Ringingen / Von Thomas Vogel

Die Wurstwecken auf dem Tresen des Sportheims wirken beruhigend – ein Imbiss für Zwischendurch ist demnach garantiert. Ohne einen solchen wäre ein solches Turnier wohl kaum zu überstehen, jedenfalls nicht ohne eklatante Aussetzer bei der Konzentration. Man braucht ein wenig Glück bei dieser Sache, das auch. Aber ohne ein hellwaches Gehirn wird man nicht weit kommen. Und der Abend ist lang, sehr lang. Genauer gesagt: mehr als fünf Stunden lang. Erst kurz nach Mitternacht findet die Ehrung der Sieger statt. Für Binokel-Turniere muss man viel Zeit mitbringen und viel Ausdauer.

88 Menschen haben sich an diesem Abend im Domizil des SV Ringingen eingefunden, ein eher kleineres Turnier. Für die allermeisten ist der Überraschungsfaktor gering, sind sie doch Mitglieder einer eingefleischten Szene, die quasi von Turnier zu Turnier hüpft. Carmen Hübner aus Gutenzell zum Beispiel geht bis zu 50 Mal im Jahr an den Start. Oder Hans-Jürgen Pachl aus Öpfingen, der „manchmal drei an einem Wochenende macht und zwei an einem Tag“, 60 bis 70 im Jahr. Ein Profi also? Er schüttelt den Kopf, doch die andere am Tisch insistieren: „Doch, doch, der isch des scho.“

Die meisten reisen in Gruppen von Turnier zu Turnier, die Termine haben sie im Kopf. Nun neigt sich die Saison langsam dem Ende zu. Irgendwann ist den meisten der Teilnehmer der Rahmen am häuslichen Kartler-Tisch zu eng geworden. Witwen und Witwer überwiegen in der Runde von Antonie Rehm aus Ehingen, die noch Schemmerberg, Kirchen und Öpfingen im Blick hat: „Ganz klar, da sind wir wieder dabei.“ Das sei „doch besser als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen“.

Beim Regelwerk hat jedes Turnier seine Besonderheiten. Damit alle Teilnehmer auf dem gleichen Stand sind, liegt an jedem Tisch ein Merkblatt aus. Kein Veranstalter möchte riskieren, dass aus dem spielerischen Reizen ein gereiztes Spielen wird. Einen Verband, der über das Regelwerk wacht, gibt es beim Binokel nicht, das manche auch Benokel, Binocle oder Benogl nennen.

Nach der Begrüßung durch Spielleiter Reiner Bertsch vom SV Ringingen, nehmen die per Los ermittelten Dreier-Teams ihre Plätze ein. Erstes Mischeln und schon ist man mittendrin in der ersten von drei Runden mit je 15 Spielen. Im Raum wird es  ruhiger. Der Abend gebiert die ersten Gewinner – und Verlierer. Staucht da etwa jemand einen Mitspieler zusammen? „Unterm Spiel darf man gar nichts sagen, und danach kann man auf Fehler hinweisen“, verrät Daniel Troll, Oberholzheimer, in einer Pause den Verhaltenskodex. Trotz mancher Frotzelei bleibt die Stimmung an den Spieltischen locker. Bertsch wird am nächsten Morgen nicht von ungefähr von einem „richtig guten Abend“ sprechen.

Daniel Troll, auch er ein „Profi“, landet am Schluss im vorderen Mittelfeld. Er ist übrigens durch eine harte Schule gegangen, bis er der Spieler wurde, der er heute ist. Einer, der ein Spiel lesen, einen Spielzug sezieren kann. Beigebracht habe ihm das schon als Kind seine Oma, die „mit 90 noch gespielt hat“. Wenn er was falsch machte, „dann setzte es eine Backpfeife“, erzählt Troll: „Das haste dir dann gemerkt fürs nächste Mal.“

Franz Kurz aus Dächingen ist Gewinner des Abends

Sieger Franz Kurz aus Dächingen erhielt beim Ringinger Binokel-Turnier den Siegerkranz samt 150 Euro Preisgeld; den zweiten Platz belegte Peter Köpple aus Ulm, im anderen Leben SWR4 Moderator.

Binokel Ist eine württembergische Kartenspielspezialität, die im angrenzenden Ausland so gut wie unbekannt ist oder dort allenfalls von Exilanten hoch gehalten wird. Binokel gehört zur Familie der Stichspiele. Beim Dreierspiel – es kann mit zwei bis acht Spielern gespielt werden – spielen alle gegeneinander. Nach dem Austeilen wird um den Dabb (Stapel unausgeteilter Karten) gereizt. Reizwerte sind dabei die Augen der erwarteten Stiche und Meldbilder. Wer am höchsten gereizt hat, muss das Spiel gewinnen, also mehr Punkte einfahren, als gereizt worden waren.