Videoclip und „wir wären so gerne bei euch!“ Schön, dass wir skypen und uns in das Wohnzimmer oder den Garten unserer Liebsten einloggen können und ein wenig am Leben in der Ferne teilnehmen dürfen ...
Aber auch schön, dass ich Zeit habe, dass es Papier und Stift in meiner Schreibtischschublade gibt, dass ich das Handy stumm schalten und mich einfach hinsetzen und schreiben kann. Einen Brief an einen alten Freund, bei dem ich mich schon lange melden wollte. Denn ich weiß noch gut um die Freude, ein von Hand beschriebenes Büttenpapier in den Händen zu halten. Beim Lesen fliegen die Gedanken zu einem weit entfernten Ort und wieder zurück zu mir. Nostalgisch? Nein, das sind Schätze – Briefe der Mutter, des Freundes, der Geliebten – ich habe sie noch in einem alten Schuhkarton aufbewahrt.
Statt kurzer SMS oder fehlerhaft geschriebener Whatsapp-Nachrichten – mit Bedacht und Andacht geschriebene Zeilen. So sitze ich hier und nehme mir die Zeit. Schaue zwischendrin gedankenversunken nach draußen – die Osterglocken blühen, es ist ganz windstill und die Bäume strahlen in zartem Frühlingsgrün in der Sonne. Und aus Zeilen werden Seiten... Schreiben für den Freund ist auch schreiben für mich. Sich besinnen, sich konzentrieren, zu sich kommen und gleichzeitig etwas von sich geben. Das hat irgendwie gefehlt, in der letzten Zeit – das war mir abhanden gekommen. Und jetzt habe ich es wieder gefunden ... Vielleicht habe ich bald einen Brief im Briefkasten ... ich bin gespannt. Bernd Steinbach, 64 Jahre, Blaustein
Bernd Steinbach schreibt gerne.
Bernd Steinbach schreibt gerne.
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