Vortrag Langenau: Ramo Ali erzählt über seine Kindheit

Ramo Ali ist das 13. von 14 Kindern.
Ramo Ali ist das 13. von 14 Kindern. © Foto: Barbara Hinzpeter
Langenau / Barbara Hinzpeter 09.10.2018

Er hat seine schwangere deutsche Freundin begleitet zu einem Vortrag über die Frage, „wie man ein Kind kriegt“, sagte Ramo Ali. Das lief früher bei ihm zu Hause anders: Er sei das 13. von 14 Kindern, aber seine Mutter habe nie eine Vorlesung über Geburtsvorbereitung besucht.

Der syrisch-kurdische Schauspieler hielt selbst keinen sachlichen Vortrag im Langenauer Pfleghof und zeichnete auch kein differenziertes Bild der unterschiedlichen Erziehungsstile. Vielmehr berichtete er in zahlreichen Anekdoten aus seiner Kindheit in einem kurdischen Dorf in Syrien und seinem Alltag als Vater einer zweijährigen Tochter in Deutschland – mit großer Lust am Erzählen und an Pointen.

Auf die Frage, warum er so viele Geschwister habe, habe er von seinem Vater eine Antwort bekommen, „die für mich in Ordnung war“. Sie lautete: „Warum nicht?“ Die Großfamilie und die Generationenfolge waren unübersichtlich. Schwer zu sagen, wer Nichte, Neffe oder Onkel war.  „Meine Mutter, meine Schwägerin und meine Schwester waren gleichzeitig schwanger.“

Der Lohn des Vaters und die Landwirtschaft reichten gerade zum Überleben. Die Erziehung bestand laut Ali aus der Ermahnung, lieb zu sein und nicht zu klauen. Die Kinder streunten durch den Wald, jagten Vögel, schwammen in dreckigem Wasser und bastelten Spielzeug aus Müll. Aber sie waren glücklich. „Wir haben das Leben entdeckt“, sagte der 33-Jährige.

In seinen ersten Jahren in Deutschland habe er auf den Rutschen der Spielplätze Versäumtes nachgeholt, deutsche Kinder beobachtet und nach anfänglicher Begeisterung gemerkt, dass die eigene Kindheit im Vergleich besser abschnitt. Hier lebten die Kinder in einem großen Käfig mit vielen Freiheiten – ohne wirklich frei zu sein: so die These des jungen Vaters, der nichts von Erziehungsratgebern hält. „Wir sollten nicht in Büchern lesen, wie man Kinder glücklich macht, sondern sie selber machen lassen“, sagte der Schauspieler.

Er selbst sei „kein politischer Mensch“.  Aber er habe sein Land 2011 aus politischen Gründen verlassen müssen. Er hatte beim Neujahrsfest im Libanon in einem Sketch in kurdischer Sprache mitgespielt, was in Syrien nicht möglich gewesen wäre. Bei der Rückkehr wurde er verhaftet, weil das Fest von einer verbotenen Organisation veranstaltet worden war. Er bekam Berufsverbot und wurde weiter verfolgt, nachdem er sich im Internet für die Freiheit der Kunst ausgesprochen hatte. Ironie des Schicksals: Weil er sich seinen Traum erfüllt und einmal in seiner ersten Muttersprache gespielt hatte, „spiele ich heute in einer ganz fremden Sprache“.

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