Lieber eine Wiese statt einen Rasen anlegen, auf dem  Balkon Wildblumen anstelle von Geranien blühen lassen und beim Pflanzen von Sträuchern heimische Arten verwenden: Einige Tipps von  Prof. Dr. Johannes Steudle von der Uni Hohenheim gegen das Insektensterben. Der Wissenschaftler sprach auf Einladung der BUND-Gruppen Berghülen, Blaubeuren, Blaustein und Laichingen in der Blaubeurer Stadthalle.

Zu Beginn stellte Steudle die „Krefelder Studie“ vor. Dabei wurden von 1989 bis 2016 Insektenpopulationen erfasst.  Die Insekten wurden in Fallen gesammelt, bestimmt und gewogen. Dabei wurde ein drastischer Rückgang der Biomasse von 70 bis 80 Prozent festgestellt, 45 Prozent aller Arten sind in ihrem Bestand rückläufig. „Man kann nicht sagen, ist doch egal, ob es jetzt dieses Insekt gibt oder nicht, denn die Ökosysteme greifen alle ineinander“, sagte Steudle. So geht zum Beispiel mit der Abnahme der Insekten auch die Zahl der Vögel zurück. Diese leben von Insekten und von Früchten – die ja von der Bestäubung abhängen.

Als Ursachen für das Insektensterben zählte er Windkraft, Mobilfunknutzung, Lichtverschmutzung, Flächenverbrauch, Landwirtschaft auf. In Zukunft werde auch der Klimawandel eine Rolle spielen. Die Lichtverschmutzung stört den Biorhythmus der Tiere, hat einen negativen Einfluss auf die Orientierung, blendet die Lichtrezeptoren und verhindert das Erkennen von Feinden, aber auch von Paarungspartnern.

Als Hauptverursacher sieht Steudle die Landwirtschaft. Düngung, Mast, Pestizide und Strukturwandel bezeichnete er als „das tödliche Quartett“. Insekten seien extrem heikel, ernährten sich von ganz bestimmten Pflanzen und bräuchten spezifische Pflanzen zur Eiablage. Zum Beispiel sind 24 Arten auf den Rainfarn spezialisiert. Durch das häufige Mähen könnten sich auf dem Grünland nur mehr Butterblumen und Gräser durchsetzten. Die Mahd töte Insekten auch direkt, so ist beim Gemeinen Grashüpfer ein Rückgang von 60 bis 80 Prozent zu verzeichnen. Große Felder, Monokulturen, keine Feldraine, keine Hecken, keine Feuchtwiesen – den Insekten fehlt der Lebensraum. Der großzügige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie den hochgiftigen  Neonicotinoiden oder Glyphosat tue ein Übriges. Wobei Steudle auch Verständnis für die Landwirte zeigte: „Die hängen vom Weltmarkt ab und die durchschnittliche Einkommen eines Landwirts liegt bei 2370 Euro, wahrlich nicht viel.“

In die Pflicht nahm Steudle auch die Politik, die nur langsam etwas unternimmt, und Verbraucher, die mit hohem Fleischkonsum und dem Kauf von Billiglebensmitteln ihren Teil beitragen. „Das liegt dann ein Steak für einen Euro auf einem Grill für 1000 Euro“, sagte er. Auf 60 Prozent der Agrarflächen werde Tierfutter angebaut, und trotzdem müsse noch Soja importiert werden.

Um innerhalb von Siedlungen etwas für Insekten zu tun, empfahl Steudle für Gemeinden und Privatleute, einheimische Bäume und Sträucher zu pflanzen und  Blühsteifen anzulegen. Im Garten solle Unordnung zugelassen werden. Steudle setzt sich vor allem für die Wildbienen ein, nicht für die Honigbienen. „Das sind Nutztiere und nicht auf irgendeine Pflanze spezialisiert, sondern nehmen alles“, sagte er.

Hanns Roggenkamp verteidigt die Landwirtschaft


Produktion In der anschließenden Diskussion führte vor allem der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Ulm-Ehingen, Hanns Roggenkamp aus Weilersteußlingen, das Wort. Er verteidigte die Landwirte. „Wir stehen in Konkurrenz zu Ländern wie Brasilien, Russland und USA, wo ganz anders produziert wird“, sagte er. Und der Verbraucher sei nicht bereit, viel Geld für Lebensmittel auszugeben. Im Übrigen gebe es in Baden-Württemberg relativ kleinflächige Landwirtschaft. Die Verschmutzung der Flüsse sei mehr dem Verbraucher zuzuschreiben als der Landwirtschaft. So trage die Antibabypille einen großen Anteil an der Hormonbelastung. Und das nachweisbare Abbauprodukt des in Unkrautbekämpfungsmitteln enthaltende Glyphosat sei das gleiche wie das von Reinigungsmitteln.