Natur Kraniche über Laichingen

Laichingen / Sabine Graser-Kühnle 11.11.2017

So viele Kraniche ziehen über die Laichinger Alb, das ist ein ganz neues Phänomen.“ Wer das sagt ist Dr. h.c. Wulf Gatter, Leiter der Forschungsstation Randecker Maar, wo unter anderem das Verhalten von Zugvögeln beobachtet wird. Am Dienstagabend waren die Kraniche zum ersten Mal über Laichingen und benachbarten Orten zu hören. Durchdringend und laut hallten die kurzen, trompetenartigen Schreie der Vögel über der Stadt, die zu dieser Zeit in dichten Nebel gehüllt war. Als wären die Tiere orientierungslos, flog der Schwarm über Laichingen.

„Die Kraniche orientieren sich an den Sternen und am Mond. Im Nebel sahen sie beides nicht mehr, dagegen leuchteten die Städte, die sie überflogen haben, um so mehr. Das hat bei den Vögeln wahrscheinlich für Irritationen gesorgt“, sagt Gatter. Seit 1966 wird in der Forschungsstation der Vogelzug beobachtet, und erst seit rund zehn Jahren sei festzustellen, dass die Zugvögel ihre Routen in die wärmeren Gefilde verändern.

Projektleiter Gutter zufolge kamen die Tiere früher immer aus Norden und tangierten die Schwäbische Alb kaum. Doch immer mehr Vögel rasten auf ihrem langen Weg hier. „Sie kommen auch nicht mehr von Norden, sondern immer mehr aus Osteuropa und ihr Ziel ist mittlerweile das französische Lothringen.“

Längst nicht mehr alle Zugvögel zieht es ganz in den Süden, manche bleiben in milden Wintern sogar in Deutschland. Ganz neu ist für Wulf Gatter jedoch, dass es so unglaublich viele Kraniche sind, die über die Region fliegen.

Zu den großen Vögeln, die sich neue Rastgebiete auf ihrem Durchzug suchen, gehören neben den Kranichen Wildgänse und Kormorane. Im Unterschied zu den laut und schier ununterbrochen schmetternden Kranichen und den abgehackt rufenden Wildgänsen bewegen sich die Kormorane völlig lautlos am Himmel.

Nicht zu überhören

Über Laichingen, Westerheim und Heroldstatt zogen diese Abende die Kraniche. Nicht wenige Menschen wurden am Dienstag beim Abendtisch vom lauten Geräusch aufgeschreckt und steckten die Köpfe aus den Fenstern. Die wenigen Spaziergänger, die an diesem trüben Novembertag unterwegs waren, versuchten zumeist vergeblich, die Ursache des Lärms am Himmel auszumachen. Der dichte Nebel ließ nur selten einen Blick auf die Scharen zu. Wer Glück hatte, erblickte für kurze Momente vor dem dunklen Nachthimmel die Vögel, dicht an dicht, in einer weit geöffneten V-Formation.

Zu überhören waren sie allerdings nicht – und sind sie nicht. Denn weiterhin ziehen die Vögel über die Schwäbische Alb. Bis Blaubeuren-Asch und im Täle bei Ditzenbach ist dieses Naturphänomen zu beobachten. Mal in langgezogenen Linien, dann in der bekannten V-Formation. Schon lange bevor sie am Horizont sichtbar werden, sind sie zu hören und auch dann noch, wenn sie in Richtung Frankreich schon wieder aus dem Blickfeld entschwunden sind.