Vortrag Historiker Matthias Hofmann über die Ursachen der Flüchtlingskrise

Laichingen / EVA MENNER 23.02.2016
"Auf der Flucht" - so lautete das Thema des Tübinger Historikers Matthias Hofmann. Im Alten Rathaus in Laichingen sprach der Orientalist auf Einladung der Volkshochschule über die Flüchtlingssituation.

Der Referent schreckte vor klaren Worten nicht zurück: An der Flüchtlingskrise habe der Westen einen großen Anteil, sagte der Tübinger Historiker Matthias Hofmann bei seinem Vortrag am Sonntag im Alten Rathaus. Zudem sei die Flüchtlingswelle keinesfalls überraschend gekommen - und es gebe sehr wohl Lösungsansätze.

Allerdings nicht die scheinbar einfachen, wie etwa die Grenzen zu schließen. "Wer nichts zu verlieren hat, der lässt sich nicht abhalten und rennt sogar in einen Kugelhagel" sagte Hoffmann in Anspielung auf die abstruse Forderung von AfD-Chefin Frauke Petry, notfalls auch auf Flüchtende zu schießen, um sie an der Einreise zu hindern.

Weltweit gibt es aktuell 60 Millionen Flüchtlinge. "Wir können froh sein, dass 62 Prozent davon Binnenflüchtlinge sind, also innerhalb ihres Landes bleiben, und viele Syrer in der Hoffnung auf baldige Rückkehr nur in die Nachbarländer geflohen sind", sagte er.

Ursachen für Flucht seien Krieg, Verfolgung, Armut und Hoffnungslosigkeit. Dass Menschen aus Schwarzafrika kommen, haben sich die Europäer Hofmann zufolge selbst zuzuschreiben. In der Kolonialzeit hätten sie die kostbaren Rohstoffe ausgebeutet, in den Ländern aber keinerlei Industrie zur Verarbeitung auf gebaut. Dies wirke bis heute nach: In riesigen Monokulturen werde Weizen angebaut, der aber nicht zum Brotbacken verwendet wird, sondern zur Gewinnung von Bio-Ethanol. Altkleider aus Europa würden auf Flohmärkten in Afrika billig verramscht und zerstörten die dortige Textilindustrie.

Um die Lage der Menschen in Afrika zu verbessern und somit die Flüchtlingsströme einzudämmen, hat Hofmann durchaus Vorschläge. Keine Monokulturen mehr oder zumindest auch Beteiligung an der Verarbeitung, keine europäischen Fischereiflotten vor der westafrikanischen Küste, kein Handel an der Börse mit Grundnahrungsmitteln.

Mit dem libyschen Diktator Muammar Al-Gaddafi habe der Westen einst ausgehandelt, dass der sich um die Flüchtlinge kümmert - und dann weggeschaut. "Gaddafi hat sie zwar in der Wüste verrecken lassen, aber so kamen sie wenigstens nicht nach Europa", so Hofmann mit drastischen Worten. Nach Gaddafis Tod und der Rebellion im arabischen Raum war die Arbeitslosigkeit in Libyen hoch. Entweder hatte man einen der raren Jobs in der Ölindustrie, machte bei den Milizen mit oder wurde Schlepper, um seine Familie zur ernähren. Hofmann warnte vor Überheblichkeit: "Wie dünn unsere Zivilisationsschicht ist, sieht man schon beim Kampf um einen Parkplatz."

Der Nahostexperte prangerte auch die einseitige Betrachtung an. Der Iran gelte hierzulande als böse, Saudi-Arabien, wo Frauen rechtlos sind und grausame Strafen vollstreckt werden, dagegen als guter Verbündeter. Auch der türkische Präsident Erdogan werde hofiert, damit er Europa bei der Flüchtlingsproblematik hilft. Wirtschaftlich spreche zwar vieles für einen EU-Beitritt der Türkei. "Das wäre ein wirtschaftlich starkes Einzahlerland", sagte Hofmann. Man müsse aber den politischen Einfluss bedenken, den die Türkei dann hätte. Aufgrund ihrer Bevölkerungszahl wäre sie das Land mit den (nach Deutschland) zweitmeisten Abgeordneten im EU-Parlament.

Die Idee, Schlepperboote zu versenken, hält Hofmann für abstrus. Um sicher zu sein, dass kein Flüchtling auf einem Schiff sei, müsste man die Schiffe im Hafen versenken, also auf fremdem Territorium.

"Die Flüchtlingsproblematik bekommen wir nur in den Griff, wenn wir die Ursachen in den Herkunftsländer bekämpfen", sagte Hofmann. Angesichts der aktuell zurückgehenden Zahlen dämpfte er Hoffnungen: "Mit der wärmeren Jahreszeit steigen sie wieder."

Viel Zustimmung gab es in Laichingen für den Experten, eine seiner Meinungen teilten indes nicht alle. "Wir müssen die jungen Leute, die bei uns ihre Ausbildung gemacht haben, wieder zurück schicken, wenn sich dort die Lage entspannt hat. Nur sie können ihr Land wieder aufbauen", ist er überzeugt.