Zukunftskonferenz Internet wichtiger als Bahnhof

Bürger aus der Region machten deutlich, was sie sich in Sachen Digitalisierung von den Gemeinden erwarten.
Bürger aus der Region machten deutlich, was sie sich in Sachen Digitalisierung von den Gemeinden erwarten. © Foto: Thomas Spanhel
Merklingen / Thomas Spanhel 01.10.2018

Gegenwärtig wird das Land durch Geld und Gesetze gesteuert, künftig wird das auch durch Daten geschehen“: Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, formuliert drastisch, wenn er die Revolution beschreibt, die mit der Digitalisierung des unseres Alltags vor sich geht. Die Herausforderung für Städte und Gemeinden sei groß, sich der neuen Technik anzunehmen, sagte der Moderator bei der Zukunftskonferenz Digitalisierung in der Gemeindehalle Merklingen am Freitagabend. Am besten sei, wenn die Verwaltung „auf der digitalen Welle mitsurft“.

Die digitale Revolution aktiv mitgestalten, das wollen jedenfalls die zwölf Gemeinden des Verbands Region Schwäbische Alb, sagte Laichingens Bürgermeister Klaus Kaufmann, der auch Vorsitzender des Verbands ist. Die zwölf Gemeinden möchten den gemeinsamen Einsatz für den künftigen Bahnhof Merklingen auch beim Thema Digitalisierung nutzen, denn die mache an Gemeindegrenzen nicht halt. „Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern wir wollen die Dinge effizienter gestalten“, sagte Berghülens Bürgermeister Bernd Mangold. Das biete die Möglichkeit, dass der ländliche  Raum auch künftig erfolgeich sei.

Habbel gab in seinem Einstiegsvortrag Beispiele, wohin die Reise geht. Aufgrund des neuen Bahnhofs werde die komplette Logistik der Unternehmen, der öffentliche Nachverkehr auf diesen neuen Verkehrsknotenpunkt abgestimmt werden müssen. Er berichtete vom Ziel der österreichischen Verwaltung, für Bürger alle bürokratischen Anträge soweit wie möglich abzuschaffen: Das Standesamt informiere bei einer Geburt dann beispielsweise automatisch das Einwohnermeldeamt. Habbel erwähnte Unternehmen, die Kameras für städtische Fahrzeuge entwickeln, um Schäden an Gemeindestraßen besser erfassen und reparieren zu können. Es werden „intelligente“ Mülleimer erarbeitet, die sich melden, wenn sie voll sind. Der Einsatz von Pflegekräften auf dem Land könnte effizienter gesteuert werden, wenn digitale Systeme die schnellsten Routen berechnen. „Entscheidend ist, vom Nutzer her zu denken: Der Mensch steht im Mittelpunkt“, sagte Habbel. Er gab der Region mit auf den Weg, sich am lokalen Bedarf zu orientieren und vorhandenes Wissen zu nutzen.

Ein wichtiger Teil der Zukunftskonferenz war das Gespräch mit Interessierten und Unternehmern aus der Region. Einhellig forderten alle ein schnelleres und beständigeres Internet, einen „Rechtsanspruch auf Glasfaser“. Ein Merklinger Unternehmer etwa berichtete von vier Wochen, an denen sein Unternehmen ganz vom Internet abgekoppelt war, ein Student davon, dass er in Merklingen Vorlesungen wegen des langsamen Netzes nicht ansehen kann.

Mobilität erhöhen

In der Arbeitsgruppe Wirtschaft formulierte der Westerheimer Unternehmer Thomas Meffle seine Hoffnung, mit Hilfe digitaler Netze und intelligenter Mitfahrdienste die Mobilität so zu vereinfachen, dass Auszubildende beispielsweise leichter vom Wohnort Merklingen in ihre Firma nach Westerheim kommen. Auf diese Weise und mit Hilfe des neuen Bahnhofs könnten sich die Betriebe ein größeres Reservoir an Facharbeitern erschließen. Wichtig sei, dass Schulen in der Region stärker ihren Fokus auf digitale Ausbildung legen. Kombiniert mit kostengünstigen Mieträumen für Jungunternehmer könnten sich Start-Ups gründen, meinte ein Auszubildender: „Ideen entstehen durch Experimentieren.“ In der Arbeitsgruppe Infrastruktur wurde beispielsweise angeregt, ein intelligentes Parkplatz-Management aufzubauen oder drahtloses Internet in den Ortskernen zu ermöglichen.

In einer mit Unternehmern, IHK-Vertreter und Bürgermeister hochkarätig besetzten Schlussrunde berichtete unter anderem Jonas Pürckhauer von der IHK-Geschäftsleitung von den Investitionen in die „Lernfabrik 4.0“ an der gewerblichen Schule in Ehingen. Berufsbilder würden sich ebenfalls weiter entwickeln in Richtung Digitalisierung. Die Kosten seien aber enorm bei neuen Maschinen, etwa bei 3-D-Druckern: „Da muss man sich langsam herantasten“.

Probleme und Gefahren, die mit der Digitalisierung einhergehen, wurden auf der Konferenz nur gestreift – etwa Folgen für die Ortskerne aufgrund des Online-Handels. Vielleicht auch deshalb, weil unter den nur relativ wenig Interessierten aus der Bürgerschaft kaum Frauen mitdiskutierten. Habbel freute sich aber, dass „Optimisten“ in der Region den Ton angeben beim Thema Digitalisierung. Die während der Konferenz zusammen getragenen Wünsche und Ziele sollen nun in die Strategie zur Digitalisierung einfließen, die sich der Gemeindeverband erarbeitet.

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