„Wenn man die Fläche nicht beweidet, wird sie wieder zu Wald“, sagt Klaus Zeller, der als Förster für das Kiesental zuständig ist. Er deutet auf den Rand der Wacholderheide, wo bereits kleine Sträucher und Bäume wachsen – ein sogenannter Sukzessionswald. „Der Wald erobert ganz langsam seinen Lebensraum zurück“, sagt Zeller.

Wacholderheiden sind eigentlich „nichts Natürliches“, sondern ein Ergebnis der Wanderschäferei, die früher eine wichtige Rolle in der Region spielte. „Heute kriegt der Schäfer Geld dafür, dass er überhaupt kommt“, sagt der Förster.  Schafe fressen die Keimlinge aller Bäume und Sträucher ab, nur die des Wacholders lassen sie stehen: Er schmeckt ihnen nicht und kann so als einzige Pflanze dort groß werden.

Wo bereits Wald nachgewachsen ist, haben er und zahlreiche freiwillige Helfer noch viel Arbeit vor sich. Vor vier Jahren haben sie begonnen, die verwaldende Heide von Gebüsch und Bäumen zu befreien, sodass Schafe auf ihr weiden können. Ist die Weide zu dicht bewachsen, trauen sie sich nicht hinein: Die Fluchttiere vermuten Raubtiere im Gebüsch.

Die Heide sei eine Besonderheit der Schwäbischen Alb und „viel gepriesen von den Leuten“. Vielen sei ihr Fortbestand wichtig. „Bei den Pflegeaktionen wuselt es hier von Helfern“, sagt Zeller. Die Arbeit wird Anfang Februar von Hand erledigt, nur den Abtransport der Bäume übernehmen zwei Pferde. „Die Gemeinde lässt sich das was kosten“, sagt der Förster.

Aber wozu all der Aufwand für eine durch die Landwirtschaft geschaffene Landschaft? „Ich habe hier 90 verschiedene Pflanzenarten gezählt“, sagt der 60-Jährige. Eine normale Nutzwiese hingegen komme gerade mal auf drei bis fünf Grasarten. Die Artenvielfalt Wacholderheide, ein sogenannter Magerrasen, werde durch jegliche Düngung bedroht, denn die Pflanzen wachsen nur auf nährstoffarmen Böden. Dies ist auch der Grund, warum Wacholderheiden nur durch Wanderschäferei zustandekommen: Es hilft nichts, Schafe einfach eine Weile auf der Heide einzupferchen. Sie würden durch ihren Kot das Feld düngen und so seine empfindliche Flora zerstören. Das passiert auch, wenn künstliche Düngemittel von den umliegenden Feldern auf die Wiese gelangen: Löwenzahn und Brennnessel breiten sich aus und verdrängen andere Pflanzen.

Die Pflanzenvielfalt auf der Wacholderheide kann das ungeübte Auge nur schwer erkennen, denn viele seltene Pflanzen sind unscheinbar. So mancher Besucher ist enttäuscht, weil er sich die gerade mal fingernagelgroßen Blüten der Knabenkraut-Orchidee größer vorgestellt hat. „Unsere Orchideen sind kleine Scheißerle“, sagt Zeller. Trotzdem seien sie für ein Ökosystem wichtig, in dem verschiedene Arten zusammenhängen. „Wenn du an einem ziehst, fallen drei um“, sagt der Förster: Der in der Wacholderheide heimische Hauhechel-Bläuling könne zum Beispiel nicht ohne die Blüten der Hauhechelpflanze leben, in der er bevorzugt seine Eier ablegt.

Im Gegensatz zu der sonnig-hellen Wacholderheide scheint der Kiesentalwald, der in einem ehemaligen Flussbett liegt, eher verwunschen. „Jetzt kommen wir ins Märchenhafte“, sagt Zeller. Hohe Felsen säumen den Weg, und schon auf den ersten Blick sieht der Wald hier irgendwie wilder aus als das Nutzwäldchen von nebenan. Das liegt unter anderem daran, dass es für das Gebiet seit Kurzem ein „Alt- und Totholzkonzept“ gibt. Insgesamt wurde eine ungefähr 30 Fußballfelder große Waldfläche stillgelegt. Das heißt, dass 30 Hektar Wald nun sich selbst überlassen sind und wieder zu einer Art Urwald werden können. „Wenn ein Baum umfällt, bleibt er da liegen“, sagt der Förster.

Die Meinungen zu diesen Bäumen, von denen mittlerweile schon einige im Wald herumliegen, gehen stark auseinander. „Was ist denn das für ein Chaos hier?“, empörten sich viele. Andere beschwerten sich bei Zeller, weil sie lieber Brennholz aus einem schönen umgestürzten Baum machen würden, als ihn liegen und seltenen Käfern und Pilzen den Vortritt zu lassen: „Ein Käfer ist für viele was, auf das man mit der Mückenklatsche draufhaut“, sagt Zeller und lacht. Generell sei Naturschutz eine sehr subjektive Angelegenheit: Eine bedrohte fünf Zentimeter lange, knallgelbe Nacktschnecke sei einfach kein Sympathieträger, obwohl sie dringend geschützt werden müsste.  Der hübsche Rotmilan als „Aushängeschild“ der Region hingegen habe stets Naturschützer auf seiner Seite.