Ulm/Weißenhorn Interview: Filmemacherin Lisa Miller über Atomtechnik und Verantwortung

CARSTEN MUTH 29.10.2014
Lisa Miller hat einen Film gedreht - über "Atomtechnik und verantwortungslose Politik". Die 28-Jährige will provozieren und zum Nachdenken anregen. Am Donnerstagabend feiert ihr Streifen in Weißenhorn Premiere.

Frau Miller, mit Ihrem neuen Film lehnen Sie sich weit aus dem Fenster.
LISA MILLER: Wieso? Weil ich einen Film über die Gefahren der Atomtechnik und das Kernkraftwerk Gundremmingen gemacht habe?

Nein, weil der Film den Untertitel "Die ganze Wahrheit" trägt.
(lacht) Diesen Titel habe ich absichtlich gewählt. Sobald man ihn liest, bricht er doch wieder in sich zusammen. Dieser Titel ist natürlich nicht ernst gemeint.

Er soll provozieren.
Ja. Ich habe den Anspruch, dass alles, was ich als Filmemacherin oder Künstlerin mache, provozieren soll. Dieser Film hat einen subjektiven Blick. Es geht darum, wie ich die Dinge sehe, nicht um die ganze Wahrheit. In jeder Einstellung soll erkennbar sein, dass ich die Kamera geführt habe.

Sie haben lange in London und Spanien gelebt. Warum jetzt ein Film über das Atomkraftwerk Gundremmingen?
Die Idee dazu entstand, nachdem es 2011 zum Gau im japanischen Fukushima gekommen war. Eine unvorstellbare Katastrophe. Das wiederum hat mich daran erinnert, was mir mein Vater als Stadtförster über die Folgen der Katastrophe in Tschernobyl in den 1980er Jahren erzählt hat, dass etwa die Wildschweine in unserer Region mitunter noch immer verstrahlt sind. Da war der gedankliche Sprung nach Gundremmingen nicht weit.

Weil es auch hier vor unserer Haustür zur atomaren Katastrophe kommen kann?
Wer will das ausschließen?

Es gibt Politiker und Experten, die nach wie vor sagen: Atomkraft in Deutschland ist sicher.
Genau das macht mich so wütend. Es gibt keine absolute Sicherheit. Die Anlagen in Fukushima und Gundremmingen nutzen das gleiche technische Prinzip: Siedewasserreaktoren. Mal abgesehen davon, dass in Gundremmingen Atommüll in einem Zwischenlager deponiert ist. Das ist verantwortungslose Politik nach dem Motto: Nach mir die Sintflut - sollen sich doch unsere Enkel mit dem strahlenden Müll herumschlagen.

Die große Politik ist umgeschwenkt - hin zur Energiewende. Alle Meiler sollen in den kommenden Jahren abgeschaltet werden.
Aber die Energiewende wird doch schon wieder torpediert. Von Bayern - wie man im Streit um die geplanten Stromtrassen sieht, die von Norden nach Süden führen sollen. Die CSU stellt sich plötzlich quer. Dabei propagiert sie doch gern den Slogan ,Bayern vorn. Dabei müsste es eher ,Bayern verhindert heißen.

Sie haben Ihren Film einen Heimatfilm genannt. Warum?
Einerseits wurde in Bayerisch-Schwaben, in Weißenhorn und Gundremmingen und anderen Orten im Landkreis Günzburg gedreht. Andererseits stellt der Film eine Dekonstruktion des klassischen Heimatfilms dar. Der Film ist eine Parodie auf den Heimatfilm.

Wie dürfen wir das verstehen?
Der klassische Heimatfilm ist doch Bergkitsch. Heutzutage gibt es auch Heimatfilme im Kino - mit wenig Tiefe und Charakteren, die sich lediglich dadurch auszeichnen, dass sie Dialekt sprechen. Mein Heimatfilm ist anders.

Wie denn?
Es ist ein Genremix aus experimentellem Film, Interviews, Fiktion. Es geht darum, was für Menschen und Umwelt auf dem Spiel steht, wenn es zu einem atomaren Unfall kommt. Die Bayern-Hymne dient als Soundtrack. Allerdings ist sie elektronisch verfremdet.

Experimenteller Film, Fiktion, verfremdete Bayern-Hymne. Keine Angst, die Zuschauer zu verwirren?
Nicht wirklich.

Was macht Sie so zuversichtlich?
Im vergangenen Jahr habe ich den Film in Ausschnitten während der Kulturnacht der Stadt Weißenhorn gezeigt. Die Reaktionen waren positiv. Da gab es etwa diesen älteren Herrn. Der hat hinterher gesagt: "Endlich bringt die Stadt mal was Gescheites."

Was bedeutet Heimat für Sie?
Es hat mit dem Gefühl zu tun, wie es sich anfühlt, wenn man nach Hause kommt.

Das klingt doch auch sehr klassisch.
Mag sein. Ich wehre mich gegen etwas anderes. Die CSU sagt: Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt. Für mich bedeutet Heimat nicht Ausgrenzung und Spaltung, sondern Toleranz und Vielfalt. In einer globalisierten Welt muss sich der Heimatbegriff anpassen.

Es dürfte Menschen geben, die mit Ihrer Heimatdefinition wenig anfangen können.
Das ist okay. Ich möchte mit meinem Film zum Nachdenken anregen. Ich habe kein Problem damit, wenn man meine Arbeit blöd findet.

Filmpremiere und Diskussion in der Schranne

Zur Person Lisa Miller, 28, ist im Weißenhorner Ortsteil Bubenhausen aufgewachsen. Nach dem Abitur am Nikolaus-Kopernikus-Gymnasium hat sie Film und Fotografie in Spanien, anschließend Kunst in London studiert. 2013 hat Lisa Miller im Auftrag der Stadtverwaltung einen Imagefilm über Weißenhorn gedreht, der auf Homepage der Stadt unter www.weissenhorn.de zu sehen ist. Die Filmemacherin lebt in Leipzig und ist dort als freischaffende Künstlerin tätig. Ihre Eltern wohnen nach wie vor in Bubenhausen.

Film und Debatte "Tschernobyl. Fukushima. Gundremmingen. Ein Heimat-Film. Die ganze Wahrheit." So lautet der Titel des 30-Minuten-Streifens von Lisa Miller, der am morgigen Donnerstag in der Weißenhorner Schranne erstmals in voller Länge gezeigt wird. Beginn ist um 19.30 Uhr. Anschließend besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Thema: "Kernkraftwerk Gundremmingen und die Energiewende." Zu Gast ist Raimund Kamm vom Forum "Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik."

SWP