Weltgeschehen Höchste Zeit, politisch aufzuwachen

Erhard Eppler (rechts) im Gespräch mit dem Langenauer Bürgermeister Daniel Salemi (links) und seinem Amtsvorgänger Wolfgang Mangold. Die politische Analyse des 91-Jährigen zog zahlreiche Zuhörer in den Pfleghof.
Erhard Eppler (rechts) im Gespräch mit dem Langenauer Bürgermeister Daniel Salemi (links) und seinem Amtsvorgänger Wolfgang Mangold. Die politische Analyse des 91-Jährigen zog zahlreiche Zuhörer in den Pfleghof. © Foto: Barbara Hinzpeter
Langenau / Barbara Hinzpeter 13.04.2018
Die Zuhörer erwarten eine scharfe Analyse von Erhard Eppler. Der 91-jährige Sozialdemokrat enttäuscht sie nicht.

Viele kamen, um den Mann zu hören, der Kirchentage und die Friedensbewegung in den 1980er-Jahren geprägt hat. Sie erhofften von ihm eine Antwort auf die Frage, wie dem unberechenbar scheinenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dem aufkeimenden   Rechtspopulismus in Europa zu begegnen sei.

Denn Erhard Eppler, der streitbare Sozialdemokrat, der früh Abrüstung und Ökologie als zentrale Zukunftsthemen erkannt hatte, gilt als Vordenker nicht nur seiner eigenen Partei. Lautes Poltern war ihm allerdings schon früher fremd. Dass er jetzt mit sehr leiser Stimme und bisweilen etwas zögernd spricht, ist aber auch dem Alter geschuldet.

„Man ist ja schließlich nicht mehr 80“, zitierte er im Pfleghofsaal mit leichtem Augenzwinkern den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer. Nach wie vor ist Erhard Eppler ein Meister der präzisen, verständlichen Sprache. Er argumentiert konzentriert und ebenso lauschen ihm die Zuhörer. Es sei nicht zu erwarten, dass sich der selbstverliebte, die Politik verachtende Donald Trump ändere und sich den „Regeln einer Präsidentschaft“ unterwerfe. „Ich glaube, dass wir in einer sehr gefährlichen und besonders schwierigen Zeit leben“, sagte Eppler.  Wenn das nicht so wäre, „säße ich nicht hier“.

Trump sei ein äußerst geschickter Demagoge. Er habe nie politisch, sondern stets ökonomisch gedacht und stehe für die Herrschaft des Geldes, für einen ausgeprägten Marktradikalismus. Statt Politik mache er „Deals“. Deutschland sei für den US-Präsidenten nicht politischer Bündnispartner, sondern ökonomische Konkurrenz, „die zweitwichtigste nach China“. Als großen Fehler betrachtet Eppler in diesem Zusammenhang „die Art, wie Deutsche und Europäer im Augenblick auf Russland herumtrommeln“. Das erlaube Trump, „ungestört mit uns Schlitten zu fahren“.

Eppler erinnerte an die Aussage Angela Merkels nach ihrem frühen Antrittsbesuch bei Trump: „Wir müssten unser Schicksal jetzt in die eigenen Hände nehmen.“ Leider habe sie versäumt, diesen Satz zu interpretieren. Laut Eppler ist es an der Zeit, „dass Europa erwachsen wird“.

Wettbewerb statt Solidarität

Er sei nicht dafür, „dass wir die Nato heute auflösen“. Diskutiert werden müsse aber über eine Reform des Bündnisses, das aus zwei Säulen bestehen könnte – einer amerikanischen und einer europäischen. Der Sozialdemokrat kritisierte, dass soziale Themen in Brüssel bisher tabu gewesen seien und auch Merkel über Europa stets im Zusammenhang mit „Wettbewerb“ spreche.

Das Wort „Solidarität“ komme bei ihr nicht vor. Statt wenigstens darüber nachzudenken, lehne Merkel europäische Staatsanleihen ab, solange sie lebe, wie sie einmal geäußert habe. „Dabei ist sie doch gar nicht auf Lebenszeit gewählt“, sagte Eppler mit feinem Humor. Er plädierte für ein solidarisches  Europa, „einen demokratischen Aufbruch in der Gesellschaft und eine Aufwertung der Politik“. Die sei nötig.

Denn die nicht nur in den USA zu beobachtende Unzufriedenheit mit „der Politik“ und die Tendenz, Politik durch eine radikale Marktlogik zu ersetzen, spalte die Gesellschaft und widerspreche der Demokratie. Wenn dazu noch ein robuster Nationalismus komme, könne  das durchaus apokalyptische Züge annehmen. Die Bundesrepublik Deutschland sei in eine Verantwortung hineingewachsen, die sie nicht gewollt und nicht erwartet habe. Sie müsse dieser Verantwortung gerecht werden. „Unsere Gesellschaft muss politisch wach werden“, betonte Eppler, dem die Zuhörer lange applaudierten.

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