Berghülen / REGINA FRANK  Uhr
Sie ist die kleinste Bank im Alb-Donau-Kreis und fährt eigentlich ganz gut damit - die Raiffeisenbank in Berghülen hat mehr Kunden als der Ort Einwohner hat. Bleibt die Frage: "Die wahre Größe einer Bank - wonach bemisst sie sich?"

Man kennt sich. Der junge Mann hinter dem Bankschalter. Und der ältere davor. "Mir kennat unsere Leut." Sagt der eine. "Mit dene kann i schwätza." Sagt der andere. Jürgen Groß (24), Bankkaufmann bei der kleinsten Bank im Alb-Donau-Kreis. Und Johannes Lohrmann (73), schon immer dort Bankkunde.

Der Rentner behielt sein Konto bei der Raiffeisenbank Berghülen auch noch als er wegzog, ins sechs Kilometer entfernte Seißen. Er radelt seither über einen Feldweg zu seiner Bank. Jedenfalls bei schönem Wetter. Johannes Lohrmann ist keine Ausnahme. So oder so ähnlich handhaben es viele, die wegziehen. Auch junge Berghüler, die studieren gehen, behalten ihr Konto bei der Heimatbank. Sie alle tragen dazu bei, dass die Raiba mehr Kunden hat als die Gemeinde Einwohner. Wobei zu Grunde gelegt werden kann, dass fast jeder im Hauptort und den zwei Teilorten Treffensbuch und Bühlenhausen ein Konto bei der Raiffeisenbank hat. Die gemessen an ihrer Bilanzsumme kleinste Bank im Landkreis ist gemessen an der so genannten Kundendurchdringung eine ganz große.

Sie ist auch groß, was das Eigenkapital angeht. Würde man diesbezüglich ein Ranking für die deutschen Banken erstellen, so lägen die Berghüler im oberen Drittel, meint Vorstandsmitglied Jakob Mayer. Man könnte auch das Kriterium anlegen, wie viel Cent die Bank ausgeben muss, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften. Im Fachjargon: Cost-Income-Ratio, das Verhältnis Aufwand zu Ertrag. Je geringer der Wert, desto effizienter wirtschaftet sie. Die kleine Genossenschaftsbank auf der Alb liegt mit 58,7 Prozent deutlich unter dem Verbandsdurchschnitt von 71,5 Prozent. So stellt Mayer, ganz selbstbewusst, die rhetorische Frage in den Raum: "Die wahre Größe einer Bank - wonach bemisst sie sich?"

Es gibt neun Mitarbeiter - die beiden Vorstände Jakob Mayer und Roland Rasch eingerechnet. Eine optimale Betriebsgröße, finden die beiden. Sie denken nicht daran, mit anderen Kreditinstituten zu fusionieren, wollen selbstständig bleiben - auch wenn Kollegen anderer Genossenschaftsbanken in der Ortsbank ein veraltetes Modell sehen. Selbstständigkeit ist eine Haltung, die in Berghülen kultiviert wird - auch in religiöser Hinsicht: Jedes der drei Dörfer hat seine eigene Kirchengemeinde.

Mitarbeiter Jürgen Groß, der auf seine Qualifikation als Bankfachwirt gerade eine Weiterbildung als Betriebswirt draufsetzt, sieht seine berufliche Zukunft weiterhin bei der Raiba Berghülen - gerade weil sie selbstständig bleiben will. "In einer großen Bank wäre ich tagtäglich im Kundengeschäft am Schalter tätig", sagt er, "hier kriege ich alles mit." Während der Umstellung des Zahlungsverkehrs auf die europaweiten Sepa-Formate war er Hauptansprechpartner.

"Die Selbstständigkeit können wir erhalten. Rein von den Zahlen haben wir kein Problem", sagt Mayer. Das Problem liegt woanders. Es hat seinen Grund in der Überregulierung, der genüge zu tun der kleinen Bank nicht nur viel abverlangt. In der Praxis führt sie auch zu mitunter absurden Vorgängen. Mayer bringt eine solche Vorgabe mit nur einem Satz auf den Punkt: "Ich muss mir selber berichten."

Und das kommt so: Eine Verwaltungsanweisung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz Bafin, fordert, dass ein spezieller Beauftragter dem Vorstand Bericht gibt über die wichtigsten Geschäftsabläufe. In einer kleinen Bank, in der der Vorstand alles macht, berichtet folglich der Vorstand dem Vorstand. Mayer: "Die Bafin akzeptiert das." Hauptsache, ein Bericht liegt vor. Mayer fühlt sich gegängelt. Er hält zwar Regulierung grundsätzlich für wichtig, ist aber für eine mit Augenmaß. "Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Geschäftsmodelle." Sprich: Regeln für international agierende Großbanken und Regeln für risikoarme kleine Regionalbanken.

Mayer versucht sich und anderen kleinen und mittleren Genossenschaftsbanken Gehör zu verschaffen. Er ist Regionalsprecher einer Interessengemeinschaft, die sich im Jahr 2004 gegründete. Ziel der IG ist es, "die Rahmenbedingungen für das erfolgreiche und zukunftsgerichtete Geschäftsmodell der selbstständigen Ortsbank zu erhalten".

In Berghülen gilt es, eine Bank zu erhalten, bei der das Geld, das die einen sparen, die anderen in ihrer Nachbarschaft als Kredit bekommen: für Investitionen in ihre Handwerksbetriebe und den Bau neuer Wohnhäuser. Eine Bank, bei der Vorstandsmitglied Mayer schon seine Ausbildung gemacht hat und blieb - in einem Ort, in dem er im Sportverein fünf Jahre lang die Fußballabteilung leitete und zwanzig Jahre Kassier war. Auch der Vorstandskollege Rasch wohnt in der Gemeinde, ein Zugezogener, der über sich sagt: "Hier wird man schnell heimisch und tickt mit den Leuten."

Apropos Sportverein: Der junge Bankkaufmann am Schalter hat dort auch schon Fußball gespielt - von daher kennt er so manchen Kunden besonders gut. "Man duzt sich." Jürgen Groß kennt aber auch so gut wie alle der 734 Mitglieder der Genossenschaftsbank. "Man weiß viel voneinander, somit ist Vertrauen da. Das ist das A und O was Bankgeschäfte angeht." Die gegenseitige Verbundenheit zeigt sich auch daran, dass der Berghüler Kunde direkt mit dem Vorstand reden kann. Mayer: "Versuchen Sie das mal bei der Deutschen Bank."

Rentner Johannes Lohrmann jedenfalls kann sich keine Alternative zu seiner alten Heimatbank vorstellen: "Es wär mir arg, wenn sie zumacha tät. Dann tät i mei Geld dahoim lassa."

Zahlen und Fakten zur Raiffeisenbank Berghülen

Konkurrenzlos Die Raiffeisenbank Berghülen ist die einzige Bank am Ort. Sie hat 2300 Kunden. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Gemeinde am Hauptort und den Teilorten Bühlenhausen und Treffensbuch 1900 Einwohner zählt.

Ertragsstark Die Bilanzsumme wird im Geschäftsbericht für 2013 mit 49 Millionen Euro beziffert. Es wurde ein Ertrag von 664 000 Euro (vor Steuern) erwirtschaftet. Die Rendite für die Mitglieder: eine 6,5-prozentige Dividende.

Örtlich Steuern bezahlt die kleine Bank, wo sie ihren Ertrag erwirtschaftet: in Berghülen. Aus dem Betrag macht sie kein Geheimnis. Die Raiffeisenbank hat im Jahr 2013 an die Gemeinde rund 71 000 Euro Gewerbesteuer bezahlt.

Ausgezeichnet In der europäischen Bankenstudie einer Managementfirma kam die Raiba Berghülen auf Platz 9 der deutschen Rangliste. Als Erfolgsfaktor machte die Studie die Ertragsstärke der Genossenschaftsbank aus.

SWP