Kultur Lebenslinien formen das Museum

So soll das Museum in der ehemaligen Kegelbahn aussehen: An Glasstelen und Pulten werden die einzelnen Persönlichkeiten vorgestellt, der Billard­raum rechts wird zum Foyer.
So soll das Museum in der ehemaligen Kegelbahn aussehen: An Glasstelen und Pulten werden die einzelnen Persönlichkeiten vorgestellt, der Billard­raum rechts wird zum Foyer. © Foto: Grafik: Braun und Engels Gestaltung Ulm
Helga Mäckle 13.09.2018

Geschichtsträchtige Persönlichkeiten. Derer hat Herrlingen einige: Anna Essinger, Gertrud Kantorowicz, Erwin Rommel, die Mitglieder der Gruppe 47, um nur einige zu nennen. Sie alle – mit ihren oft so gegensätzlichen Lebenswegen – haben bemerkenswerterweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Herrlingen gelebt, gewirkt, ihre Spuren hinterlassen. Sie alle sollen nun in dem Museum Platz finden, das die Stadt Blaustein in der Lindenhof-Villa in Herrlingen einrichtet. Am Dienstag stimmte der Gemeinderat einstimmig zu, die ehemalige Kegelbahn und das Billardzimmer für 70 000 Euro zu diesem Zweck auszubauen.

Gerhard Braun vom Ulmer Gestaltungsbüro Braun Engels stellte das Konzept vor. Die Kegelbahn mit einer Breite von gerade mal 2,70 Metern soll dazu mit einem durchlaufenden Podest ausgestattet werden. Darauf finden Glasstelen und Holzpulte Platz, auf denen die einzelnen Persönlichkeiten präsentiert werden. Die Reformpädagogin Essinger, der umstrittene Generalfeldmarschall Rommel und das jüdische Altersheim und seine Bewohner erhalten je drei Stelen. Aber auch der Ulmer Unternehmer Max Wieland, der die Jugendstil-Villa als Sommersitz für seine Familie bauen ließ, wird vorgestellt, ebenso wie dessen Architekt Richard Riemerschmid und die jüdische Kunsthistorikerin und Lyrikerin Gertrud Kantorowicz, die 1945 im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Einen Ehrenplatz auf dem Podest bekommt der Sekretär von Anna Essinger, den einer ihrer ehemaligen Schüler aus England der  Stadt Blaustein im vergangenen Jahr geschenkt hat.

Auf den Stelen werden die Lebensdaten gezeigt, ein Foto, ein prägnantes Zitat. Zusätzlich schlägt Braun vor, sollen auf den Pulten Blätter-Bücher mit weiteren Informationen zu finden sein. Das könne man zwar auch multimedial darstellen, aber angesichts des knappen Budgets seien Medienstationen im Moment nicht möglich, in Zukunft aber nachrüstbar. Gerhard Braun stellt sich zudem ein LED-Lichtband oder Lichtstäbe vor, die sich über die gesamte Wand ziehen: „Wie Lebensspuren aus Licht.“ Denn letztlich gehe es in dem Museum um Lebenslinien.

Das ehemalige Billardzimmer wird zum Foyer umgebaut: „Mit Garderobe, Flyer-Ständer, ein Platz eben, an dem sich Gruppen für eine Führung treffen, eine erste Einführung bekommen.“ Dort wird auch ein Zeitstrahl angebracht, auf dem die großen geschichtlichen und politischen Ereignisse zu sehen sind. Braun hält es für wichtig, dort auch ein Ortsmodell von Herrlingen aufzustellen, damit sich die Be­sucher orientieren können. Ein solches sei als analoges Modell möglich, oder aber digital: Dann könnte man auf einem Touchscreen etwa auf das Gebäude des jüdischen Landschulheims klicken und dort hinterlegt weitere Informationen ­finden. Digital ist das Modell zwar um 10 000 Euro teurer, bei den Stadträten allerdings herrschte Einigkeit, dass es das wert sei. Schließlich solle das Museum erlebnisorientiert sein und vor allem auch junge Menschen ansprechen. ­

Herrlingens Ortsvorsteherin Rita Sommer warb für das Konzept, schließlich hätten rund 1000 Menschen die Villa und das Rommel-Archiv im vergangenen Jahr besucht. Potential sei also mehr als vorhanden. Sie bat gleichzeitig darum, die Texte in der Ausstellung nicht nur in Deutsch zu zeigen, sondern auch in Englisch. Schließlich kämen viele Besucher aus dem Ausland.

„Super.“ „Sehr gelungen.“ So lauteten die Kommentare der Stadträte zu dem Konzept – verbunden mit einem Dankeschön an die Arbeitsgruppen, die daran mitgearbeitet haben. Gerhard Braun und Dr. Manfred Kindl, Archivar der Stadt Blaustein, werden nun in die Detailplanung gehen. Anfang des nächsten Jahres sollen die Arbeiten ausgeschrieben werden. Läuft alles rund, könnte das Museum im November 2019 fertig sein.

Schritt für Schritt zum Kulturzentrum

Konzept Das Museum ist der erste Abschnitt hin zu einem städtischen Kulturzentrum in der Lindenhof-Villa. Im April 2016 hatte der Gemeinderat beschlossen, ein solches Schritt für Schritt umzusetzen. Verschiedene Arbeitsgruppen haben dazu Vorschläge erarbeitet. Als nächster Schritt soll in der Säulenhalle mit Blick auf den Park eine Gastronomie eingerichtet werden. In den Räumen im ersten Stock, die nach dem Auszug des Rommel-Archivs frei werden, sollen Lesungen und kleine Konzerte stattfinden. Um Geld in die Kassen zu bekommen, werden die Räumlichkeiten auch an Firmen vermietet, außerdem sollen noch mehr Trauungen im Erkerzimmer stattfinden. Nicht zuletzt ist geplant, den Lindenhofpark mehr zu nutzen, etwa für Freilichtkino oder Handwerkermärkte.

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