Technik Hüttisheimer entwickelt digitales Klassenzimmer

Lukas Gerthofer demonstriert das „digitale Klassenzimmer“. Auch das baden-württembergische Innenministerium interessiert sich für die Entwicklung des jungen Hüttisheimers.
Lukas Gerthofer demonstriert das „digitale Klassenzimmer“. Auch das baden-württembergische Innenministerium interessiert sich für die Entwicklung des jungen Hüttisheimers. © Foto: Franz Glogger
Hüttisheim / Franz Glogger 04.11.2017
Der Informatikstudent Lukas Gerthofer hat einen digitalen Arbeitsplatz für Lehrer entwickelt. Das Ziel: Alles soll allen Schülern gleichzeitig zur Verfügung stehen.

Lukas Gerthofer lehnt, das Smartphone in der Hand, am Lehrerpult. Er drückt Buttons, wischt übers Display, öffnet Internetseiten. Der junge Mann könnte ein Schüler sein, mit seinen 21 Jahren aber fast auch schon Referendar. Auf jeden Fall nutzt er sein Smartphone nicht zum Zocken, sondern für eine andere Spielerei. Eine ernst gemeinte Spielerei, die den Unterricht verändern könnte.

Was Gerthofer auf seinem Display bewegt, ist gleichzeitig auf der großen Tafel hinter ihm zu sehen, zum Beispiel eine Internetseite. Auch ein analoger Aufschrieb, unter die auf dem Tisch stehende Dokumentenkamera geschoben, erscheint auf der Tafel. Dank eines speziellen Programms können auch Gegenstände, zum Beispiel das Modell eines Organs, dreidimensional dargestellt werden. „Ich hätte mir so etwas als Schüler gewünscht“, sagt Lukas Gerthofer. „Dass etwa ein Herz im Biologieunterricht zeitgleich von allen betrachtetet werden kann, und nicht nur von denen, die ganz vorne sitzen.“

Lukas Gerthofer kommt aus Hüttisheim, studiert in Stuttgart Wirtschaftsinformatik und hat ein „digitales Klassenzimmer“ entwickelt. Genauer gesagt einen digitalen Lehrer-Arbeitsplatz. Dieser besteht aus dem „Visio Tisch“, einem äußerlich unscheinbaren Pult, in dem die ganze Hintergrundtechnik wie etwa ein Wlan-Adapter steckt. Hinzu kommen Dokumentenkamera, ein Beamer und die Tafel. Zum „Klassenzimmer“ wird das Ganze, wenn sich die Schüler per Wlan einklinken. Das funktioniert mit Smartphone, Tablet, Laptop, Notebook – das Betriebssystem ist egal. Was der Lehrer auf die Tafel schreibt, können die Schüler mit nach Hause nehmen, ebenso Unterrichtsmaterial, Haus- und Gruppenarbeiten der anderen. „Alles steht allen zugleich zur Verfügung, zeitraubendes und womöglich fehlerhaftes Notieren entfällt“, sagt Gerthofer. „Es geht nichts verloren. Was sonst am Ende der Stunde von der Tafel gewischt wird, ist für immer weg.“

Das „digitale Klassenzimmer“ ist auch das Ergebnis eigener Schul-Erfahrungen. Gerthofer erinnert sich an eine Dokumentenkamera, die so klobig war, dass der davor sitzende Schüler kaum vorbeischauen konnte. Noch schlimmer ein Tageslichtprojektor an der Dualen Hochschule Stuttgart, die den Studenten die Sicht komplett versperrte. „Da muss es doch etwas anderes geben“, dachte sich Gerthofer.

Zunächst konzentrierte er sich darauf, die Schultafel zu ersetzen und die Geräte zu verkleinern. Auf neue Ideen brachten ihn zwei Lehrer aus dem Schwarzwald, Dieter Molitor und Christian Weismann. Sie hatten ein Medien­pult entwickelt – besagten Visio Tisch. Lukas Gerthofer – als Sohn eines IT-Unternehmers ohnehin vorbelastet – brachte sein Wissen ein, passte die Technik die Wünsche der Pädagogen an.

Inzwischen hat der Student auch eine eigene Firma gegründet, „Schul Tech“. Wichtigstes Prinzip sei die einfache Handhabung einer an sich komplexen Technik, sagt er. Jeder Lehrer solle die Komponenten nach seinen eigenen Vorstellungen nutzen können. Zum Beispiel nur die Dokumentenkamera als Ersatz für den Projektor bis zum Tablet-Unterricht für die ganze Klasse. Gerthofer hat auch Verständnis für den „Oldschool“-Lehrer: „Wer an einer grünen Tafel hängt: der Beamer sorgt für grünes Licht.“

Gerthofer sieht seine Entwicklung nicht nur unter den Aspekten Arbeitserleichterung und Zeitgewinn. An der Digitalisierung führe kein Weg vorbei, sagt er. Mit dem entsprechenden Unterricht lernten Kinder von klein auf, was die Technik alles ermöglicht: gestalten, kreieren, auch Geld verdienen – und eben „nicht bloß zu konsumieren“. Die Technik erleichtere auch, auf die zweifellos mit ihr verbundenen Gefahren hinzuweisen. Gerthofer: „Ein Lehrer, der mit der Technik sinnvolle Dinge macht, ist doch viel glaubwürdiger als einer, der nur warnt.“ Aus diesem Grund sollten auch bereits Grundschüler damit vertraut gemacht werden. Schließlich sei es Aufgabe der Schule, die Kinder zu „einem mündigen Nutzer“ zu erziehen.

7500 Euro, sagt Gerthofer, koste das „digitale Klassenzimmer“, einschließlich der Anbindung ans Schulnetzwerk. Etliche Schulen haben sich schon dafür entschieden, zum Beispiel die Friedrich-Adler-Realschule in Laup­heim. Dort hält Lukas Gerthofer in der nächsten Woche Vorträge vor Lehrern aus der Region. Einige dürften sich an ihren ehemaligen Schüler erinnern. Außerdem kommt im Auftrag des Innenministeriums, zuständig für Digitalisierung, ein Filmteam vorbei. Dessen Auftrag: Das zeitgemäße Klassenzimmer dokumentieren.

Stiftung: Milliarden für Schulen notwendig

Studie „Der Geist ist willig, das Wlan ist schwach.“ So hat die Bertelsmann-Stiftung eine neue Studie über die IT-Ausstattung von Schulen überschrieben. Darin heißt es: „Lehrer und Schulleiter begrüßen zwar grundsätzlich die neuen Technologien – für ihren pädagogisch sinnvollen Einsatz fehlt es jedoch noch immer an Konzepten, Weiterbildung und Infrastruktur.“ Demnach nutzen
15 Prozent der Lehrer digitale Lernformen „vielseitig“, 37 Prozent „ab und zu“, 48 Prozent „wenig“. Um die Schulen mit digitaler Infrastruktur auszustatten, seien jährlich Milliarden-Investitionen erforderlich: pro Grundschüler 261 Euro, 402 Euro pro Schüler in weiterführenden Schulen.

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