Übung Höhlenrettung: Kanu statt Hubschrauber

Blaubeuren / Joachim Striebel 12.06.2018
Die Höhlenrettung Baden-Württemberg hat im Blauhöhlensystem die medizinische Versorgung und den Transport geübt.

Matthias Leyk bricht sich in einer Riesenhöhle in Frankreich rund fünf Kilometer vom Eingang entfernt einen Knöchel. In einer 24-stündigen Aktion wird er von französischen Spezialisten gerettet. „Das waren 16 Stunden Transportzeit auf der Trage“, sagt er. Seither kennt der Tübinger beide Perspektiven der Höhlenrettung: die des Retters und die des Verletzten. Schon vor diesem Unfall im Jahr 1991 war er Mitglied der Höhlenrettung Baden-Württemberg. „Danach bin ich mit allem, was ich sage, noch glaubwürdiger geworden“, sagt Leyk. Bei der großen Rettungsübung im Blauhöhlensystem am Sonntag war der 53-Jährige Einsatzleiter.

Szenario: Knie verletzt und drei Höhlenseen

Angenommenes Szenario in Blaubeuren: Eine Forscherin erleidet in der Höhle eine Fraktur am linken Knie. Die Unfallstelle liegt 500 Meter vom Einstiegsschacht entfernt. Keine riesige Strecke. Auf die 25 Höhlenretter und die 15 ortskundigen Mitglieder der Forschungsgruppe „Arge Blautopf“ warten andere Herausforderungen. Sie müssen die Verletzte zunächst vorsichtig durch eine Engstelle, den „Versturz 1“, bugsieren und sie dann über die drei Höhlenseen „Äonendom“, „Mittelschiff“ und „Mörikedom“ transportieren. Und sie zum Schluss durch einen senkrechten 18 Meter-Schacht ans Tageslicht ziehen. „Das ist keine Höhle wie jede andere“, warnt Leyk seine Leute bei der Einsatzbesprechung. Auch die Ausrüstung ist speziell. Drei aufblasbare Kanus werden mit in die Tiefe genommen.

Höhlenrettung unterscheidet sich grundlegend von anderen Arten der Notfallrettung. „Da kann man nicht sagen, jetzt kommt gleich der Hubschrauber“, erläutert Dr. Axel Mahler, langjähriger Arzt der Höhlenrettung. Das Wichtigste sei, den Patienten transportfähig zu machen. Mahler berichtet von einem Einsatz in der Falkensteiner Höhle bei Grabenstetten, bei dem die Retter mit dem Verletzten eine Unterwasserstrecke durch einen Siphon zu bewältigen hatten.

Zur Sicherheit mit Tauchern

Conny Straub, die in der Blautopfhöhle die Verletzte mimt, bleibt stets über Wasser. Die Retter legen sie mitsamt der Trage schon vor dem ersten See auf das Kanu und lassen es in einem kleinen Höhlenfluss abwärts gleiten. Nach der Überquerung des ersten Sees wird die Trage durch ein Felstor getragen und im „Mittelschiff“ auf das zweite Kanu gelegt, dasselbe wiederholt sich im „Mörikedom“. „Kein Patiententransport im See ohne Sicherungstaucher“, hatte Matthias Leyk als Regel ausgegeben. Immer sind genügend Helfer da, um das Boot festzuhalten.

Auf dem weiteren Weg nach draußen im Gang „Stairway to Heaven“ sieht das Drehbuch der Übung eine Unterbrechung vor. Um die schönen Tropfsteine und bizarren Kristalle nicht zu beschädigen, legen alle, auch die „Patientin“, eine Strecke im Gänsemarsch auf einem markierten Pfad zurück. Der Höhlenschutz müsse in dem insgesamt 13,7 Kilometer langen Blauhöhlensystem streng beachtet werden, sagt Andreas Kücha, der Projektleiter der „Arge Blautopf“. Die Gruppe forscht seit mehr als 20 Jahren unfallfrei in der Blautopfhöhle. „Es ist wichtig zu wissen, dass es Spezialisten gibt, die eine Person von jeder Stelle der Höhle nach draußen bringen können“, sagt Kücha zur Aktion der Höhlenrettung. Im Ernstfall brauche es aber noch mehr Personal.

Kontakt nach unten

Die Höhlenrettung Baden-Württemberg zählt 150 aktive Mitglieder. Jeder Retter hat seine persönliche Ausrüstung zu Hause. Depots mit Rettungsmitteln sind bei der Berufsfeuerwehr in Reutlingen und im Stützpunkt der Bergwacht Stuttgart in Schopfloch eingerichtet. Diese Organisationen können auch Transporte übernehmen. Das umfangreiche Material reicht vom medizinischen Equipment bis zum Höhlentelefon. Die Retter legten am Sonntag ein Kabel bis zum Mörikedom. Eine drahtlose Verbindung zum angenommenden Unfallort mit dem so genannten Cave-Link-System funktionierte bei einem Testdurchlauf am Samstag nicht, aber am Sonntag.

Um 15.40 Uhr erblickt die in die Trage geschnürte, lehmverschmierte Conny Straub nach fünfeinhalb Stunden wieder das Tageslicht. Fazit von Einsatzleiter Matthias Leyk: „Es lief alles einwandfrei.“ „Patientin“ Conny Straub: „Man fühlt sich da schon hilflos. Aber ich wurde gut betreut. Kompliment an das Team.“

Gesetzliche Grundlage für Rechnungen fehlt

Spender Die Dienste der Höhlenrettung sind im Landes-Rettungsdienstgesetz nicht erfasst. Wie Matthias Leyk, Zweiter Vorsitzender der Höhlenrettung Baden-Württemberg, berichtet, erlaubt sich seine Organisation dennoch, Rechnungen zu verschicken. Manche seien mit „hämischen Kommentaren“ versehen wieder zurückgesandt worden. „Wir haben aber auch Fälle, da zeigten sich die Leute sehr glücklich und sind zu regelmäßigen Spendern geworden“, erzählt Matthias Leyk.

Versicherung Für den Fall, dass etwas passiert und Hilfe von anderen Organisationen in Anspruch genommen werden muss, gab es für jeden Teilnehmer der Rettungsübung in der Blautopfhöhle eine Bergungskostenversicherung.

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