Blaubeuren / STEFAN CZERNIN Es ist dehnbar, es trocknet nicht aus. Und es ist schneeweiß. Orgelbauer brauchen für Blasebälge besonderes Leder, sie finden es in Blaubeuren. Die Weißgerberei Widenmann setzt auf ein altbewährtes Verfahren.

Eimerweise Eigelb, Säcke mit Mehl, Salz. Etliche der Zutaten, die sich im Betrieb von Karl Widenmann in Blaubeuren finden, gibt es auch in jeder Großküche. Was Widenmann daraus anmischt, ähnele einem "dünnen Spätzleteig"", sagt der 65-Jährige. Widenmann ist aber kein Koch, er ist Gerber. Schon seit 1782 gehört seiner Familie die Weißgerberei Widenmann in der Hirschgasse. Johann Veit Widenmann hatte damals den Betrieb übernommen.

"Weißgerberei" heißt es, weil das Alaun - ein Mineralsalz - im Gerbmittel dem Leder eine typische Farbe verleiht: schneeweiß. Es ist ein jahrhundertealtes Verfahren, dass nur noch eine überschaubare Anzahl an Betrieben praktiziere, so Widenmann. Früher habe es in Blaubeuren auch eine "Rotgerberei" gegeben, Rindenextrakt gab diesem Leder einen rötlichen Stich. Der Betrieb musste mittlerweile Ferienwohnungen weichen.

Widenmann ist im Geschäft geblieben, er hat sich eine Nische erobert: Sein Betrieb stellt überwiegend Glacéleder für den Orgelbau her, Orgelbauer und Restauratoren aus Deutschland und dem restlichen Europa zählen zu seinen Kunden. Das Glacéleder wird für Blasebälge und Ventile gebraucht. Dafür muss es luftundurchlässig sein, elastisch, es darf nicht austrocknen. Und das dauerhaft.

Mit Chromsalz gegerbtes Leder - das heutige Standardverfahren - erfülle diese Ansprüche nicht, sagt Widenmann. Dieses Leder wird für Schuhe, Bekleidung, Sofagarnituren und Autositze verwendet. Große Fabriken - etwa in Asien - werfen riesige Mengen auf den Markt. "Damit können wir nicht konkurrieren", sagt Widenmann, der im Betrieb von seinem Sohn Michael unterstützt wird. Widenmann bekommt den Konkurrenzdruck dennoch indirekt zu spüren: Die großen Lederfabriken in Übersee treiben die Preise für Felle und Häute in die Höhe, die jeder Gerber für sein Handwerk braucht.

Widenmann hat die Gerberschule in Reutlingen besucht, er ist gelernter Ledertechniker. Später arbeitete er unter anderem für den Bayer-Konzern in Leverkusen. Im Jahr 1983 kehrte er nach Blaubeuren zurück, um im Familienbetrieb mitzuarbeiten. Zehn Jahre später übernahm er die Geschäftsleitung.

In seiner Weißgerberei, die auf mehreren Etagen in einem Fachwerkhaus in der Hirschgasse untergebracht ist, verarbeitet Widenmann überwiegend Lammfelle, die er schon ohne Wolle geliefert bekommt. Zwei Tage lang kommen sie zunächst in ein rotierendes Holzfass - zusammen mit dem Gerbmittel. "Das Alaun dient als Gerbstoff, das Mehl sorgt für die spätere Luftundurchlässigkeit, das Eigelb dient als Fettungsmittel", erklärt Widenmann. Jeder Gerber hüte seine eigene Rezeptur. Nach dem anschließenden Trocknen auf dem Dachboden wird das Leder dehnbar, weich gemacht - mit Hilfe einer Stollmaschine. Diese besitzt einen kräftigen, mit Walzen und Klingen bewehrten Arm, der die gegerbten Felle mit ordentlich Zug elastisch macht. Später erhält das Lammleder noch auf einer Schleifmaschine einen feinen Velour-Schliff. Bis zu zwei Wochen dauert es, bis aus einer Lammhaut schließlich verkaufsfertiges Leder geworden ist.

Neben Glacé- stellt Widenmann auch Sämischleder her, das mit Fischtran gegerbt und hauptsächlich in der Orthopädie verwendet wird. Insgesamt "einige Tausend Stück" Glacé- und Sämischleder werden jährlich von Blaubeuren aus verschickt. Seit Anfang des Jahres vertreibt Widenmann seine Produkte über einen neu gestalteten Internetauftritt selbst, nicht mehr über ein Händlernetz. So entziehe sich der Betrieb dem immer größer gewordenen Preisdruck durch die Händler, davon profitiere auch der Kunde, sagt Widenmann. "Es ist gut angelaufen."

Nicht die gesamte Produktion der Gerberei wird verkauft, ein wenig landet auch bei Widenmanns Ehefrau Hannelore. Schon seit einigen Jahren betreibt sie das Ladengeschäft "Wolle und Leder" im Haus der Gerberei. Dort verkauft sie etwa selbstgestrickte Mode und Lederschmuck. Und winzige Lederschuhe, angefertigt für Säuglinge.