Langenau Jugendtheater geht neue Wege

Langenau / BARBARA HINZPETER 06.09.2018

Es beginnt wie im richtigen Leben. Der Bus hat Verspätung. Er steht im Stau. Die 15 Darsteller der internationalen Theatergruppe warten geduldig an der Haltestelle in der Karlstraße. Sie sind gespannt, wie sich die Dreharbeiten an diesem Samstag gestalten werden. „ÜberLand“ heißt das neue Stück der Gruppe, das im Oktober im Rahmen der Reihe „Blickwechsel“ der Initiative Zusammenrücken aufgeführt wird. Es handelt von Begegnungen auf einer Reise von Istanbul nach München – genauer gesagt, auf einer Busreise. Etliche Szenen dazu werden daher im Fahrzeug – unterwegs auf der Autobahn und an verschiedenen Stationen – gedreht und bei der Aufführung eingespielt.

Besondere Herausforderung

Eine besondere Herausforderung werden die Übergänge zwischen Film und Bühne sein, sagt Giovanni Pannico. Der aus Neapel stammende Filmemacher ist aus Berlin angereist, wo er seit acht Jahren lebt und arbeitet. Der Profi unterstützt die Langenauer Gruppe bei ihrem Projekt. Ermöglicht wird es auch vom örtlichen Busunternehmen Riedel, das Fahrzeug und Fahrer zur Verfügung stellt.

Mit Sonnenbrille, Strohhut und im Fußball-Trikot steigt Hannes Simonsig in den Bus ein. Der 20-Jährige war schon beim ersten Stück vor drei Jahren mit von der Partie. Diesmal mimt er einen Fußballfan, der gern einen Schluck aus der Pulle nimmt. Die Figuren, die sie spielen, und deren Charaktere bestimmen die Schauspieler selbst. Dabei seien sie nicht über Jahre hinweg auf eine bestimmte Rolle fixiert, betont Darstellerin Nadine Weiß-Heinemann. Die 16-jährige Laura Klauß etwa, die im letzten Stück als Youtuberin auftrat, will diesmal eine alte Frau spielen. „Ich möchte mich mal nicht bewegen wie eine Jugendliche, sondern mich in eine alte Frau hineinversetzen“, sagt sie.

Auch Farshid Abbasi ist im Stück älter als in der Realität. Der in Wirklichkeit 19 Jahre alte Afghane spielt den Vater einer 18-jährigen Tochter. In deren Rolle schlüpft Malin Oppotsch, die im richtigen Leben ein Jahr älter ist als Abbasi. Die Beiden sind bereits einmal als Vater und Tochter aufgetreten. Das habe so viel Spaß gemacht, dass sie sich erneut für diese Konstellation entschieden haben, sagt Abbasi, während sich seine „Tochter“ punkig stylt.

Das Stück habe sich im Lauf der Monate aus Improvisationen entwickelt, erläutert Nadine Weiß-Heinemann. Wie bei der Wahl der Rollen hätten die Darsteller dabei viel Freiraum. Jeder bringe seine Vorstellungen ein, und aus diesen Puzzlestücken entstehe ein Ganzes. Sie sei jedes Mal überrascht, was am Ende herauskommt. Das Thema sei auch diesmal dankbar und reizvoll. Einerseits geht es um das – unfreiwillige – Zusammentreffen ganz unterschiedlicher Menschen, sagt Wilmar Jakober, der die Theatergruppe leitet. Damit sich die Charaktere entwickeln und eine Story erzählt werden kann, müssen auf der Strecke zwischen Istanbul und München außerdem unvorhergesehene Ereignisse eintreten, erklärt Giovanni Pannico.

Diese unerwarteten Situationen sollten die Menschen dazu bringen, sich mit den Mitreisenden und mit ihren eigenen Einstellungen auseinanderzusetzen. Viel mehr verraten möchte der Filmemacher im Vorfeld nicht, die Geschichte soll spannend bleiben.

Spannend für die Darsteller sind vor allem die Filmaufnahmen, vom frühen Samstagnachmittag an bis spät in die Nacht. Das bedeute sehr intensive Arbeit, betont Jakober. Das stört die Gruppe nicht, im Gegenteil.

„Mir macht es einfach Spaß, Theater zu spielen“, sagt Weiß-Heinemann. Auch die einzelnen Akteure hätten sich im Laufe der Zusammenarbeit weiterentwickelt. Ebenso die Gruppe, zu der fünf Geflüchtete – aus Afghanistan, Gambia und Syrien – gehören. „Es fällt leichter zu improvisieren, wenn man sich schon kennt“, sagt Weiß-Heinemann. Und „es ist einfach cool, sich vom normalen Leben zu lösen und einmal eine komplett andere Rolle zu spielen“, bestätigt Hannes Simonsig.

Info Das Stück „ÜberLand“ wird am Samstag, 13. Oktober, um 20 Uhr im Pfleghofsaal aufgeführt.

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