Kirchdorf Kindheitstraum erfüllt

Biberach / Thomas Vogel 12.01.2019

Jetzt sind es nur Minuten, bis ein ziemlich früher Traum endlich wahr wird. Gewiss war das Sehnen, den Baggerfahrer zu mimen, immer wieder mal ganz erloschen. Dann, wenn gerade mal wieder der Beruf des Lokomotivführers die Oberhand in den Träumen hatte. Um ehrlich zu sein: In den letzten Jahrzehnten war er fast vergessen worden.

Eine Einladung nach Kirchdorf änderte alles. Liebherr wollte sein neues Testgelände vorstellen, ein 30 Millionen Euro teures Projekt. Eine ganze Armada von Baggern und Raupen und Stahlmonstern flitzt an diesem Tag über das nagelneue Areal, nimmt Kies auf, setzt Berge um, gräbt Löcher. Wo wäre der Mann, in dem in einem solchen Moment nicht wieder das Kind erwachte?

Es wird ein Test der eigenen Art. Eine Mutprobe: 83 Kilo Mann bewegen 14 Tonnen Maschine. Zusammen verändern wir diese Welt. Es kann losgehen – jetzt. Doch bevor der Fahrschüler an Bord des Mobilbaggers A914 loslegen darf, erklärt ihm Hubert Rück erst einmal, wie man in so ein Trumm ordnungsgemäß einsteigt, ohne dabei abzustürzen. Dass die Knie auch jetzt noch nicht schlottern, ist auf ein intaktes Nervenkostüm zurückzuführen. Mehr aber auf den Umstand, dass sich Profi Rück in Griffweite des Bagger-Eleven in der Fahrerkabine niederlässt. Es sitzt sich durchaus bequem.

Die Kabine hat Fenster zu allen Seiten, auch im „Himmel“, mit Rollo. Man hat eine erstaunlich gute Übersicht von hier oben. Innen sieht es sehr aufgeräumt aus. Gaspedal und Bremse erzeugen ein vertrautes Gefühl. Freilich sind da noch ein paar Handvoll Schalter und Knöpfe mit weiteren, unbekannten Funktionen – nicht mehr als in einem Auto neueren Baujahrs. A914 brummelt leise vor sich hin. Was sich aber ändert, sobald man einen der zwei Joysticks betätigt. Es genügt ein Fingertippen und in A914 erwachen die Lebensgeister. Baggerarm hoch, runter, ausfahren, anziehen, Schaufel nach vorne, einfahren. Baggeroberteil drehen. Linksrum, anders rum. Diese acht „Hauptbewegungen der Arbeitsausrüstung“ werden mit den beiden Multifunktionsknubbeln ausgeführt, erläutert Rück. Es ist Vorführtechniker bei Liebherr und heute mit der Aufgabe betraut, einem Träumer das ABC des Baggerns beizubringen.

Gerade noch hatte Gerit Tampe, Liebherrianer im Ruhestand, quasi durch den „Geburtsort“ von A914 geführt, durch imposante Hallen, in denen Zentimeter dicke Bleche geschnitten und gebogen werden, als wären sie aus Teig. Auf der Montagestraße lässt sich wie im Zeitraffer beobachten, wie auch A914 einst entstanden ist – aus einem Baukasten aus vielen hundert Einzelteilen und bereits vormontierten Komponenten. Keiner der Hydraulik-Bagger, der die Straße verlässt, ist völlig identisch mit anderen.

A914 zeigt jetzt erste Reaktionen. Es sind noch nicht sofort Bewegungen, die geeignet wären, dem vorbereiteten Kiesberg etwas Material zu entreißen. Rück flicht geschickt die Faustregel des guten Baggerns ein, wonach ein Fahrer wenigstens drei Bewegungen auf einmal ausführt. Nur so könne eine flüssige Bewegung entstehen. Drei! Immerhin – der Arm senkt sich, die Schaufel greift zu. Nach eingehender Beratung gelingt ein Schwenk bei gleichzeitigem Hochheben der stählernen Gliedmaße.

Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Ob aus dem Eleven ein Baggerfahrer-Genie werden kann, dazu in der Lage, formvollendet schöne Löcher zu graben oder Gelände zu modellieren, das kann nach dieser ersten Fahrstunde nicht mit Sicherheit beantwortet werden. „Manche brauchen dazu ein, zwei Tage, manche drei, vier Monate“, sagt Rück: „Das ist wie mit dem Autofahren.“ Soll heißen: Manche lernen’s auch nie.

„Ein guter Fahrer schält mit dem Gerät“, gibt der Fahrerlehrer einen Tipp, „das ist energiesparender“. Die Schaufel sticht fast senkrecht tief ein. Jetzt fehlen noch Bewegung zwei und drei. Setzte aber voraus, dass die Joysticks endlich eine direkte Verbindung ins Hirn knüpften.

Manche lernen’s nie

Ein guter Fahrer verfügt über ein Gespür für Gefahren. Er kennt natürlich den Zweck all der Knöpfe, die aber in der ersten Unterweisung noch nicht dran sind. Als es piept, kommt das Gespräch dennoch darauf: „Das ist die Überlastwarneinrichtung.“ Warum bloß schlägt das Ding an? Der Arm ist nun voll durchgestreckt. Offenbar ist für diese Figur zu viel drin in der Schaufel. Lächelnd kommentiert Rück, dass sich so ein Bagger bei Missachtung einiger Regeln der Statik durchaus auch auf die Seite legen ließe: „Ein Baggerfahrer muss eben ein Gefühl für die Maschine haben.“ Er plagt ihn außerdem nicht unnötig. Das ist lebensverlängernd für die Maschine und spart Sprit.

Durchschnittlich ist ein Verbrauch von 6,75 Liter pro Betriebsstunde möglich. So viel, wie ein Mittelklasse-Auto auf 100 Kilometer Fahrstrecke „schluckt“. Auf dem Testgelände aber ist eine Schinderei bisweilen durchaus auch gewollt. Unermüdlich hebt und senkt sich in Sichtweite ein Baggerarm. Ein Dauertest, um Werte über die mechanische Energierückgewinnung zu sammeln. Außerdem flitzt Runde um Runde ein Muldenkipper mit außergewöhnlicher Lackierung vorbei. Ein Erlkönig.

A914 aber darf nun ein Päus­chen einlegen. Ende der Fahrstunde. Die Schaufel muss vor dem Absteigen auf dem Boden aufgesetzt werden, eine Vorschrift. Das klappt. Erhole dich gut, geduldiger Stahl-Riese.

Produktionsrekord soll noch getoppt werden

Hydraulikbagger Mit 3500 produzierten Maschinen (2000 Baumaschinen, 1500 für den Materialumschlag) steuert der Standort Kirchdorf mit 1700 Mitarbeitern auf einen Produktionsrekord zu, der 2019 noch getoppt werden soll. Der Grund laut Geschäftsführer Werner Seifried: die Nachfrage nach Baggern in Folge des Baubooms sowie eines Nachholbedarfs bei der Instandhaltung von Infrastruktur.

Firmengruppe Liebherr ist ein klassischer Mischkonzern mit insgesamt elf Geschäftsfeldern. Zur nach wie vor familiengeführten Firmengruppe gehören auch Hotels und die Bereiche Antriebstechnik, Verkehrstechnik und der Luftfahrtbereich. 2017 erwirtschaftete sie einen Umsatz von 9,845 Milliarden Euro.

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