Ulrich Müller denkt in langen Zeiträumen. Seit mehr als 30 Jahre steht der 59-Jährige dem BUND in Dietenheim vor, seit 15 Jahren ist er zudem Vorsitzender des BUND-Regionalverbands Donau-Iller. In dieser Funktion begleitet er die Renaturierung der Iller schon sein halbes Leben lang. Oder wie er es nennt: „Die Bemühungen, den Fluss etwas naturnaher zu machen“. Diese Bemühungen sieht Müller nun gefährdet. Sein Gegner: Die Fontin & Company aus München, die an der Iller zwischen Memmingen und Illertissen acht so genannte Schachtkraftwerke in bestehende Querbauten einbauen möchte. Gegen diese Kraftwerke kämpft Ulrich Müller. „Es wäre kontraproduktiv, die Iller energetisch zu nutzen“, sagt er. Zumindest das, was von dem Fluss noch übrig ist. Denn: Bereits rund 90 Prozent des Illerwassers werden zur Stromgewinnung genutzt. Es fließt in Kanälen neben dem eigentlichen Fluss und läuft dabei durch die Kraftwerke der großen Energiekonzerne. „Die restlichen zehn Prozent sollten ökologisch genutzt werden“, fordert Müller.

Gegen die geplanten Kleinkraftwerke ist der Naturschützer deswegen, weil er langfristig denkt. Und sein langfristiges Ziel ist eine naturnahe Iller. Diese würden die Kraftwerke in weite Ferne rücken lassen. „Die Kraftwerke setzen einen Fixpunkt“, befürchtet Müller. Ein Rückbau der zahlreichen Querbauten sei dann so gut wie undenkbar. Genau das seit aber wichtig, um die Iller zu renaturieren, sagt Müller. Die Querbauten verhindern nämlich, dass Geschiebe den Fluss entlang wandern kann. Dabei handelt es sich um Felsabbrüche, die am Alpenrand in die Iller gelangen und dann bis zur Mündung zu kleinen Kieselsteinchen geschliffen werden. „Das Flusssystem funktioniert nur mit Geschiebetransport“, sagt Müller. Die Artenvielfalt würde dadurch steigen und das von der EU vorgegebene Ziel eines zumindest „guten“ ökologischen Zustands des Flusses könnte erreicht werden.

Hier hält die Fontin & Company dagegen und führt ebenfalls ökologische Argumente ins Feld. Sie betont, dass die geplanten Kraftwerke beispielsweise die Durchgängigkeit des Flusses für Fische verbessere. Das sieht auch Oliver Born so. Aus Sicht des Fischereiberaters des Bezirks Schwaben wäre der Bau von rauen Rampen aber die bessere Lösung. Die sind jedoch sehr teuer, weswegen die Planer argumentieren, dass der Bau der Kleinkraftwerke deutlich schneller zu einer Durchlässigkeit des Flusses führe.

Das Besondere an den neu entwickelten Kraftwerken ist, dass nur ein Teil des Wassers in den Schacht in Richtung Turbine stürzt. Der andere Teil strömt hingegen darüber hinweg, sodass Fische die Querbauwerke künftig passieren könnten. Insgesamt könnten die acht geplanten Kraftwerke der Fontin & Company an der Iller rund 12,4 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren. Für Müller ist das im Vergleich zu den bestehenden Kraftwerken zu wenig.

Die zuständige Genehmigungsbehörde teilt Ulrich Müllers langfristige Sichtweise wohl nicht. Das Verfahren sei weitestgehend gediehen, mit einer Genehmigung in „wenigen Wochen“ zu rechnen, erklärt Reinhold Ranz. Auf eine langwierige und teure Umweltverträglichkeitsprüfung verzichtet die Behörde. „Die Vorprüfung hat ergeben, dass keine wesentlichen Verschlechterungen für die Umwelt zu erwarten sind“, sagt der Fachbereichsleiter Umweltschutz im Landratsamt des Alb-Donau-Kreises.

Das sehen die Umweltverbände erwartungsgemäß anders, der Bund Naturschutz im Kreis Neu-Ulm hat schon länger eine Klage gegen die Genehmigung des Landratsamtes angekündigt. Müller und die württembergischen Naturschutzverbände beraten noch, wie die Klage der bayerischen Seite unterstützt werden kann. Die Planer könnte allerdings ihrerseits einen sofortigen Vollzug der Genehmigung beantragen, auch dagegen könnten die Naturschützer dann Einspruch einlegen. „Vorbei ist da noch lange nichts“, sagt Reinhold Ranz.

Kraftwerk-Prototyp zu besichtigen

Vorstellung Wie funktioniert das Schachtkraftwerk? Diese und weitere Fragen beantworten die Verantwortlichen von Fontin&Company und der TU München am Samstag, 15. Oktober, ab 12 Uhr in der Versuchsanstalt der Universität in Obernach. dna