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Angela Merkel
Region / Petra Laible  Uhr
Junge Menschen haben angeblich überhaupt keine Lust auf Politik. Die Region tritt den Gegenbeweis an.

Junge Menschen haben angeblich überhaupt keine Lust auf Politik. Die Region tritt den Gegenbeweis an.

18 Jahre alt ist Julius Bernickel: Der Abiturient aus Ehingen tritt für den SPD-Kreisvorstand an. Mit 14 habe er Gemeinschaftskunde, vor allem das Thema Jugendgemeinderat, interessant gefunden, dass junge Leute etwas mitgestalten können. „Sonst sieht man ja nur im Fernsehen, was alte Leute entscheiden“. Bernickel entschied sich für die SPD. Sein Start bei den Jusos war einfach, aber im Ortsverein sei er das erste halbe Jahr nur dagesessen, mit lauter Älteren am Tisch. „Da fühlt man sich klein“. Doch durch Hinsehen und Zuhören habe er viel mitbekommen.  Genau jetzt, sagt GroKo-Gegner Bernickel, sei der richtige Moment, um sich dabei einzumischen, was Politiker „mit unserem Land machen wollen“. Statt „potentieller Langeweile“ gebe es Bewegung, Diskussionen. „Es geht um die Zukunft der Jungen.“ Allerdings: „Mein Lebensstil sieht anders aus als der von Gleichaltrigen“. Er habe keine Zeit, am Wochenende zu feiern. Entweder bereite er sich auf eine Parteiveranstaltung vor oder er sei unterwegs: Bernickel hat alle SPD-Ortsvereine abgeklappert – bis auf zwei.

Jung und wild? „Modern und konservativ“ findet der Ehinger Manuel Hagel eher zutreffend. 2004, vor der Bundestagswahl, hat sich der damals 15-Jährige alle Parteien angeschaut: Gerhard Schröder in Esslingen, Angela Merkel und Guido Westerwelle in Ulm, die Grünen bei ihrem Bundesparteitag in Ehingen. Aus „tiefer Überzeugung“ sei er danach Mitglied in der Jungen Union geworden. „Politik ist für mich im Grunde alles“, sagt Senkrechtstarter Hagel. Schon immer habe ihn beschäftigt, was um ihn herum passiert, sich in Vereinen eingesetzt.

„Politik? Eher nicht“, lautet der Tenor bei einer Umfrage in der Ulmer Innenstadt.

Als Nachwuchspolitiker sei er in der Ehinger CDU gut aufgenommen worden: „Die haben sich gefreut über junge Köpfe.“ Anders sei das mit dem Schritt ins Landesparlament 2016 gewesen: „Als Junger ist es da wie als Frau – man muss sich mehr beweisen“. Auch sein Dialekt brachte ihm Minuspunkte ein. Mit „jung und cool“ sei es nicht getan, meint Hagel. „Damit es keine Sternschnuppe bleibt, muss man einen guten Job machen.“ 14 bis 16 Stunden dauert sein Arbeitstag, von Verzicht will er nicht reden. „Ich habe Freude daran, darüber zu diskutieren, wie die Gesellschaft in 10, 15 Jahren aussieht.“ Er betreibe Politik aus der Mitte seines Alltag heraus: „Der Eintritt in eine Partei ist ja nicht so, als ob man in ein Kloster geht.“  Eine Politikverdrossenheit kann er nicht ausmachen, vielmehr eine „Politiker­überdrüssigkeit“. Da wäre eine Frischzellenkur nötig, findet er. „Klare Sprache, klare Kante“.

Fasziniert von Edmund Stoiber war Johann Deil als Jugendlicher. Womit für den 15-Jährigen klar war: er will in die CSU, Dinge anpacken, am besten gleich.  Sein Vater riet ihm, erst mal mit der Jungen Union zu beginnen, er wurde Mitglied. Es dauerte eine Weile, bis  er sich an Reden in großen Runden gewöhnt hatte. Mit 17 Jahren übernahm er den Ortsverband Weißenhorn. „Man macht seine Positionen durch“, sagt Deil, der mittlerweile dem Landesvorstand angehört. Und viel dazugelernt hat. Zum Beispiel, dass man trotz riesigem Idealismus  „zum Bohren dicker Bretter viel Zeit braucht“. Von Langeweile dennoch keine Spur: „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man etwas bewegen kann.“ Besonders jetzt, wo es darauf ankomme, welche Gabelung die Gesellschaft nehme. Politik sei sein Hobby, erklärt der Referendar. Für ihn passt seine Partei: „Eine Gemeinschaft, die etwas bewegen kann, geselliges Beisammensein“. Als Listenkandidat für den Landtag will er ein Zeichen setzen: „Es ist wichtig, dass frische Kräfte kommen.“

Parteien sind verstaubt – dass das Vorurteil nicht zutrifft, hat Ronja Kemmer festgestellt, als sie mit 19 Jahren nach dem Abi in die Junge Union eingetreten ist. Bei ihr zuhause sei viel über Politik diskutiert worden, „ich wollte mich auch einbringen“. In der Jugendorganisation sei es locker zugegangen, „eine Mischung aus Politik und freundschaftlicher, geselliger Ebene“. Zwei Jahre später trat sie in die CDU ein. Auch dort lief es, der Kreisverband habe junge Leute gefördert. Die Schwelle kam erst mit dem Mandat, erzählt sie. Mit 24 Jahren war sie die jüngste Bundestagsabgeordnete. Ihr Alter sei ihr zum Vorwurf gemacht worden, noch bevor sie einen Tag gearbeitet habe. „Zu jung“ sei gleichgesetzt worden mit „nicht geeignet“: „Das hat mich sehr geärgert“, sagt sie. Zumal sie als Frau ohnehin eine Schippe mehr drauf legen müsse. Aber: „Von solchen Momenten darf man sich nicht unterkriegen lassen“. Ronja Kemmer blieb am Ball: „Ich habe die erhöhte Aufmerksamkeit in der Fraktion auch als Chance wahrgenommen.“

Zur Person

Julius Bernickel 18 Jahre, SPD, Abiturient am Johann-Vanotti-Gymnasium Ehingen; Kreisvorsitzender der Jusos; bewirbt sich am 10. März als Kreisvorsitzender der SPD im Alb-Donau-Kreis.

Johann Deil, 27 Jahre, CSU, aus Weißenhorn, hat Mathe und Physik studiert und absolviert derzeit sein Referendariat; Vorsitzender des Neu-Ulmer Kreisverbands der Jungen Union Schwaben; gehört dem Landesvorstand der Jungen Union Bayern an; Listenkandidat für den bayerischen Landtag.

Manuel Hagel 29 Jahre, CDU, Bankfachwirt; Vorsitzender der CDU-Fraktion im Ehinger Gemeinderat; seit April 2016 Mitglied des Landtags als damals jüngster Abgeordneter, im Juni 2016 zum – jüngsten – Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg berufen.

Ronja Kemmer 28 Jahre, CDU, Wirtschaftswissenschaftlerin, Erbach; seit 2014 im Landesvorstand der Jungen Union, seit 2015 im Bezirksvorstand Württemberg-Hohenzollern; seit 2015 im Bundesvorstand der Frauen Union; seit Dezember 2014  – damals jüngste – Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 291 Ulm.