Seit Donnerstag heißt Dietenheim wieder Ranzenburg. Die Narren regieren die Stadt, Amtspersonen haben nichts mehr zu melden und die Kinder erst mal schulfrei. Unter dem Narrenbaum auf dem Marktplatz drängten sich am Abend fröhliche Mäschkerle, als Elferrat-Moderator Max Semler die Ranzenburger Hexen über eine Leiter ins Rathaus-Innere schickte, um den Bürgermeister nach draußen zu holen. Der leistete erstaunlich wenig Widerstand. Fast hatte es den Anschein, der Schultes sei froh, sich der Rathausgeschäfte entledigen zu können, um endlich Fasnet zu feiern. Sein Häs als Haldagole hatte der fasnetsbegeisterte Rathaus-Chef jedenfalls schon übergezogen.

Freilich - ein paar gereimte Worte zum vergangenen Amtsjahr wollte der Entmachtete schon noch loswerden. Dass der Narrenbaum erstmals auf dem Marktplatz steht, freut ihn besonders - wenn er denn am neuen Platz Wind und Wetter trotzt und nicht, wie schon einmal, kippt. Und dann erzählte Eh noch eine "ganz saublede Gschicht". Sein klitzekleiner Bauchansatz hat ihm die Schose eingebrockt, wie er die staunende Menschenmenge wissen ließ. "An der Fastnacht, jeder kanns seha, do wächst mei Ranza in ungeahnte Höha", weshalb man den Schultes in der Mittagspause oft am neuen Illerdamm entlangjoggen sieht. Doch im April 2013 nahm seine Runde ein jähes Ende. "Und weil I jetzt wohl bin a wichtiger Ma, begleitet mi a Hubschrauber überall na." Oben kreiste ein grüner Hubschrauber, unten stellten ihn zwei bewaffnete Polizeibeamte in Sicherheitswesten: "I be fei dr Dietahoimr Schultes", wagte selbiger hervorzubringen, was die Gesetzeshüter wenig beeindruckte. Auf der Suche nach einem Verbrecher ließen die Uniformierten Eh erst nach einer Gegenüberstellung weiter Kalorien abbauen Apropos: In Regglisweiler wird die Turnhalle gerichtet, egal "ob Zuschuss vom Land oder au net, damit die Ranzaweiler ed werrat fett."

Nach einem Appell an die Versammelten, im Mai ja auch zur Gmoidratswahl zu gehen, händigte der Schultes seinem Nachfolger den Rathaus-Schlüssel aus. Prinz Fabian I., der mit seiner liebreizenden Durchlaucht, Prinzessin Sonja I, seinem Volk huldigte, tat den auch gleich die Regierungspläne kund. Als Erstes werde er veranlassen, dass die "Ortsteilperle" Ranzenweiler mittels 30 Windrädern zum Energielieferanten für die Handwerker- und Industriestadt Ranzenburg wird. Dem Fachkräftemangel im Pfarrhaus werde er dadurch begegnen, indem er den frei gesetzten Limburger Bischof herholt. "Schwerpunktartig wird der neue Kollege für Bauangelegenheiten eingesetzt". Sichtlich stolz und unter tosendem Applaus verkündete der neue Regent seinen größten Coup: Landesvater Winfried Kretschmann wird am politischen Aschermittwoch den BUND Dietenheim mit dem großen Umweltorden auszeichnen. Zum Festmahl werden "Froschschenkel mit grüner Soße serviert".

Begonnen hatte der Abend mit dem traditionellen Fasnetsausgraben. Die mit Pickeln und Schaufeln bewaffneten Faschingssucher führten den Umzug mit Maskengruppen, Narrenzunft und vielen Kindergartenkindern an. Das Ende markierte die Vorstellung der acht Ranzenburger Maskengruppen samt traditioneller Pyramide. Wem es zu späterer Stunde auf dem Marktplatz zu frisch wurde, der zog weiter in die warme Gießenbar und die vielen geöffneten Lokale.

Schon am Vormittag hatte die große Ranzenburger Narrenschar die Schüler in die Fasnetsferien befreit. Die Hexen hatten in der Grundschule leichtes Spiel, Rektorin Heidi Kleck ausfindig zu machen und gefesselt abzuführen: Die Kinder hatten sie "verpetzt", wie es die Schulleiterin später in der Narrhalla selbst formulierte, ehe sie den Schulhausschlüssel herausrückte. Jubelnd verließen die Grundschüler die von Narren, Hexen, Goischdr, Wasafraza und Griasmolle gestürmten Klassenzimmer und zogen von ihnen geleitet in die benachbarte Narrhalla. Binnen weniger Minuten waren in der Schule die Lichter aus.

"Die Lehrer dürfen sich nun plagen mit Mathe, Deutsch und Gedichte vortragen. Wir vertreiben uns die Zeit mit feiern und tanzen. Bis Aschermittwoch brauchen wir weder Bücher noch Hefte und auch keine Ranzen", reimte das Kinderprinzenpaar Elena I und Manuel II. "Aus den Klassenarbeiten machen wir Konfettiregen, die Lehrer können es dann wieder zusammenfegen." Nach Tänzen der Kindergarde, der Tanz-AG der Schule und des Kinderprinzenpaars samt Hofstaat marschierten die Narren weiter zur Gemeinschaftsschule, um auch dort die Herrschaft zu übernehmen. Hatte Narrenzunft-Präsident Uwe Bimek nach dem Sturm der Grundschule noch eine makellose Krawatte, war sie wenig später ein ordentliches Stück kürzer.

Willig ließ sich im Schulhaus Franz Högenauer mit dem blauen Seil umschlingen, zum letzten Mal in seiner Amtszeit als Schulleiter. "Fröhlich sein und ausgelassen sein ohne anderen weh zu tun" und - an die älteren Schüler gewandt - "ohne sich zu zu knallen", gab der entmachtete Rektor seine Erfahrung aus 43 Berufsjahren als Lehrer der im Musiksaal versammelten Schülerschaft mit auf den Weg in die närrischen Tage, ehe eine Polonaise durch das Schulhaus zog.