Landgericht Ulm 22-Jähriger soll in Regionalbahn Frauen bedrängt und bedroht haben

In der Regionalbahn zwischen Geislingen und Amstetten kam es im Februar zu zwei Vorfällen sexueller Belästigung. Der Angeklagte muss sich jetzt vor dem Landgericht Ulm verantworten.

Amrei Oellermann
Weil er vor zwei Jahren zwei junge Pendlerinnen im Zug sexuell belästigt haben soll, muss sich ein 22-Jähriger vor dem Landgericht Ulm verantworten.

Sexuelle Belästigung in Regionalbahn: Frauen vertreiben Täter

Es ist der Alptraum jeder Frau: Im ansonsten leeren Waggon einer Regionalbahn wurden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Februar 2017 eine 23 und eine 25 Jahre alte Frau von einem jungen Mann sexuell belästigt, bedrängt und bedroht. Beide Frauen konnten den Täter schreiend und um sich schlagend vertreiben. Sie blieben körperlich unverletzt. Was bleibt, sind die psychischen Folgen der Tat.

Ein Mann hat am Mittwochabend eine 23-Jährige im Zug zwischen Geislingen und Amstetten sexuell belästigt. Er bedrohte sie sogar mit einem Messer. Es ist der zweite Fall innerhalb von zwei Tagen.

Angeklagter soll Frauen unter das Kleid gefasst haben

Im vergangenen Sommer erhob die Staatsanwaltschaft Ulm Anklage, seit Dienstag wird vor dem Landgericht Ulm verhandelt. Angeklagt ist ein heute 22-jähriger Mann. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, sich an einem Abend kurz vor 21 Uhr einer damals 25-jährigen Frau in einer Regionalbahn zwischen Geislingen und Amstetten mit geöffneter Hose genähert zu haben. Er soll versucht haben, sie gegen ihren Willen zu küssen, zudem habe er ihr unter das Kleid und in den Intimbereich gefasst. Aufgrund von Gegenwehr und lauten Hilferufen soll er schließlich geflohen sein.

Angeklagter soll 23-Jährige zu Oralverkehr aufgefordert haben

Am nächsten Abend war der Mann laut Anklage erneut in einer Regionalbahn unterwegs. Abermals zwischen Geislingen und Amstetten habe er dieses Mal eine 23-Jährige mit geöffneter Hose bedrängt. Er soll versucht haben, sie zu küssen und ihr unter die Jacke zu fassen; er habe sie aufgefordert, an ihm Oralverkehr durchzuführen. Als sich sein ­Opfer wehrte und zu schreien begann, soll der Angeklagte ihr ein Messer an den Hals gehalten und sie bedroht haben: „Halt die Klappe oder ich bringe dich um“, soll er dabei in englischer Sprache gerufen haben. Schließlich sei der Täter mit dem Geldbeutel der jungen Frau geflüchtet.

Eine junge Frau ist am Dienstagabend gegen 21 Uhr im Zug zwischen Geislingen und Amstetten von einem Fremden sexuell belästigt worden. Die Kriminalpolizei sucht jetzt nach Zeugen

Oberstaatsanwalt erhebt Anklage wegen schwerer sexueller Nötigung

Oberstaatsanwalt Michael ­Bischofberger erhob auf Grundlage der Geschehnisse Anklage wegen sexueller Nötigung und schwerer sexueller Nötigung in Tateinheit mit schwerem Raub.

In der Verhandlung am Dienstag nahmen vor allem die Aussagen der Opfer breiten Raum ein. Beide Geschädigten schilderten ihre Erlebnisse – und die Folgen, unter denen sie zum Teil bis heute leiden. Sie sei zuvor nie ängstlich gewesen, erklärte die junge Frau, die am ersten Abend angegriffen worden war. Nach der Tat sei sie zunächst sehr ungern Zug gefahren, habe unter Schlafstörungen gelitten, sei abends nur mit mulmigem Gefühl nach draußen gegangen: „Ich stand unter Schock.“ Bis heute achte sie bei Zugfahrten darauf, nicht alleine im Abteil zu sein.

Alte Wunden aufgerissen: Opfer leidet unter Angststörungen

Noch schwerer traf die Tat das zweite Opfer, das als Nebenklägerin auftritt. Wie sie in ihrer Aussage darlegte, sei sie schon im Kindesalter Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden – durch einen nahen Angehörigen. Seither leide sie an Angststörungen. Die Tat im Zug habe die alten Wunden aufgerissen. „Die Bilder von damals kamen wieder hoch“, sagte die junge Frau mit stockender Stimme. Seit dem Übergriff in der Regionalbahn müsse sie Antipsychotika nehmen; mehrere Wochen lang war sie stationär in psychiatrischer Behandlung. „Ich wollte nicht mehr essen, ich wollte nicht mehr leben“, sagte sie. Bis heute traue sie sich abends nicht alleine vor die Türe.

Die Verhandlung wird am Montag, 27. Mai, fortgesetzt.

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Frage der Schuldfähigkeit ist zu klären

Erkrankung Der Bruder und der ehemalige Mitbewohner erzählten vor Gericht von Anfällen des Angeklagten. Zeitweise werde dieser unhöflich und grob. Er spreche mit veränderter Stimme, nehme seine Umgebung nur eingeschränkt wahr. Der Angeklagte selbst sprach von „Geistern“, die ihn während dieser fünf- bis zehnminütigen Phasen beherrschten. Im weiteren Prozessverlauf dürfte daher eine Rolle spielen, inwieweit der Angeklagte schuldfähig ist. Derzeit ist er in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht. Durch die Medikamente, die er bekomme, seien die „Geister“ verschwunden, sagte er.