Freizeit In Stetten siegt die Gerechtigkeit à la Mittelalter

Der Streit um die Reliquie aus dem Heiligen Land lässt sich diesmal nur im Zweikampf beilegen.
Der Streit um die Reliquie aus dem Heiligen Land lässt sich diesmal nur im Zweikampf beilegen. © Foto: Franz Glogger
Stetten / Franz Glogger 29.07.2018
Die Württembergischen Ritter und mit ihnen viele Schausteller haben auch in diesem Jahr tausenden Besuchern Einblicke in weit zurückliegende Zeiten gegeben.

Man hätte es sich denken und zu Herrn Sigmund von Ottenburg sagen können. „Selber schuld!“ Denn, wenn Kunerich von der Güssenburg, der unehrenhafteste Geselle und schlimmste Raubritter der Gegend, jemanden einlädt, sich unter seinem Dach auszuruhen, dann führt er etwas im Schilde. Und so bedarf es nur eines Moments der Unachtsamkeit, und schon ist dem Ottenburg die wertvolle Fracht – eine heilige Reliquie – entwendet. Gegen die kampferprobten Vasallen des Raubritters anzugehen, kann sich der Ottenburg mit seinem vom Kreuzzug müden Gefolge nicht erlauben. Nachdem er auch die vom Kunerich geforderten 200 Golddukaten nicht aufbringen kann, bleibt dem Ottenburg nichts anderes übrig, als den Unhold zu einem Turnier herauszufordern.

Dieses ist der Höhepunkt eines Ritterlebens – ebenso beim alljährlichen mittelalterlichen Wochenende der „Württemberger Ritter“ im Niederstotzinger Teilort Stetten. Einige tausend Besucher hatten am Wochenende Spaß beim Messen der Recken am Boden und zu Pferde. Packend, wenn zum Beispiel die Reiter mit der Axt im Galopp einen Apfel in der Mitte spalten, mit der Lanze in die Luft geworfene Feuerringe aufspießen oder den feurigen „Roland“ in Drehung versetzen, ohne von diesem aus dem Sattel geworfen zu werden.

Höhepunkt ist natürlich der Kampf Mann gegen Mann – mit der Lanze. Sie ist zur Sicherheit so beschaffen, dass sie beim Aufprall auf den Körper spektakulär in tausend Stücke zerbricht.

Während die Szenen selbst einer Regie folgen, bestimmt das Ende des Kampfs das Geschick der Kämpen. Zumindest in Stetten siegt die Gerechtigkeit, beziehungsweise siegen Sigmund von Ottenburg und seine Mitstreiter. Wie zu erwarten, will der schlimme Kunerich die Niederlage nicht akzeptieren und gibt erst Ruhe, als er vom Turniermeister mit einem scheppernden Schlag auf den Helm niedergestreckt wird.

Der Edle von Ottenburg kann sodann seinen Weg ins Kloster Herbrechtingen fortsetzen. 350 Ritter, Knappen, Mönche, Barden, Gaukler, Freifrauen, Zofen, Weberinnen – die Gewandeten – hatten auf dem Rittergut Quartier bezogen. Sie kommen von Bern bis aus Dachau, von Regensburg und aus dem Allgäu. Manche haben Zelte, Tische und sonstiges Zubehör mitgebracht, die der Hälfte von Artus´ Tafelrunde Platz geboten hätte.

Eher bescheiden

Eher bescheiden mögen es Peter (26) und Sandra (25), die als Johanniter und gemeine Maid dem losen Zusammenschluss des „Deutschen Ordens“ angehören. Die Ulmer Geschwister waren vor sechs Jahren über Freunde „mit dem Mittelalter in Kontakt gekommen“. In Leihgewändern waren sie bei einem ersten Treffen, danach waren sie angesteckt. Das unkomplizierte Miteinander hat sie so gepackt, dass sie zwei bis viermal im Jahr an Märkten teilnehmen. „Eh man sich versieht, ist man reingeschlittert“, sagt Sandra. Unterm Jahr trifft man sich „zivil“ oder auch historisch gewandet, etwa zu einem Rittermahl oder Ausflug.

Was ist geboten?

Das dreitägige Programm lässt bei den mehreren tausend Besuchern keine Wünsche offen. Man kann bei alter Handwerkskunst wie Scherenschleifen, Bronzegießen, Weben und Spinnen den Akteuren über die Schulter schauen, sich beim Bogenschießen beweisen. Beeindruckend die Flugshows von Falknerin Vanessa Müller, vor allem, wenn Besucher eingeladen sind, „Landeplatz“ für Weißkopfseeadler, Wüstenbussard und Uhu zu spielen.

Eher für Hartgesottene ist ein öffentliches Bad in den großen Zubern der „Salzbaderei“. Ein wohltuender Spaß, denn die beiden Holzbehälter sind fast immer belegt. Ritter Andreas le Haziel von Flandern respektive Vorsitzender Andreas Windmüller ist mit dem Wochenende sehr zufrieden. „Über den Tag war das Fest wegen dem schönen Wetter sicher etwas weniger besucht. Aber bei den Turnieren waren die Ränge immer voll besetzt.“

Als Veranstalter geschätzt

Gründung Die Württemberger Ritterschaft besteht seit September 1992 als eingetragener Verein und umfasst mittlerweile mehr als 250 aktive und passive Mitglieder. Die Darstellungszeit bezieht sich auf das Jahr 1300. Der Verein hat seinen Sitz in Niederstotzingen, auf dem „Rittergut“ in Stetten ob Lontal.

Veranstalter „Unsere Gemeinschaft erweist sich nunmehr seit über 25 Jahren als verlässlicher und stets gern gesehener Vertragspartner auf unzähligen historischen Veranstaltungen“, schreiben die Ritter auf ihrer Homepage. Die nächste Veranstaltung: beim Reitverein Einöd im Saarland mit Turnier und Lager am 22. und 23. September.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel