Nach einem kilometerlangen Tauchgang plötzlich auftauchen in einem Höhlensee und Luft einatmen, die noch nie zuvor ein Mensch geatmet hat. Das hat Jochen Hasenmayer am 4. November 1985 im „Mörikedom“ und das haben Oliver Schöll und Max Fahr am Freitag vor einer Woche im „Traumsee“ erlebt. „Das war ein ganz besonderer Moment, für so etwas leben wir“, sagte Oliver Schöll bei den beiden Vorträgen der „Arge Blautopf“. Während der Veranstaltungen zugunsten der Aktion 100 000 der SÜDWEST PRESSE hörten rund 1600 Besucher im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm und in der Stadthalle in Blaubeuren die spannenden Berichte der Forscher und sahen phantastische Foto- und Filmaufnahmen aus der Blauhöhle.

Bei der Tauchfahrt vom Blautopf aus bis zum 2146 Meter entfernten „Traumsee“ läuft die Helmkamera. Sie filmt die markanten Stellen der Unterwasserhöhle, die bis zu 45 Meter Wassertiefe erreicht: Die erste Engstelle, die „Düse“, den „Zwillingsgang“, die „Kolkschwelle“, den „Bunker“, die „Donauhalle“ und das „Krokodil“. Dann nach 1250 Metern der „Mörikedom“. Nach den weiteren Seen „Mittelschiff“ und „Äonendom“ setzt sich die Unterwasserstrecke fort und verzweigt sich. Links ab kommen die Taucher in den „Schwarzen Kamin“ mit seinen dunklen Wänden und Unterwassertropfsteinen.

Leine verbindet nach draußen

„Eine sehr bedrückende Atmosphäre“, berichtet Max Fahr. Zudem wirbeln die Höhlentaucher Sedimente auf. Kaum Sicht. Sie ziehen eine Leine. „Unser Faden nach draußen“, erläutert Fahr. Die Zuschauer sehen, wie Fahr und Schöll schließlich die Köpfe aus dem Wasser strecken. Und hinterm „Traumsee“ geht’s weiter. Schöll berichtet von einem schwarzen Tunnel. „Es geht ins Unendliche.“

Höhlenforschung ist Teamarbeit. Immer wieder drangen in den vergangenen Jahren Taucher der „Arge Blautopf“ tiefer in die Unterwasserwelt, nahmen Vermessungen vor und zogen die Sicherungsleine weiter. „Eine leere Leinen-Spule ist der Pokal des Höhlentauchers“, sagte Herbert Jantschke, der aus den Daten der Kameraden Höhlenpläne zeichnet.

Jantschke und Arge-Projektleiter Andreas Kücha berichteten aus Teilen der Blauhöhle, die ohne Tauchausrüstung zu erreichen sind – über einen von der Stadt Blaubeuren gebohrten Schacht.

Hexenschuss in der Höhle

Kücha hatte am Dienstag eine Forschungstour abbrechen müssen. Ein schmerzhafter Hexenschuss. So saß er bei den Vorträgen auf einem gepolsterten Stuhl. In der Höhle ist es nicht so bequem. Es ist dunkel, nass und kalt, sagte Kücha. Warum also Höhlenforschung? Die Antwort gab Herbert Jantschke: „Wer auf der Schwäbischen Alb nur spazieren geht, sieht nur die Hälfte.“ Im 165 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet des Blautopf werde jeder Tropfen Wasser unterirdisch abtransportiert. Entsprechend groß seien in einem Zeitraum von bis zu drei Millionen Jahren die Hohlräume geworden.

In dem bislang auf 15 265 Meter Länge vermessenen Blauhöhlensystem, zu dem auch die vom Höhlenverein Blaubeuren betreute 2746 Meter lange Vetterhöhle zählt, gibt es riesige Hallen und kleine Gänge und Spalten. Kücha zeigte eine Aufnahme, wie sich ein Forscher in der „Seißener Unterwelt“ durch eine Engstelle zwängt – und dabei den Atem anhält. Die Zuschauer sahen Bilder von einem wahren Dschungel aus Tropfsteinen, von Wasserfällen und bizarren Kristallen. „Die Höhle muss sich verirrt haben“, zitierte Kücha die Aussage von international tätigen Forschern. Denn bisher war solches nur aus südlichen Ländern bekannt.

Arbeit für nächste Generation

Kücha selbst kämpft seit mehr als zehn Jahren am derzeitigen westlichen Ende der Blauhöhle, das etwa unter dem Ort Wennenden liegt, mit dem „Versturz 3“. Immer wieder kommen er und seine Kameraden in einem Labyrinth zwischen einst herabgestürzten Felsblöcken weiter. Eine jüngst entdeckte Kammer nannten sie „Sterngucker“. Versuche mit Rauchpatronen zeigten, dass die Luft nach Westen abzieht. Ein Hinweis auf folgende Hohlräume. Ziel der Forscher sei, den unterirdischen Weg bis Zainingen am Ende des Wassereinzugsgebiets zu finden, sagte Kücha. „Aber das ist wohl was für die nächste Forschergeneration.“

Lob für die „Gladiatoren vom Blautopf“


Einsatz Karl Bacherle, Leiter der Aktion 100 000 der SÜDWEST PRESSE, lobte den Einsatz der „Gladiatoren vom Blautopf“ in der Unterwelt und für die gute Sache. Die Mitglieder der „Arge Blautopf“ hätten ihren Anteil daran, dass viele Einzelschicksale gelindert werden könnten.

Kunst Die Aufnahmen aus der Höhle sind eine Inspiration für die Kunst. Die Blaubeurer Künstlerin Uschi Braß zeigte im Foyer der Stadthalle Bilder von der Blauhöhle in Öl und Aryl.