Vorwürfe Bürgermeister will nicht mehr zurück ins Rathaus

Joachim Lenk 05.01.2018
Der krankgeschriebene Bürgermeister von Heroldstatt, Ulrich Oberdorfer, wirft seinem Vorgänger Karl Ogger vor, gegen ihn zu agieren. Einen Rücktritt schließt er aus.

Er sieht nicht schlecht aus, mit seiner neuen Brille und dem Drei-Tage-Bart. Die Rede ist von Heroldstatts Bürgermeister Ulrich Oberdorfer, der seit 1. Februar 2017 krankgeschrieben ist (wir berichteten). „Angeschlagen und innerlich leer“, wie der 53-Jährige in den vergangenen Monaten von Gemeinderatsmitgliedern beschrieben wurde, wirkt er beileibe nicht. Zusammen mit seiner Frau Ingrid sitzt der Schultes im Wohnzimmer seines Eigenheims in Justingen. Ihnen gegenüber haben zwei Journalisten Platz genommen, die Oberdorfer zum Gespräch eingeladen hat.

„Das Maß ist voll. Ich habe die Schnauze voll von den Intrigen und Machenschaften von Teilen des Rathauses und des Gemeinderates“, wettert Oberdorfer gleich zu Beginn des knapp vierstündigen Gespräches. „Und von den Falschmeldungen, die über mich teils verbreitet wurden.“ Er erinnert dabei an ein Ulmer Lokalradio, das berichtet hatte, vom Heroldstatter Schultes „fehlt mittlerweile jede Spur“.

Es treffe zu, dass er seit einem Monat nicht mehr auf dem Diensthandy erreichbar sei. „Das hat das Rathaus am 4. Dezember als gestohlen gemeldet und sperren lassen.“ Das sei ein abgekartetes Spiel, ärgert sich Oberdorfer und legt das vermeintlich abhanden gekommene  Smartphone auf den Tisch. Wer darauf anruft, hört, dass „der Gesprächspartner vorübergehend nicht zu erreichen“ ist.

„Auf Knien bearbeitet“

Das ist einer der Gründe, weshalb der weiterhin krankgeschriebene Schultes an die Öffentlichkeit geht. „Ich bin nach wie vor gerne Bürgermeister, mit Leib und Seele“, versichert er. Dabei erinnert der 53-Jährige an die glücklichen Jahre in Griesingen, wo er 17 Jahre lang Chef im Rathaus war. Und dort wäre er vermutlich heute noch, wenn nicht sein Vorgänger in Heroldstatt, Karl Ogger, der Gemeinderat und die meisten Vereine im Ort ihn „auf Knien bearbeitet“ hätten, im Herbst 2013 für das Amt zu kandidieren. Der Grund: Man habe damals die angetretenen Kandidaten, einen Fahrlehrer, einen Industriekaufmann und einen Vermessungsingenieur, verhindern wollen, sagt Oberdorfer rückblickend. „Mit einem, der sein Handwerk versteht.“

Die Rechnung ging auf. Mit knapp 67 Prozent der Stimmen wurde Oberdorfer im ersten Wahlgang gewählt und trat am 11. Januar 2014 seinen Dienst an. „Ich habe mich sehr gut eingelebt, bin von allen Seiten mit offenen Armen empfangen worden und fühle mich richtig wohl“, sagte er 100 Tage später dieser Zeitung. Kurz danach habe laut Oberdorfer das Schicksal seinen Lauf genommen. „Und ich hatte keinen Himmel mehr auf Erden.“

Los ging es mit den Querelen beim Sportclub Heroldstatt. Damals stand der Verkauf des Sportgeländes in Ennabeuren an, um sich in Zukunft auf einen gemeinsamen Standort in Sontheim zu konzentrieren. Sein Vorgänger habe ihm dieses „im Ort äußerst emotional geführtes Thema bewusst überlassen, um sich keine Feinde zu machen“. Ogger habe sich dann als Privatmann „überall eingemischt und ist mir in den Rücken gefallen“. Erst nach eineinhalb Jahren habe er den Zentralschlüssel für das Rathaus zurückgegeben.

Über eine Mitarbeiterin habe Oberdorfer schließlich erfahren, dass sich Ogger unerlaubt Bauakten aus dem Rathaus von den Sportplätzen Ennabeuren und Sontheim geholt habe. Inzwischen sei dieses Thema jedoch vom Tisch. Der Verein habe das Sportgelände in Ennabeuren an die Gemeinde verkauft, die dort dieses Jahr ein neues Baugebiet erschließen wolle.

„Ich war nie gegen den Bahnhalt Merklingen, sondern für eine vernünftige Finanzierung gewesen“, beteuert Oberdorfer, als er ein weiteres „heißes Eisen“ anspricht. Er habe nur auf einen „entsprechenden Vertrag“ mit dem Land über die gemeinsame Finanzierung gepocht. „Und das war und ist auch absolut so richtig gewesen“, unterstreicht Oberdorfer. Trotzdem: „Die Zeit für mich persönlich war sehr anstrengend“, da man ihm im Gemeinderat, im Kreise der Kollegen und in der Bevölkerung, „inklusive Karl Ogger“, unterstellt habe, er wolle dieses Projekt verhindern.

Verhindern sollen hätte er, wäre es nach dem Willen einiger Bürger gegangen, die Flüchtlingsunterkunft im Industriegebiet, die der Landkreis für 60 bis 80 Asylbewerber angemietet hatte. Die Anfeindungen gegen den Schultes seien so weit gegangen, dass eines Tages auf Oberdorfers Nachbargrundstück in Justingen ein Gegner gesichtet worden sei. „Nicht nur ich, auch meine Frau wurde aufs Übelste beleidigt und bedroht.“ Oberdorf weiter: „Wir hatten richtig Angst.“

So kam es, dass er im Frühjahr 2016 fix und fertig gewesen sei und nicht mehr schlafen konnte. Deshalb verbrachte Oberdorfer zehn Wochen in einer Burn-out-Klinik in Göppingen. Danach machte er bis Mitte August Urlaub, um – frisch gestärkt – ins Rathaus zurückzukehren.

Millionenprojekt abgelehnt

Kaum zurück, hat sich Oberdorfer nach eigener Aussage mit Vorgängen in der Verwaltung beschäftigt und ist in einen neuen Konflikt geraten. Über die Ergebnisse habe er „entsprechende Mandatsträger und verantwortliche Personen“ inzwischen informiert. Daraufhin sei es mit der Loyalität einiger Mitarbeiter zu Ende gewesen. Am 30. Januar 2017 sei dann in einer nichtöffentlichen Sitzung des Gemeinderats ein „zukunftsweisendes Millionenprojekt“ in Breithülen, von dem nicht nur Heroldstatt, sondern auch Schelklingen profitiert hätte, mehrheitlich abgelehnt worden. „Nur wegen Animositäten innerhalb des Gremiums“, sagt Oberdorfer. Als dann noch ein Gemeinderat ihn und einen Ratskollegen aufs Übelste beleidigt und unter der Gürtellinie beschimpft habe, „wusste ich innerlich, dass es für mich in Heroldstatt keine Zukunft mehr gibt“.

Oberdorfer wurde am 1. Februar 2017 krankgeschrieben. Im Frühjahr erhielt er dann einen Platz in einer Akutklinik in Bad Saulgau, die er nach knapp zwei Monaten wieder verlassen konnte. Inzwischen gehe es ihm wieder „relativ gut“.

Rücktritt keine Option

Nachdem Oberdorfer inzwischen keinen Hehl mehr daraus macht, nicht mehr nach Heroldstatt zurückkehren zu wollen, kommt natürlich die Frage, weshalb er nicht, wie kürzlich sein Amtskollege aus Amstetten, freiwillig zurücktrete? „Wenn ich um meine Entlassung bitte, muss nach dem Gesetz nicht Heroldstatt, sondern Griesingen meine Pensionslasten bezahlen. Und das geht nicht“, sagt Oberdorfer. „Nach diesen ganzen Machenschaften, da würden Viele sich ins Fäustchen lachen.“

Der Aufforderung des Landrates, jetzt einen Amtsarzt aufzusuchen (wir berichteten), will Oberdorfer nachkommen. Er habe bei der zuständigen Stelle in Reutlingen bereits „um einen baldigen Termin“ gebeten. Eines ist für Oberdorfer sicher: „Die Gemeinde Heroldstatt betrete ich so schnell nicht mehr.“ Etwas tue ihm diese Entscheidung aber heute schon leid. Es gibt noch sehr viele Heroldstatter, „die auf mich zählen“. Oberdorfer berichtet von „unzähligen Krankenbesuchen“ in den vergangenen Monaten und zieht Weihnachts- und Neujahrskarten hervor, die ihm Gemeinderäte, Rathausbedienstete, beide Pfarrer und andere Bürger geschickt haben.